FrontGesellschaftYannik, ein toller Junge!

Yannik, ein toller Junge!

Josef Jendly hat in der Coronazeit täglich eine Kurzgeschichte geschrieben. Es sind einfache, berührende und nachdenkliche Geschichten, die vom erlebten Alltag in der Quarantäne erzählen. Heute veröffentlichen wir eine letzte Auswahl seiner Geschichten: 

Rolf Dobelli schreibt in seinem Buch «Die Kunst des digitalen Lebens»: «News tun uns nicht gut. Sie vernebeln unseren Geist, verstellen uns den Blick für das wirklich Wichtige, machen uns depressiv und lähmen unsere Willenskraft». Hätte ich vor einigen Wochen diesen Aussagen noch teilweise zustimmen können, so trifft dies heute in Zeiten der Corona-Pandemie keinesfalls mehr zu. Dass wir via Radio und Fernsehen die notwendigen Infos mitbekommen, ist geradezu notwendig, gilt es doch, die Anweisungen umzusetzen und strikte zu befolgen. Nichtwissen zählt nicht! Kommt noch hinzu, dass wir alle erstmalig mit einer solchen Weltkrise konfrontiert sind, und da möchten wir doch schon als Lernende, Wissende und Mitdenkende mit den noch möglichen Gesprächspartnern mitdiskutieren können. Und unsere Neugier möchte uns doch auch sehen und hören lassen, wie Deutschland mit dieser Krise umgeht, wie stark die Italiener unter dieser grossen Not zu leiden haben, wie die USA erst unter falschen Annahmen die Problematik angegangen sind, wie hoffnungsvoll und zielgerichtet die verschiedensten Wissenschaftler nach Bluttests, Antiviren, Impfstoffen und sogar Wassertests dem unheilvollen Virus begegnen und uns alle dagegen immun machen wollen. Genau das ist interessant. Auch wenn ich längst nicht alles wissen muss, wäre es doch jammerschade, in diesen vielen Spezialsendungen zum Thema «Corona» lediglich News zu sehen, die mich vom wirklich Wichtigen abhalten würden. Möglicherweise mag Dobelli mit seiner Antinews-Einstellung zu bestimmten Zeiten auch recht haben, aber heute nicht. Und wir sehen einmal mehr, dass aufgestellte Meinungen schon nach kurzer Zeit ihre Bedeutung verlieren können. Ein gutes Buch, ja, aber heute erst nach den wichtigen News-Zeiten.

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Yannik, ein toller Junge, ist eben 2o Jahre alt geworden und steht kurz vor der Abschlussprüfung als Kochlehrling. Und nun also die Corona-Epidemie. Das Restaurant, in dem Yannik die Lehre absolvierte, musste schliessen, und er stand kurz vor seinem Abschluss auf der Strasse. Was tun? Er griff kurz entschlossen zum Telefon und fand schon nach einigen Anrufen eine neue Aufgabe, und zwar im benachbarten Altersheim. So weit, so gut, aber in diesem Heim wurden kurz zuvor bereits zehn Corona-Fälle registriert. Yannik sagte trotzdem zu, begab sich tags darauf in die Grossküche des Altersheims und begann hier, seine Kochkünste für ältere und isolierte Menschen einzusetzen. Schon kurz nach seinem Ersteinsatz kam dann sein neuer Küchenchef vorbei und informierte ihn darüber, dass er in dieser Küche alle für seine Schlussprüfung erprobten und notwendigen Kochproben einüben und seriös vorbereiten könne und er stehe ihm jederzeit gerne für alle seine Vorbereitungen zur Verfügung. Yannik freute sich natürlich sehr über diese Botschaft und sah seinen Einsatz bereits belohnt. Wie er dann mit der gelebten Realität der Krise innerhalb des Heimes zurechtkam, entgeht meiner Kenntnis, aber es war jedenfalls eine gelebte Solidarität, weitab von Balkonklatschen und Videosequenzen, aber effizient und unkompliziert. Yannik, ein toller Junge!

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Guiseppe Conte, Italiens Premier, ergeht es zurzeit wie fast allen Regierungschefs und Verantwortlichen der Coronakrise: gut und akzeptiert bei strengen Massnahmen, schlecht und ausgebuht bei den Lockerungsmassnahmen. Fast alle haben recht schnell eingesehen, dass in dieser ungewissen Pandemie Eingriffe in die persönlichen Freiheiten notwendig waren, aber nun nicht verstehen wollen, dass auch die Lockerungen ihre Vorsicht und Behutsamkeit verlangen. Währendem etwa in der Schweiz und in Deutschland trotz föderalen Institutionen nach einheitlichen Lösungen für das ganze Land gesucht wird, tönt es in ganz Italien gerade umgekehrt: Die verschiedenen Regionen verlangen, weil unterschiedlich von Corona betroffen, auch unterschiedliche Lockerungen. So distanziert sich etwa Sizilien von Contes Lockerungen, und der Gouverneurin von Kalabrien geht die Öffnung viel zu langsam. Hatte vor Wochen die Regierung verlangt, die süditalienischen Arbeiter in der Lombardei sollen ja nicht nach Hause fahren und das Virus einschleppen, so sagen heute die Süditaliener, ihre nördlichen Mitbewohner möchten ja im Norden bleiben. Im Parlament kommt es deswegen zu Tumulten: Conte solle sich bitte um die Italiener kümmern statt eigenmächtig zu regieren, die Fünf-Sterne-Bewegung wolle ihm das Vertrauen entziehen und die Lega findet sowieso alles falsch und ihre Abgeordneten übernachten deswegen gleich im Parlamentsgebäude. Und so lautet schlussendlich das Fazit der ersten Parlamentssitzung: Alle waren froh, endlich wieder einmal im Rampenlicht gestanden und nichts beschlossen zu haben. O bella Italia!


Josef Jendly ist 79 Jahre alt und lebt mit seiner Frau Carla in Düdingen, ist Vater dreier Töchter und Grossvater von fünf Grosskindern. Er hat 70 Geschichten verfasst, die er demnächst in einem kleinen Buch veröffentlichen wird. Über sich selber schreibt er: «Ich schreibe gerne und bin oft als Jogger oder Wanderer im nahen Wald unterwegs und habe bis anhin die Coronaepidemie sehr gut überstanden». (Red.)

 

1 Kommentar

  1. Die Geschichte gefällt mir. Ich bin gespannt auf weitere Geschichten von Josef Jendly und freue mich darauf.

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