StartseiteMagazinKulturEin Regensdorfer Traumspiel

Ein Regensdorfer Traumspiel

Ein Bürokomplex wird abgerissen und hegt als letzten Wunsch, eine Liebesgeschichte zu erleben. Davon geht Carmen Stadler im Film «Sekuritas» aus und nimmt uns mit ins Innere eines Hauses und einiger Menschen: unterhaltsam, schmunzelnd, hintersinnig.

Doch wer kommt dafür in Frage? Die geheimnisvolle Wachfrau, der arabische Putzmann, die verträumte Sekretärin, der HR-Mitarbeiter ohne Hose, der kauzige Koch oder der angeschlagene Chef einer Firma? In spärlich erleuchteten Räumen, labyrinthischen Gängen, zwischen verlassenen Arbeitsplätzen und tanzenden Zimmerpflanzen begegnen sich Menschen, ziehen sich magnetisch an oder weichen sich aus. Manchmal hilft das Gebäude selbst mit einem Stromausfall nach. – «Sekuritas» ist ein Kaleidoskop über Sehnsucht und Sicherheit, mit Bildern und Melodien, die ein Haus durchwirbeln, eine verspielte, schräge Nocturne, ein Märchen im Hier und Jetzt, nämlich in einem Bürokomplex in Regensdorf.

Wer von uns hatte nicht schon mal die Idee, ein Haus müsste uns seine Geschichten erzählen? Seine Mauern und Wände, Fenster und Türen, Tische und Stühle haben so vieles erlebt. Dazu kommen die Menschen, die hier ein- und ausgegangen sind. Und all die Worte und Blicke, Mimik und Gesten, Klänge und Melodien, die solche Geschichten kreieren könnten. – So etwa, denke ich, könnte die Vorgeschichte des Films «Sekuritas» von Carmen Stadler ausgesehen haben.


Die Wachfrau

Ein kleiner grosser Schweizer Film

Nach der ersten Vision des Films war ich etwas ratlos, jedoch neugierig, nach der zweiten Vision begeistert: Die Schweizerin Carmen Stadler hat sich mit «Sekuritas» in die internationale Gemeinde der absurden Filmemacher eingereiht: neben Alaa Eddine Aljem mit «Le Miracle du Saint Inconnu», Elia Suleiman mit ust «It Must Be Heaven», Roy Andersson mit «A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence», «About Endlessness» und Rúnar Rúnarsson mit «Echo».

Die 1978 in Dielsdorf geborene Regisseurin erzählt ihre Geschichte weder logisch noch psychologisch, sondern poetisch. Sie träumt mit uns einen Film, pendelnd zwischen real, irreal und surreal: realisiert mit einer wunderbar choreografierten Bild- und Tongestaltung, mit einer meisterhaften Montage von Bild und Bild, Ton und Ton sowie Bild und Ton und mit überzeugenden Schauspielerinnen und Schauspielern. «Sekuritas» besteht, wenn ich ihn in Begriffen zu fassen versuche, aus zahllosen Objets trouvés und Fragmenten, welche eine grosse Collage bilden – Materialien, mit denen die Kunst des 20. Jahrhunderts sich neue Räume erobert hatte.


Der Putzmann

Ein Bürokomplex beginnt zu erzählen

Da Carmen Stadler nicht nur gut filmen, sondern darüber auch gut schreiben kann, übergebe ich ihr das Wort: «In einem kleinen Haus im Industriequartier war mein Arbeitsplatz. Viele Jahre arbeitete ich da. Das Abrissdatum wurde immer wieder verschoben, dann, eines Tages, stand es fest. Wenn das Haus knarrte und knackte, in der Nacht der Lichtschalter nicht funktionierte, verstand ich das als Zeichen: Das Haus schickt mich heim. Manchmal blieb ich, ging auf die Dachterrasse, blickte übers menschenleere Industriequartier. Je weniger Lichter brannte, desto verbundener fühlte man sich mit diesen. Es ist ein Niemandsland, das auf den ersten Blick als nichts Besonderes daherkam. Schaute ich genauer hin, entdeckte ich einen betörenden, melancholischen Zauber. Hier dachte ich über Sicherheit und Einsamkeit nach, zwei Themen, die mir ein grosses Anliegen sind und die ganze Gesellschaft betreffen.

Arbeitet man allein, ist oft das Haus der einzige Zeuge für das, was man tut, und die Stühle, Tische, Türklinken sind die einzigen Berührungen. Das Wachpersonal und die Putzequipen arbeiten an unseren Plätzen, während wir Feierabend haben. Damit entsteht eine indirekte Nähe. Sie entfernen unsere Spuren und erfahren so viel mehr über uns als wir über sie. Obwohl Wachleute als Hobby-Polizisten belächelt werden, etwas Verstaubtes an ihnen haftet, sie nach wie vor mit papiernen Rapportblöcken arbeiten, entdeckte ich bei Recherchen, dass die Wirklichkeit meine Vorstellungen über sie bei weitem übertriff. Ihr einsames Leben zwischen Routinekontrolle und Alarmbereitschaft, zwischen inneren philosophischen Exkursen und sozialem Auf-der-Hut-Sein, treffen bei mir einen Nerv. Ich sehe etwas Verspielt-Komisches, Grund-Mutiges und Versteckt-Trauriges in ihnen.

So auch bei der Wachfrau im Film: Sie hat einen Selbstschutz aufgebaut, verhält sich gegenüber anderen distanziert und kontrolliert. Doch nach und nach werden Gefühle an sie herangetragen und ihr Panzer wird durchlässig. Sie verliebt sich in den Putzmann. Nicht wissend, wer er ist; seine ausländische Herkunft und das Verliebtsein bereiten ihr Angst. Sie verdoppelt die Kontrolle und wird gleichzeitig unkontrollierter. Als ihr das bewusst wird, handelt sie konsequent und legt die Wachuniform ab. Mit Zuneigung für diese unsichtbaren Menschen und auch die Objekte, die hinter Hausmauern und unter Staubschichten liegen, verpackte ich diese Bilder und Stimmungen in eine filmische Geschichte.


Der Firmenchef

Von der verspielten Liebesgeschichte …

Am Ende ergeben sich zweieinhalb Liebesgeschichten: die romantische Liebe zwischen dem Putzmann und der Wachfrau, die Bruderliebe zwischen dem Firmenchef und dem Koch und der kurze Fensterflirt der Sekretärin. Darin liegt für mich der eigentliche Kern von «Sekuritas»: in der Liebe findet sich das Vertrauen ins Leben.

Visuell setzten wir gezielt die Sichtbarkeit und die Unsichtbarkeit ein. Die Bewegungen im Haus und die Lichter, die angezündet und gelöscht werden, ergeben immer wieder neue Bildkompositionen und eine choreografische Verkettung. Stilmittel wie indirekte Beobachtungen über Fensterspiegelungen, Schatten an den Wänden und lange Überblendungen, welche die Lichter oder die Figuren in den Räumen verbinden, runden den Nachtkosmos ab.

… zur allgemeingültigen Parabel

So begann auch mein Drehbuchschreiben mit dem versponnenen Witz, einen Bürokomplex als eigenständige Figur ins Spiel zu bringen. Die philosophischen, gesellschaftlichen und alltäglichen Themen des Films wie Arbeitsplatzverlust, Firmenkonkurs, Angst vor dem Fremden, Suche nach Sinn, lassen sich aus dem Mikrokosmos des Bürokomplexes auf unsere Welt übertragen. Mein Film ist eine Hommage an Häuser, Menschen, an die vorhergehende Generation, die uns bald verlassen wird, und an Weggenossen, die wir manchmal kaum wahrnehmen und die doch so wichtig sind.


Die Sekretärin

Ein Industrieort wird zur Filmhandlung

Und wie im Drehbuch angedacht, besitzt das Haus selber ein geräuschvolles Eigenleben: Wind, der in den Gängen heult, pfeifende Rohre, laut rumorende Heizkörper und Neonröhren, die sich mit einem begrüssenden Pling-Pling einschalten. Rückblickend denkt man daran, dass es ebenfalls Töne waren, die jahrzehntelang den Takt angegeben haben für ein stolzes Werk internationaler Tontechnikgeschichte, die im Gebäude von Studer-Revox geschrieben wurde. Willi Studer entwickelte dort als Pionier der Audiotechnik ab 1949 Tonbandgeräte. Diese sollten die Stimme widergeben, daher der Name «re-vox». Nun soll das Gebäude bald abgerissen werden – ganz so wie das Bürohaus im Film mit seinem Wunsch ein letztes Mal aufblühte, erlebt Studer-Revox im alten Gemäuer noch eine letzte lebendige Geschichte, die Fiktion und Realität verbindet.

Regie: Carmen Stadler, Produktion: 2019, Länge: 115 min, Verleih: Filmcoopi

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