FrontKulturMit Gioconda Segantini auf Spurensuche

Mit Gioconda Segantini auf Spurensuche

Die Enkelin des Kunstmalers Giovanni Segantini führte eine Reisegruppe von Savognin bis ins Bergell. Die Familiengeschichte wurde dank ihrer Erzählungen in den vier Tagen zum Erlebnis.

Gioconda Segantini ist die letzte lebende Enkelin des Malers Giovanni Segantini (1858-1899) und seiner Lebensgefährtin Bice Bugatti. Sie publizierte eine umfassende Biographie über ihren Grossvater und widmet sich dem Familienarchiv mit mehr als 5000 Dokumenten. Der Kunsthistoriker Daniel Kletke erschliesst dieses Archiv, das seit mehr als hundert Jahren ruhte. Gemeinsam führen die beiden Reisen zu den Originalschauplätzen im Leben des Künstlers durch, organisiert von der Reisehochschule Zürich.

Le due madri (Ausschnitt), Signatur: «cominciato Giov. Segantini 1899 completato Giov. Giacometti 1900.» Gut sichtbar ist die divisionistische Malweise mit dichtem Liniengefüge in den Komplementärfarben. Bündner Kunstmuseum Chur. Foto: rv

Einen schönen Einstieg bot das Bündner Kunstmuseum Chur, das verschiedene Werke von Segantini sowie von seinem um zehn Jahre jüngeren Schüler Giovanni Giacometti (1868-1933), dem Vater Alberto Giacomettis, präsentiert und dessen Atelier in Stampa besichtigt werden kann. Die grosse Verbundenheit der beiden Künstler zeigt die Signatur auf dem unvollendeten Werk «Le due madri», das auf Bitte von Bice Segantini von Giacometti nach Segantinis frühem Tod vollendet wurde. Giacometti war es auch, der Segantini auf dem Totenbett malte.

Giovanni Segantini wurde am 15. Januar 1858 im damals österreichischen Arco nördlich des Gardasees geboren. Als er siebenjährig war, starb seine Mutter und der verarmte Vater brachte ihn zur Halbschwester nach Mailand, wo er unter widrigsten Umständen leben musste. Sie veranlasste, dass ihm die österreichische Staatszughörigkeit entzogen wurde in der Hoffnung, ein italienisches Waisenhaus würde ihn aufnehmen. 1870 kam er in eine Erziehungsanstalt, wo ein alter Anstaltsgeistlicher seine zeichnerische Begabung erkannte und ihm erlaubte zu zeichnen. 1874 arbeitete er im Fotogeschäft seines Halbbruders, was seine Liebe zur Fotografie erklärt, denn Segantini liess jedes seiner Bilder fotografieren, wie seine Enkelin wusste.

Giovanni Segantini, 1878.

1875 besuchte Segantini die Kunstakademie Brera in Mailand, wo er 1879 durch seine besondere Lichtführung auf dem Gemälde «Chorgestühl von Sant’Antonio» Aufmerksamkeit erregte. Die Besitzer der Mailänder Galleria Vittore ed Alberto Grubicy förderten ihn und liessen ihm Aufträge für Stillleben zukommen. Sie brachten ihn auch mit der Kunst der Zeit in Berührung, wie mit den bäuerlichen Bildern von Jean-François Millet und den Neoimpressionisten. 1880 bezog Segantini sein erstes Atelier und lernte die Schwester seines Mitschülers und Freundes Carlo Bugatti, Luigia Bugatti (1863-1938) kennen. Er nannte sie stets Bice. Carlo Bugatti wurde berühmt durch das Design von Möbeln und sein Bruder Ettore durch Automobile.

Als Staatenloser konnte er Bice nie heiraten. So lebten sie ohne Trauschein im Hügelland der Brianza nahe Mailand. Sie hatten drei Söhne und eine Tochter, der Älteste Gottardo war Giocondas Vater. 1883 unterzeichneten Segantini und Grubicy einen Vertrag, worin Segantini seinen Mäzen und Händler ermächtigte, ihn in allen Belangen zu vertreten, über sein Schaffen zu verfügen, den Werken Titel zu geben und die Bilder mit seinen Initialen zu signieren. Umgekehrt machte Grubicy Segantinis Werk in der ganzen Welt bekannt.

Auf seinen Wanderungen in die Berge entdeckte Segantini Savognin, wo sich die Familie 1886 für acht Jahre niederliess. Auch wenn sie keine Kirchgänger waren, akzeptierte man sie wegen ihrer Freundlichkeit. Nur die Behörde drohte ihnen regelmässig, sie wegen der fehlenden Papiere auszuschaffen, was gute Bekannte zu verhindern wussten. Bice gelang es erst ein paar Jahre nach Giovannis Tod, sich und die Kinder einbürgern zu lassen.

Das Pflügen, 1890. Neue Pinakothek, München.

In Savognin war Segantini vom bäuerlichen Alltag beeindruckt, schreibt Gioconda in der Biographie über ihren Grossvater. Anders als in der Brianza, wo die Tiere meist im Freien waren, lebten in Savognin Mensch und Tier nahe beieinander. Segantini war vom Licht in den Bergen fasziniert und suchte es in seinen Abstufungen und seiner Farbigkeit auf der Leinwand wiederzugeben. Dazu schrieb er einem Freund: «Das Mischen der Farben auf der Palette führt dem Dunkeln entgegen; je reiner die Farben sind, die wir auf die Leinwand bringen, umso besser führen wir unser Gemälde dem Licht, der Luft und der Wirklichkeit entgegen…». Damit hatte Segantini das Grundprinzip seiner Malweise, den Divisionismus entdeckt. Mit feinen, auch kräftigen Pinselstrichen setzte er reine Farblinien dicht nebeneinander zu einem Liniengefüge, das mitunter sehr materiell bis zu einem halben Zentimeter dick ist und das Licht erstrahlen und vibrieren lässt.

Die bösen Mütter, 1894. Belvedere Wien.

Segantini war kein Gebirgsmaler. Er adaptierte die Berge, machte aus ihnen die passende Kulisse, etwa für die Serie «Figuren im Nirwana» oder «Die Wollüstigen», die thematisch auf einem Gedicht eines seiner Freunde beruht. Schwebende Frauen in eisiger Winterlandschaft bringen den Künstler von der realistischen zur symbolistischen Malerei, die in England und Wien begeistert aufgenommen wurde, seine Händler jedoch befremdete, wie Gioconda Segantini aufgrund der Quellen feststellte.

Baba in der Bündner Tracht, «Bündnerin am Brunnen», 1887. Kunstmuseum St. Gallen.

Bice war anfänglich Segantinis Modell für die weiblichen Figuren. In Savognin engagierte er Barbara Uffer, kurz Baba genannt, als Haushalthilfe, gleichzeitig wurde sie sein Modell. Sie begleitete ihn zur Arbeit, trug die Malsachen, besorgte die Tiere, stand oder sass für ihn in der Landschaft, wie er es gerade brauchte. Baba gehörte zur Familie, auch nach Segantinis Tod. Gioconda fand im Nachlass mehr als fünfzig Schreiben an die Familienmitglieder. Baba war es auch, die von einem leeren Chalet in Maloja sprach, das die Segantinis sofort besichtigten. Im Sommer 1894 bezogen sie das geräumige Holzhaus, das Gottardo später kaufte und heute noch in Familienbesitz ist.

Alpentriptychon: Werden – La vita, 190 x 320 cm, gemalt in Soglio, 1898-1899. Segantini Museum, St. Moritz.

Maloja hatte durch den Bau des Hotels «Maloja Palace» 1884 internationale Bekanntheit erlangt. Rauschende Ballnächte fanden statt und die Gäste interessierten sich für den berühmten Künstler. In Malojas Umgebung fand Segantini schöne Orte zum Malen. Heute sind sie auf dem Sentiero Segantini mit Informationstafeln ausgeschildert. Die etwa zweistündige Wanderung endet bei der Chiesa Bianca, heute ein Kulturzentrum mit Ausstellungen in den Sommermonaten, geleitet von Gioconda Segantini.

Alpentriptychon: Sein – La natura, 235 x 400 cm, gemalt auf dem Schafberg, 1898-1899. Segantini Museum, St. Moritz.

Segantini brauchte ein grosses Umfeld zum Arbeiten. Die kalten Wintermonate verbrachte er im südlicheren Soglio im Bergell, wo er im Palazzo Salis ein Stockwerk für die ganze Familie mietete. Der barocke Steinpalast mit lauschigem Garten und Mammutbäumen ist heute ein Restaurant. Ein weiterer Ort, wo er häufig malte, befand sich auf dem Schafberg, weit oberhalb von Pontresina. Auch hier stellte er seine grossen Leinwände im Freien auf und fing das strahlende Licht mit Pinsel und Farbe ein. Hier starb er unverhofft mit einundvierzig Jahren am 28. September 1899, der Arzt vermutete eine Blinddarmentzündung. «Ich will meine Berge sehen», waren seine letzten Worte. In der Chiesa Bianca wurde er aufgebahrt und auf dem kleinen Friedhof von Maloja beerdigt, heute ist es das Familiengrab der Segantini.

Alpentriptychon: Vergehen – La morte, gemalt in Maloja, 190 x 320 cm, 1898-1899. Segantini Museum, St. Moritz.

Eigentlich hatte Segantini ein Panorama des Engadins für die Pariser Weltausstellung 1890 geplant, das er aus Kostengründen nicht ausführen konnte. Stattdessen wählte er drei seiner Hauptwerke aus: «Werden – Sein – Vergehen», die zu seinem Vermächtnis wurden. Sie sind heute als Alpentriptychon im soeben renovierten Segantini Museum in St. Moritz zu sehen, das 1908 für sein Werk erbaut wurde.

Beitragsbild: Gioconda Segantini im Museum Segantini in St. Moritz. Foto: rv

Gioconda Segantini, Segantini. Kunst und Liebe besiegen die Zeit. Eine Biographie, Inquell-Verlag, Maloja/Hof 2018, 335 S., zahlreiche Abb. ISBN 978-3-942668-50-7.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel