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Wie die Seife die Welt erobert

«Eine saubere Sache» heisst die Ausstellung über die Welt der Seifen in der «Seifi», der alten Seifenfabrik in Lenzburg: von der Geschichte, über die Herstellung bis zur Nanotechnologie.

Beim Eingang steht kein Kassenhäuschen, sondern ein orientalischer Brunnen mit betörenden Düften, der zum Händewaschen einlädt. Händewaschen mit Seife, ein effizientes Mittel gegen Coronaviren, gehört seit diesem Frühjahr zum obersten Gebot, wodurch die Ausstellung an Aktualität gewonnen hat. Seit März ist sie im alten Ökonomiegebäude der ehemaligen Seifenfabrik aufgebaut, aber wegen des Lockdown blieb sie lange virtuell. Jetzt ist die Ausstellung unter dem Patronat des Museums Burghalde Lenzburg geöffnet und kann bis Herbst 2021 besichtigt werden.

Auf verschiedenen Wissensinseln wird die Herstellung der Seife, der kulturhistorische Hintergrund sowie die Firmengeschichte der Lenzburger Savonnerie präsentiert.

Archäologische Funde zeigen, dass die Pfahlbauer, die eng mit ihren Tieren zusammenlebten, bereits Kämme benutzten. Auch Seifenkraut als Waschmittel wurde in der Nähe ihrer Siedlungen nachgewiesen. Um eine Idee vom Geruch jener Frühzeit zu bekommen, öffnet man einen kleinen Flakon und schliesst ihn gleich wieder, denn der daraus entweichende Duft stinkt unsäglich. Und man wendet sich gerne der danebenstehenden Seifenkiste zu, dem Miniatur-Eigenbau von Autos für Kinder, beliebt seit der Entwicklung der Automobile. Ein historisches Schwarz-Weiss-Video zeigt die halsbrecherische Fahrt der Buben in ihren Seifenkisten.

Seifenkisten im Eigenbau waren auch beliebt, als wir Kinder waren, allerdings vor allem bei den Buben und ihren Vätern.

Auf einer von der Decke hängenden Tafel wird auf die 4500 Jahre alten sumerischen Rezepturen hingewiesen, bereits damals wurde aus Fett und Asche seifenartige Lösungen für medizinische Zwecke hergestellt, aber erst die Römer erkannten ihre reinigende Wirkung. Feste Seifen in der heute bekannten Form wurden erstmals im 7. Jahrhundert im mittleren Osten mit Öl, Lauge und gebranntem Kalk produziert.

Während man im Orient seit je den Körper im Hamam und in Bädern pflegte, wird in Europa das Bad erst seit dem Mittelalter benutzt. Dabei stand neben der körperlichen Reinigung vor allem die gesellige Unterhaltung in Gemeinschaftsbädern im Vordergrund. Mit dem Ausbruch der Pest glaubte man, dass Waschen mit Wasser den Körper für die Krankheitserreger öffne, und noch bis ins 17. Jahrhundert wurde befürchtet, durch Wasser krank zu werden. Lieber puderte und salbte sich die vornehme Herrschaft mit wohlriechenden Ölen, wie die Flakons verschiedener Jahrhunderte in der Vitrine zeigen.

Im 19. Jahrhundert wurde durch das Studium von Mikroorganismen erkannt, dass infektiöse Krankheiten durch systematische Reinigung des Körpers verhindert werden können. Das führte zu einem veränderten Hygieneverständnis. Kurbäder entstanden, Badestuben wurden für die Arbeiter im Keller der Volkshäuser eingerichtet und die Seife wurde zum täglichen Begleiter. Auch heute gilt wieder mehr denn je, mehrmaliges gründliches Händewaschen mit Seife, um sich vor Coronavirus-Ansteckungen zu schützen.

Waschnüsse, Seifenkraut, einfache und dekorativ geformte Seifen auch mit antiken Mustern.

Mit Bildern und Videos wird die neueste technologische Entwicklung erklärt: Die Nanotechnologie mit dem Lotus-Effekt wurde von Wasserpflanzen wie Lotus oder Wasserfarn abgeschaut. Der Lotus-Effekt basiert auf einer stark wasserabstossenden Oberfläche in Kombination mit einer Nanostruktur aus winzigen wachsartigen Substanzen. Die noppenartigen Erhebungen der Nanostruktur sorgen dafür, dass Schmutzpartikel nicht fest anhaften und locker gebunden mit dem Wasser abperlen. Die Industrie versucht diesen Effekt zu kopieren und entwickelt neue Materialien mit selbstreinigenden Oberflächen für Textilien oder Gläser, was das Waschen mit Seife erübrigt.

Ein Nebenraum ist als Labor eingerichtet, wo Kinder und Jugendliche die physikalischen Aspekte der Seife experimentell testen können, beispielsweise den pH-Wert einer sauren oder basischen Lösung bestimmen oder den künstlichen Lotuseffekt prüfen. Mit den bereitgestellten weissen Laborschürzen sehen sie wie kleine Profis aus. Auch Seifen können sie hier kreativ formen und verfeinern. Der Besuch der Ausstellung eignet sich bestens für Grosseltern zusammen mit ihren Enkelkindern.

Stilisierte Ansicht der Seifenfabrik Lenzburg 1909.

Die Lenzburger «Seifen & Parfumerie-Fabrik» gründete Rudolf Ringier 1857. Die «Seifi», wie sie im Volksmund liebevoll genannt wurde, erlebte eine wechselvolle Geschichte, die in der Ausstellung mit Texten, Fotos und historischen Filmen dokumentiert wird. Die Kernseife als wichtigstes Produkt wurde nach dem Ersten Weltkrieg durch neue synthetische seifenfreie Reinigungsmittel und Waschautomaten verdrängt. Unter wechselnden Besitzern passte sich die «Seifi» den Gegebenheiten mit leistungsfähigeren Maschinen, verschiedenen Wasch- und Putzmitteln, edel verpackten hochwertigen Toilettenseifen, auch mit einer handlichen «Kronen-Seife», und mit Werbung an, wie die ausgestellte Plakatsammlung zeigt. 1983 zog die Fabrik nach Hallwil, wo sie 1990 geschlossen wurde. Die Lenzburger Fabrikationsgebäude wurden bis auf das ehemalige Speditions- und Lagergebäude, wo sich die Ausstellung befindet, durch ein Militärmanöver gesprengt und abgebrochen. Für die Ausstellung wurde in Erinnerung an die «Seifi» vier Seifen mit verschiedenen Duftnoten hergestellt, die man an der Kasse erwerben kann.

Fotos: rv

Die Ausstellung «Saubere Sache» in der Seifi, Museum Burghalde in Lenzburg
Bis 31. Oktober 2021

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