FrontGesellschaftHerz über Kopf bei Verleiderverkäufen

Herz über Kopf bei Verleiderverkäufen

Herz über Kopf heisst ein bekannter Titel des deutschen Liedermachers Joris. Was in der beziehungstechnischen Gefühlswelt durchaus normal ist, steht dem rationalen Anleger gerne im Weg. Gerade bei Marktturbulenzen wie in diesem Frühling aufgrund der Corona-Krise waren vielerorts emotional gesteuerte Verleiderverkäufe zu beobachten.

Was können wir von dieser Erfahrung mitnehmen und wie verhalten sich erfolgreiche Anleger? Darauf geht Sascha Haudenschild (Bild), Leiterin Portfolio Management bei der Aargauischen Kantonalbank, nachfolgend kurz ein:

Ein langfristiger Anlageerfolg setzt die richtige Anlagestrategie voraus. Sie wird anhand verschiedener Fragen zur finanziellen Ausgangslage und zum persönlichen Risikoverhalten definiert. Je länger der Anlagehorizont und je risikofreudiger der Anleger, desto höher darf der Anteil der besonders schwankungsanfälligen Anlagen sein. In den meisten Fällen wird der Risikocharakter der Anlagestrategie anhand der Höhe der Aktienquote definiert. Die Ergänzung mit eher defensiven Portfoliobausteinen wie Immobilien, Obligationen oder Gold sorgt für Stabilität in unruhigen Zeiten. Ängstliche Anleger gewichten diese Anlageklassen besonders hoch. Die Strukturierung des Vermögens ist der mit Abstand wichtigste Teil bei einer geplanten Anlage. Alles eine reine Kopfsache, und es fällt den meisten Anlegern in diesem Moment tatsächlich leicht, die Emotionen auszublenden.

Danach liegt es an den Finanzmärkten, das investierte Kapital zu vermehren. Solange die Kurse aufwärts tendieren, gibt es im Normalfall keine Diskussionen. Der Anleger fühlt sich in seinem Handeln bestätigt. Einzelne schwächere Tage gehören dazu und bringen ihn nicht aus dem Gleichgewicht. Deutlich anspruchsvoller wird es, wenn die Börse längere Zeit zur Schwäche neigt, oder, wie jüngst passiert, durch einen exogenen Schock plötzlich unter massivem Preisdruck steht. Der rationale Investor vertraut in diesem Moment auf die richtige Abstimmung seiner Anlagestrategie und bleibt ruhig.

Von Verlustängsten geleitet

Einzelne Anleger verfallen jedoch entgegen aller Vernunft in Panik und lassen sich von aufkommenden Verlustängsten leiten. Trotz langfristigem Anlagehorizont und eingehaltenem Risikobudget verlieren sie die Nerven und liquidieren ihre Anlagen zu Tiefstkursen. So war es auch im März dieses Jahres, dem Höhepunkt des coronabedingten Ausverkaufs, vielfach zu beobachten. Zu diesem Zeitpunkt ist der Schaden allerdings bereits angerichtet. Mit den Verkäufen werden die Buch- zu Realverlusten. Die Chance, von einer nachfolgenden Erholung profitieren zu können, ist definitiv vertan. Auch ein Einstieg zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich die Krise gelegt hat, ist in den meisten Fällen nicht realistisch. Die Kurse haben sich dann meistens schon erholt und wer will schon zu einem höheren Preis kaufen als verkaufen.

Man könnte nun ganz tief in die psychologische Trickkiste greifen, um dieses Verhalten zu erklären. Fakt ist, dass bei auftretenden Verlusten der Mensch geneigt ist, in den Überlebensmodus zu schalten. Es gilt zu sichern, was noch vorhanden ist. Dieses Verhalten widerspricht der Tatsache, dass schwächere Marktphasen zum Wertpapiersparen dazugehören. Ist der Anlagehorizont genügend lang, ist das Erreichen des anvisierten Renditeziels normalerweise nicht gefährdet. Allerdings gilt das nur so lange, wie man investiert bleibt.

Der ganz versierte Marktteilnehmer wird nun sagen, dass der Verkauf vor Kursrückschlägen und der Rückkauf zum Tiefpunkt der Krise eine deutlich erfolgreichere Strategie ist. In der Theorie stimmt diese Aussage. Nur erwischen die wenigsten den jeweils richtigen Zeitpunkt dafür und wenn, hat es mehr mit Glück als Verstand zu tun. Somit stellt auch diese Vorgehensweise kein systematisches Handeln für den rational denkenden Anleger dar. Das Aussitzen von Börsenkrisen bleibt deshalb zwar die langweiligste, aber langfristig betrachtet erfolgreichste Strategie. Ganz nach dem Motto, Kopf über Herz!

Zum erfolgreichen Anlegen gehört fundiertes Marktwissen. Unsere Experten sind nahe am Puls und publizieren laufend Finanz- und Wirtschaftsinformationen, die wir Ihnen gerne für Ihre persönlichen Anlageentscheide zustellen.


Sascha Haudenschild, Leiter Portfolio Management, Aargauische Kantonalbank

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