FrontGesellschaftEine neue Psychologie des Alterns für die „neuen“ Alten

Eine neue Psychologie des Alterns für die „neuen“ Alten

Hans-Werner Wahl (Bild), Seniorprofessor und Direktor des Netzwerks Alternsforschung der Universität Heidelberg, hat 2017 ein Buch veröffentlicht unter dem Titel „Die neue Psychologie des Alterns“.

Gerade die Corona-Krise hat gezeigt, dass immer noch sehr undifferenzierte Vorstellungen des Alterns herumgeistern, was etwa dazu führte, die über 65-Jährigen kollektiv zu einer „Risikogruppe“ zu erklären. Dabei wird übersehen, dass die „Älteren“ eine bunte Gruppe darstellen, mit völlig unterschiedlichen Biographien, Potentialen und Verletzlichkeiten. Um differenzierter mit der Altersphase umzugehen, schlägt Wahl folgende neun Prinzipien der „Neuen Alterspsychologie“ vor:

  1. Lebensspannenorientierung: Um die völlig unterschiedlichen Verläufe des späteren Lebens zu verstehen, sind alle früheren Lebensphasen zu berücksichtigen mit nachhaltigen Prägungen etwa durch die Herkunftsfamilie, die berufliche Welt und Bildungserfahrungen.
  2. Differenzierter Entwicklungsbegriff: Ein traditioneller Entwicklungsbegriff, der Entwicklung bloss als „etwas Aufstrebendes, Anwachsendes, Zugewinnendes, qualitativ Neues“ deutet, kann in einer Phase, in der Verluste unübersehbar sind und zunehmen, nicht genügen. Ein Entwicklungsbegriff muss Gewinne und Verluste und deren Wechselspiel berücksichtigen.
  3. Entwicklung verläuft bis ins höchste Alter nicht gleichförmig: Genauso wie Personen sich etwa in der Kindheit und Jugend völlig unterschiedlich entwickeln, sind die Entwicklungsverläufe bis ins höchste Alter unterschiedlich, was beispielsweise Entwicklung von Potentialen, Umgang mit Schwierigkeiten, Bezüge zur Mit- und Aussenwelt betrifft.
  4. Normales, krankhaftes und erfolgreiches Altern: Normales Altern bedeutet, dass man akzeptiert, dass man mit der Zeit weniger Kraft und weniger Beweglichkeit hat als früher, dass das Denken langsamer wird und das Gedächtnis nicht mehr so leistungsfähig ist, dass aber dadurch die Lebensqualität nicht wesentlich beeinträchtigt wird. Krank ist man, wenn gewisse Krankheiten oder Funktionseinbussen die Lebensqualität im Alltag sehr negativ beeinflussen. Ein erfolgreiches Altern nutzt günstige Voraussetzungen, um die Lebenszeit, die Funktionsfähigkeit und die subjektive Lebensqualität  gegenüber dem Durchschnitt einer vergleichbaren Gruppe zu erhöhen.
  5. Menschliche Entwicklung ist bis ins höchste Alter hinein von uns selbst mitgestaltbar: Hans-Werner Wahl vertritt die These, dass wir in gewissem Sinn durchaus unseres Alters Schmied sind, wenn wir über einen Werkzeugkasten verfügen, der uns erlaubt, Ziele neuen Lebenssituationen entsprechend anzupassen und umzudeuten, wenn wir es schaffen zu tun, was uns gut tut und Beeinträchtigungen kompensieren lernen und wenn wir physische Gesundheit durch Bewegung erhalten.
  6. Menschliche Entwicklung spät im Leben bedarf weiterer Differenzierungen (drittes, viertes und fünftes Alter): Im dritten Alter engagiert man sich vielfältig, geniesst seine Freizeit, erfreut sich noch guter Gesundheit und hat nicht das Gefühl, zu den „Alten“ zu gehören. Im vierten Alter nehmen die biologischen und psychischen Ressourcen ab, Krankheiten, Mehrfacherkrankungen und hohe Funktionsverluste nehmen zu. Das fünfte Alter wird vom Abstand zum Tod her bestimmt und zeichnet sich aus durch oft irreversible physische, psychische und/oder kognitive Abbauprozesse, die zum Tod führen.
  7. Individuelle Entwicklung ist zu jedem Zeitpunkt, also auch im höheren Lebensalter, in soziale und räumlich-dinglich-technische Kontexte eingebunden: Die Lebensqualität hängt von den sozialen Bezügen ab, von den Formen der Interaktion mit Angehörigen, Bekannten und Pflegenden, aber auch durch die Lebensräume (Wohnung, Quartiere, Regionen) und technischen Hilfsmittel, mit denen man sich innerhalb und ausserhalb der Wohnung bewegt
  8. Individuelle Entwicklung ist zu jedem Zeitpunkt, also auch im höheren Lebensalter, in gesellschaftlich-historische Zusammenhänge eingebettet: Je nach Gesellschaft und historischer Epoche, in die man hineingeboren wird, wird man von bestimmten Verhaltensweisen, Vorurteilen und Bildern vom Älterwerden beeinflusst.
  9. Menschliche Entwicklung ist bis ins höchste Alter hinein veränderbar (Plastizität): Selbst im hohen Alter sind hirnorganische Aufbauleistungen noch möglich durch systematische Übungen. Allerdings ist die sogenannte Neurogenese langsamer als etwa im Jugendalter.

Diese neun Prinzipien der „neuen Psychologie des Alterns stimmen zuversichtlich. Einerseits können die Älteren selbst  dafür sorgen, dass sie ihre Lebenssituation aufgrund ihrer Biographie besser verstehen, die eigenen physischen, psychischen, kognitiven und sozialen Ressourcen nutzen und somit ihre  Lebensqualität positiv beeinflussen. Anderseits können Menschen, die mit Älteren als Angehörige, Freunde, Nachbarn, Pflegende oder auch anonym zu tun haben, aufgrund der neun Prinzipien sich vor altersspezifischen Vorurteilen schützen. Alle Ältere haben höchst persönliche Chancen, Probleme und Erfahrungen, die im Umgang mit ihnen zu berücksichtigen sind.

Literatur: Hans-Werner Wahl: Die neue Psychologie des Alterns. Überraschende Erkenntnisse über unsere längste Lebensphase. München 2017, S. 29-49.

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