FrontLebensartOryoki – Essen in der Stille

Oryoki – Essen in der Stille

In der Überzeugung, dass mit bewusstem Essen viel bewegt werden kann – ökologisch und sozial, geistig und gesundheitlich, entwickelten 5 Bernerinnen und Berner die Idee, saisonales, gutes Essen in der Stille anzubieten.

«Was, ein Mittagessen, ohne plaudern zu können, das wäre nichts für mich», rief mein Bruder, als ich ihm erzählte, dass ich wie die japanischen Zen-Mönche gegessen hatte. – Ich aber hatte das Essen im Oryoki-Stil genossen. Es hatte eine einfache, aber sehr schmackhafte vegetarische Mahlzeit gegeben, verschiedene saisonale Gemüse und einen Brei aus Kichererbsen, auf dem wie ein kleiner Teich eine äusserst leckere Kräutersauce angerichtet war. Als Getränk stand an jedem Platz eine kleine Flasche Wasser, ebenfalls mit Kräutern, aber ohne Zucker. Und es gab sogar ein Dessert: ein Gebäck mit Mandelfüllung.

Das Besondere an dieser Art zu essen, die in Bern jeden Freitagmittag angeboten wird, besteht darin, dass alles in vollkommenem Schweigen geschieht. Für das Essen muss man sich vorher anmelden und auch bezahlen. Am Eingang wird man von einem freundlichen Teammitglied empfangen, zieht die Schuhe aus, lässt alles zurück, was man zu Essen nicht braucht – Smartphone oder Zeitung – und begibt sich in den Raum, wo das Essen serviert wird.

«Nur du und dein Essen. So kannst du bewusst geniessen, zur Ruhe kommen und erfrischt in deinen Alltag zurückkehren», das erklären die fünf Mitglieder von Eat Oryoki und weiter: «Die Stille soll vegetarische und vegane Gerichte glänzen lassen. Wir werden dich mit spannenden Kombinationen aus Saisonalem überraschen.»

Oryoki bedeutet Essen in der Stille.

Was uns seltsam erscheint, wird im japanischen Zen-Buddhismus schon seit Jahrhunderten praktiziert: Das japanische Wort Oryoki bezeichnet ein Ritual, das Meditation und Essen miteinander verbindet. Die Mönche, die ihre Meditation nicht unterbrechen wollen, aber wie jeder Mensch etwas zu essen brauchen, haben diese Art des stillen Essens entwickelt. Bei Eat Oryoki geht es nicht um Klosterregeln oder Meditation, sondern Stille soll mit nachhaltigem Genuss verbunden werden. «Wir wollen diese Art allen zugänglich machen», erzählt mir Josephine Scherler, «die Strenge, die dem Zen anhaftet, lassen wir beiseite. Indem wir dem Essen unsere gesamte Aufmerksamkeit widmen, können wir es mehr geniessen. Oryoki soll entspannen und heiter stimmen.»

Damit alles reibungslos ablaufen kann, sind alle Teilnehmenden – vorwiegend jüngere Frauen, aber auch ein paar Männer und ein paar Personen mit grauen Haaren – gebeten, rechtzeitig zu erscheinen, denn das Essen beginnt für alle gleichzeitig. Die Schuhe werden ausgezogen, wir setzen uns auf einen typischen Zenhocker, der auf einem weichen Kissen steht – bequem für die Beine – und schweigen. Das Essen wird auf einem niedrigen Hocker serviert. Was für eine Meditationssession angemessen ist, passt für eine Versammlung von ca. zwanzig Personen in Corona-Zeiten perfekt, die Abstände können eingehalten werden.

Schuhe ausziehen und entspannen

So sitzen wir ein paar Minuten still da und sind gespannt, was kommt. Eigentlich ist das der Moment, alle Erwartungen beiseite zu lassen und die Ruhe im Inneren sich ausbreiten zu lassen. Für eine halbe Stunde sind alle Alltagsprobleme unwichtig. Eine gute Übung! Wie oft denken wir über schier Unlösbares nach, statt gelassen den Zeitpunkt abzuwarten, bis sich eine Lösung zeigt.

Dann wird das Essen serviert. In der Anleitung heisst es, sobald wir das Essen vor uns haben, dürfen wir beginnen. In meiner Gruppe wurde aber erst begonnen, als alle ihre Schale vor sich hatten – so entstand eine feine Form der Gemeinschaft ohne Worte. Obwohl sich wohl die wenigsten untereinander kannten, waren wir für eine halbe Stunde mit dem gleichen Ziel im gleichen Raum.

Das Team: vorne links Josephine Scherler, oben in der Mitte Eveline Gurtner Haussener, die für das gute Essen verantwortlich ist

Absichtlich wird die erste Schale nicht übermässig gefüllt, denn das Oryoki-Team will Abfälle möglichst vermeiden. Wer noch Hunger oder Appetit hat, bekommt in der zweiten Runde, so viel er möchte. In unserem Kreis erhielt ein Mann sogar noch einen dritten Nachschlag. Denn lecker war das Essen zweifellos. Nach dreissig Minuten ertönt ein Gong – damit ist diese Mahlzeit zu Ende.

Positive Resonanz

Im Anschluss frage ich Josephine Scherler vom Oryoki-Team nach ihren Erfahrungen: «Wir sind sehr überrascht und erfreut über die Begeisterung der Mittagsgäste», sagt sie, «zur besseren Auslastung werden wir ab Mitte Oktober jeden Freitag zwei Sitzungen hintereinander anbieten.» – Die Freude der Teilnehmerinnen und Teilnehmer war im Raum spürbar, fand ich, kein Vergleich mit einem Restaurant oder Speisesaal ohne das Gebot des Schweigens.

Mit den Vorbereitungen hatte das Team schon im letzten Jahr begonnen und dann im Dezember mit Freunden ein erstes Oryoki-Essen erprobt. «Einen passenden Raum zu finden», sagt Josephine, «gehörte zu den schwierigsten Aufgaben.»

Der Wert, in Achtsamkeit zu essen

Weshalb im Zen – und in anderen Traditionen der Meditation – so grosser Wert auf die Stille gelegt wird, soll zum Schluss eine bekannte Anekdote in Kurzform aufzeigen:

Portrait des Chan-Meisters Dahui Zonggao /commons.wikimedia.org

Ein weiser Mann wurde einmal gefragt, wie er trotz seiner vielen Tätigkeiten so gesammelt sein könne. Er antwortete: «Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich spreche, dann spreche ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich stehe, dann stehe ich.»
Die Leute nickten, schienen es aber nicht zu verstehen und fragten nochmal. Der Weise antwortete das gleiche.
Da sagten die Leute, das täten sie auch, aber sie wären nie so ruhig und gelassen wie er. Der Weise schmunzelte und antwortete: «Wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon. Wenn ihr steht, dann geht ihr schon. Wenn ihr geht, dann seid ihr schon am Ziel.»

 

Mehr Informationen zu Eat Oryoki
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© EatOryoki

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3 Kommentare

  1. Ist eine wunderbare Art zu Essen, schade ist es in Bern! Ob es so etwas in Baden oder näheren Umgebung gibt?
    Schöner Tag allen

  2. Auch in den Benediktinerklöstern werden die Mahlzeiten ohne zu sprechen eingenommen.
    Was aber für mich störend war, sind die Kaugeräusche die man hört. Das essen ist im Nu vorbei, damit man sich nachher wieder unterhalten kann…
    Zudem lebe ich allein und verbringe viele Mahlzeiten allein, gezwungenermassen ohne zu sprechen.

    Wenn ich also mit Freunden auswärts essen gehe, oder eingeladen bin geniesse ich vor allem auch die guten Gespräche.

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