FrontKolumnenWeil uns die „Risiko-Gruppe 65plus“ schützt

Weil uns die „Risiko-Gruppe 65plus“ schützt

Der Beitrag „Senioren wehren sich“, ausgestrahlt am Mittwoch dieser Woche in der Sendung 10vor10, lässt mich nicht einfach los; er hat mich nachdenklich gestimmt. Wurden wir im Lockdown abgestempelt, werden wir weiterhin als Angehörige der  Risikogruppe 65plus gar diskriminiert, wie Arthur Honegger, der Moderator, den Beitrag einführte?

Und ist es richtig und wichtig, dass wir als über 65-Jährige nicht mehr als „Risikogruppe“ gelten sollen, wie das Alain Huber, der Direktor von Pro Senectute Schweiz, angestrengt und mit tiefernstem Gesicht in der Sendung forderte? Gerade jetzt, wo die Zahlen der Infizierten tagtäglich wieder zunehmen. Gerade jetzt, wo es in Alters- und Pflegeheimen wieder eine ganze Reihe von Infizierten gibt, wie im zürcherischen Elgg, wo gar Tote zu beklagen sind, wie in Siviriez im Freiburgischen. Gerade jetzt, wo Stefan Kuster, der Corona-Beauftragte des Bundes, feststellt, dass zunehmend wir ältere Menschen wieder stärker betroffen werden, betroffen sind. Gerade jetzt, wo die Schweiz im Ausland zunehmend als Risikoland bezeichnet wird, wie die Kantone Genf und Waadt, wo die „Zahlen geradezu explodieren» (Tages-Anzeiger). Und selbst die Neue Zürcher Zeitung, die noch vor Wochenfrist die Maskenpflicht in Läden lächerlich machte und als unnötig, gar als übertrieben bezeichnete, nun in einem Kommentar unter dem Titel  „Sieben Verstorbene als Mahnung“ weit vorsichtiger zu publizieren beginnt, neu sich eingliedert in die Medien, die warnen, Forderungen reputierter Wissenschaftler publizieren, wie die der Zürcher ETH-Forscherin Tanja Stadler, die befürchtet, dass die Zahl der Infizierten im Herbst und gegen Winter vierstellig werden könnte und deshalb eine neue Strategie, ein strengeres Regime fordert. Bereits ist ja der Herbst spürbar. Der Besuch eines Restaurants wird bald nicht mehr auf der Terrasse, sondern drinnen stattfinden, wie der Schulbetrieb nicht mehr bei offenen Fenstern durchgeführt werden kann, die Pendler-Züge sich wieder zu füllen beginnen.

Ich habe mich als Mitglied der Risikogruppe 65plus nie diskriminiert gefühlt, weder auf den langen Spaziergängen in der Phase des Lockdowns noch jetzt, wo die Maskenpflicht weit umfassender ist. Im Gegenteil. In der Phase des Lockdowns sind wir umsorgt worden, von der Familie zu Hause, im Wohnquartier von den Nachbarn. Meine Enkelkinder, selbst die siebenjährigen Zwillinge, begegneten mir lächelnd, selbstverständlich auf Distanz. Jetzt, in der Vorphase eines möglich zweiten Lockdowns, ist mehr denn je Vorsicht geboten, die Regeln sind einzuhalten. In der Zwischenzeit sind wir auch routinierter geworden, können mit dem Abstand besser umgehen, die Hygiene-Vorschriften haben sich im Alltag wie selbstverständlich etabliert. Und das ist auch nötig so.

In meinem weiteren Bekanntenkreis sind in der Phase des Lockdowns zwei am Virus gestorben, einer war 62, der andere 69 Jahre alt , also um die Risikogruppe 65plus herum. Beide hatten keine bekannten Vorerkrankungen. Mir ist es schlicht nicht verständlich, dass Pro Senectute Schweiz als Wahrerin der Interessen von uns älteren Menschen von der Bezeichnung „Risikogruppe 65plus“ Abstand nehmen, von der Liste der besonders Betroffenen streichen will. Über die Gründe kann man nur rätseln. Sind es die vielen Freiwilligen, die über 65 Jahre alt sind, die der Organisation bis jetzt dienten und jetzt unter den erschwerten Bedingungen nicht mehr so ohne weiteres zur Verfügung stehen?

Eine Zahl kam im Beitrag immerhin auch noch vor.  Sie verdeutlicht die Notwendigkeit. Von den Infizierten der über 65Jährigen mussten bis jetzt gegen 35% hospitalisiert werden. Bei den jungen Menschen bis 39, die sich in der letzten Zeit vor allem im Ausgang, auf Partys ansteckten, sind es unter 3%. Der Unterschied ist mehr als markant. Unsere Verantwortung gegenüber uns selber, insbesondere aber auch gegenüber den Mitmenschen, ist wieder grösser geworden, sie könnte sich noch steigern. Der Hinweis auf uns, auf die Risikogruppe 65plus, hat uns bis jetzt geschützt, ist also weder eine Abstempelung noch eine Diskriminierung. Im Gegenteil. Und dass diese Erkenntnis der Redaktion von 10vor10 nicht als berichtenswert erschien, weist auf  einen Mangel an vertiefter Recherche hin. In meinem Umfeld ist mir bis jetzt erst ein Mann begegnet, der die Gefahr leugnet. Die andern gehen sehr sorgsam und aufmerksam mit der Situation um.

Immerhin: Das Bundesamt bleibt dabei und stützt sich auf das, was wissenschaftlich erwiesen ist und auf das Epidemiegesetz: Das Risiko, an Covid-19 zu sterben, steigt mit dem Alter ab 50 Jahren langsam, ab 70 Jahren erheblich schneller an. So ist die Einstufung als Risikogruppe im Alter ab 65 mehr als gerechtfertigt. Ob uns das passt oder nicht. Verantwortlich bleiben wir.

15 Kommentare

  1. Ich bin 64. würde mich aber nie als Risikogruppe titulieren lassen. Ich brauche niemand der auf mich aufpasst und übernehme für meinen «Schutz» selbst die Verantwortung. Wenn eine Sonderbehandlung aus Verboten besteht – will ich diese schon gar nicht.

    • Gewiss, wir müssen selbst auf uns aufpassen. Dennoch ist klar, dass wir noch sorgfältiger abwägen sollten, wo und mit wem wir uns wie treffen. Ich habe gar keine Lust, mich mit dem Virus anzustecken. Sie sind zwar noch ein junger Senior, dennoch habe ich etwas Mühe, mit einem Wort, das im Tausendjährigen Reich gebraucht wurde, wenn es um brutale Behandlungen der Gestapo ging. Das S-Wort klang etwas harmlos, gar positiv, meinte jedoch Verhaftung und Folterung – auch mit Todesfolge.
      Aber es ist wohl eine Altersfrage, welche Unwörter, man heutzutage wieder benutzen kann.

    • Herr Stoll, das mit der Selbstverantwortung ist so eine Sache. Selbstverantwortung heisst auch, im «Schadensfalle» für sich selbst dazusein – und das ist ja besonders im Gesundheistswesen nicht so einfach. Richtig wenn ich mich, für mich selbst verantworte und schütze, und damit auch die Gemeinschaft geschützt ist, ist das für die ganze Gesellschaft von Vorteil.

      • Herzlichen Dank für dieses Statement. Genau so verstehe ich die «Selbstverantwortung» auch und wenn wir es nicht schaffen, diese mitunter auch Selbstkritik fordernde Lebensphilosophie in unser Leben zu integrieren, dann «ersticken» wir evtl. an Verbitterung und Kampfansage an unsere gesundheitliche Realität; wir können es nicht ändern; unser Körper ist nicht mehr so frisch und widerstandsfähig wie mit 20 – auch wenn wir uns gesund und fit fühlen und dies hoffentlich tagtäglich als Geschenk annehmen und wertschätzen. Leider fühlen sich nicht alle Ü60 so reich beschenkt – und diesen Menschen sollten wir mit Verständnis begegnen und sie in ihrer berechtigten Vorsicht/Angst ernst nehmen und uns für sie in unserem unbändigen Freiheitsdrang ein klein bisschen «einschränken» und solidarisch Rücksicht nehmen…

        Ich wünsche allen, dass sie sich guter Gesundheit erfreuen können und die Gabe stärken, sich solidarisch und grosszügig im Denken und Handeln zu zeigen – mit Überzeugung!

  2. «Alt werden ist nichts für Weicheier», sagte offenbar schon Bette Davis. Die Folgerungen von Toni Schaller sind für mich als 77-Jähriger absolut nachvollziehbar …

  3. Lieber Herr Schaller
    Mit Ihrem Artikel haben Sie genau meine Meinung getroffen. Dass der Aussage der Pro Senectute bisher niemand widersprochen hat, erstaunt mich. Besten Dank.

  4. Ich finde es eine Frechheit, mich als Risikogruppe zu bezeichnen, bin 72 und sowas von gesund, nie krank etc. Wer riskiert, eine Grippe zu bekommen? 1. weiss man es nicht 2. könnte sein, dass, wer bereits «angeschlagen» ist , ein erhötes Risiko hat, krank zu werden.
    Und wenn man krank ist, kann man sterben, auch ohne sichtbare Krankeit, und das geschieht manchmal,resp dauernd, weil man ja irgendwann stirbt, einen Anlass braucht der Körper wohl…. oder dirigieren allein die Gene?
    Und zu Corona: was sollen diese Dauermeldungen, wieviele Menschen täglich infisziert worden seien? kann ich damit etwas anfangen? Ist doch einfach ein Riesenblödsinn!! Infisziert heist gar nichts. Statistisch gesehn passiert ja nichts!!! wie immer bei einer Grippe, wenige werden krank – die Spitäler sind deutlich unterbesetzt – und noch weniger sterben daran, im Gegenteil, es gab Jahre, da starben mehr Menschen wegen einer «normalen» Grippe, zb 2016.
    Ich verstehe daher dieses hysterische und irrationale Angstgetue nicht. Somit, bitte Masken ab…..
    jürg Thurnheer

  5. Die Panikmache von Anton Schaller finde ich komplett daneben, weshalb ich mich von diesem Newsletter abmelde.

  6. Bin auch mit dem Artikel von H. Schwaller gar nicht einverstanden. Ich wehre auch ????. Zum Glück gibt es bei Seniorweb viele andere intéressante Beiträge. Grüsse vom Welschland.

  7. Da wird ProSenectute politisch mal aktiv und wird flach gemacht. Mich hats gefreut dass endlich eine Organisation, welche sich um uns Senioren kümmern sollte mit dieser Generalisierung, welche einzig den Statistiker hilft, Bevölkerungsgruppen «einzuteilen». Richtig s’gibt 80, 90 jährige die besser zwäg sind als u 65! Da ist doch der Ansatz: weg mit dieser Generalisierung!

  8. Hr. Alain Huber, Direktor der Pro Senectute, möchte ich von Herzen danken, dass er sich klar und deutlich für die sog. Risikopruppen-Menschen einsetzt. Wenn er schon kritisiert werden soll, würde ich höchstens leise die Frage aufwerfen: warum nimmt er erst jetzt so klar Stellung?
    Dass Sie Hr. Schaller von der Familie umhegt wurden, mag ich ihm von Herzen gönnen.
    Doch als Bewohnerin eines Alterszentrums kam ich in den umfassenden Genuss der rigorosen Quarantänemassnahmen von Frau Nathalie Rickli. Da wurden alle Heimbewohnenden über einen Kamm geschert, unabhängig davon wie fit die einzelne Person im Kopf ist.

  9. Danke, Toni. Ich habe nie verstanden, warum wir Ü65 uns als diskriminiert bezeichnen, wenn man bloss eine Tatsache über uns nennt und das erst noch zu unserm Schutz tut, nämlich dass die Kränklich- und Sterblichkeit mit dem Alter steigt und das namentlich bei Covid-19-infizierten Senioren und Seniorinnen. Da haben offenbar einige Ü65 ein Problem und möchten lieber dem Jugendwahn frönen. Wir werden an vielen Orten diskriminiert, aber nicht bei diesem Thema. Verlorene und gar kontraproduktive Liebesmüh’ von allen, die da mitmachen, ob Pro Senectute oder andere Altersorganisationen. Pesche.

  10. Auch ich bin der Pro Senectute dankbar, dass sie sich für die Streichung der Altersklausel im Covid-19-Gesetz eingesetzt hat, denn ich habe mich sehr wohl diskriminiert gefühlt. Ich halte mich an die Hygienemassnahmen, die Abstandsregeln und an die Maskenpflicht, doch ich möchte nicht zwangsgeschützt werden. Wenn jemand diesen Schutz will, kann er sich ja freiwillig in Quarantäne begeben. Ausserdem haben wir Alleinstehenden im allgemeinen keinen Familienverband, der sich liebevoll um uns kümmert – und das möglicherweise während Monaten. Und dass das Risiko zu sterben ab 70 zunimmt, ist ja wohl klar, mit oder ohne Covid. So ist nun mal das Leben.

  11. Den Kommentar von Toni Schaller finde ich klug und ausgewogen, keinesweg einePanikmache. Hingegen verstehe ich einige verharmlosende Reaktionen darauf überhaupt nicht. Mag sein, dass in Alterheimen zu rigoros isoliert wurde. Aber die Aufrufe der Behörden zur Vorsicht und zum Einhalten der Hygieneregeln, besonders für die stärker gefährdeten Alten, sind sinnvoll. Dort wo die Gefahr unterschätzt oder viel zu spät oder ungenügend reagiert worden ist, wie u.a. in den USA, Brasilien, Norditalien, Spanien oder auch Schweden, sind viel zu viele Alte und andere v.a. sozial Geschwächte gestorben. Verharmlosen führt zu Fehlverhalten und ist m.E. verantwortungslos.

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