FrontKolumnenMehr Sachlichkeit bitte!

Mehr Sachlichkeit bitte!

Sicher geht es vielen Lesern ähnlich: Ich bin zunehmend ernüchtert und auch frustriert  ob all den vielen widersprüchlichen Berichten und Kommentaren in Sachen Corona-Pandemie. Fast täglich erscheinen neue Artikel in der Tagespresse, doch was bringt’s? Anfänglich habe ich mir (nicht zuletzt aus beruflichem Interesse) kein offizielles Bulletin, keine Live-Konferenz und keine Stellungnahmen von mehr oder weniger berufener Seite entgehen lassen, und ich habe gar jeden Zeitungskommentar aufbewahrt. Es ist eine sehr umfangreiche Sammlung daraus geworden.

In den letzten Wochen und Monaten kam bei mir zunehmend Frust, aber auch Ärger und Verdruss auf, denn die Widersprüche in den verschiedenen Meinungsäusserungen wurden immer offensichtlicher, und zunehmend mehr unqualifizierte Artikel von Nicht-Fachleuten füllten die Spalten. Die Verlautbarungen der Behörden wurden oft gegenseitig in Frage gestellt. Virologen widersprachen den Epidemiologen, Pflegefachleute beurteilten die Lage anders als die Forschenden und die Statistiker. Aber auch die Politiker waren sich bezüglich den angeordneten Massnahmen vielfach uneins und die behördlich dekretierten Verhaltensregeln wurden von allen Seiten, vor allem aber von den Journalisten, in Zweifel gezogen. Diese Meinungsvielfalt der letzten Wochen wurde so eine zunehmende Belastung. Was kann man denn noch glauben?

Was wurde nicht alles über den Nutzen der Schutzmaske diskutiert: Wer profitiert  davon (das Gegenüber oder der Träger der Maske selbst), ist sie eine nötige Massnahme  oder gibt sie nur falsche Sicherheit? Auch die Quarantänefrage ist noch nicht klar gelöst. Wann, wie lange und für wen ist die Isolation indiziert?  Die Betroffenen und die Fachleute sind darüber widersprüchlicher Ansicht. Ich vermisse qualifizierte unwidersprochene Antworten.

Es ist natürlich unbestritten: Die Corona-Pandemie muss sehr ernst genommen werden, die gesundheitlichen Folgen einer Covid-S-Infektion sind schwer, der wirtschaftliche Schaden des Lockdowns und einer drohenden zweiten Welle ist sehr gross. Und zugegeben: Unsere Kenntnisse über das neue Virus sind noch ungenügend und die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten noch mangelhaft.

Dennoch fehlt mir die „unité de doctrine“ unter den massgeblichen Fachleuten. Mehr Zurückhaltung bei allen behördlichen Meinungsäusserungen und eine bessere Koordination zwischen Bund und Kantonen täte ebenso not wie mehr Gelassenheit, mehr Vertrauen und Zuversicht der betroffenen Bevölkerung. Kurz: eine angemessene Sachlichkeit auf allen Ebenen wäre wünschenswert.

Die täglichen statistischen Angaben über Neuerkrankungen und sogar über Todesfälle bei Covid-Infektionen tragen das Ihre zur Verunsicherung bei. Natürlich geht es nicht ohne zahlenmässige Bestandsaufnahmen. Die regelmässige Publikation der kumulierten Zahlen sind aber verwirrlich. Deren tägliche Mitteilung ohne Aufschlüsselung sagt zu wenig aus: Man sollte vielmehr erkennen können, wie sich die Zahlen von Neuinfektionen zusammensetzen: sind es junge oder ältere Patienten, sind Vor- oder Begleiterkrankungen dabei, stammen die Neuinfizierten aus städtischen oder ländlichen Gebieten, sind sie eben erst aus dem Ausland zugezogen und sind es beruflich Exponierte oder sind es Unvorsichtige, die sich nicht an die vorgeschriebenen Massnahmen gehalten haben? Eine absolute Gesamtzahl sagt ohne Aufschlüsselung leider nichts aus und kann nur unnötige Ängste auslösen. Ähnlich bei den Todeszahlen. Eine differenzierte Statistik wäre nötig: aus welcher Altersgruppe stammen die Verstorbenen, sind sie gesundheitlich vorbelastet, bestanden Begleiterkrankungen, benötigten sie eine Betreuung auf der Intensivstation? Die absolute Tageszahl und die  blosse Summierung ist sehr fragwürdig. Jede Statistik verlangt immer auch eine sachkundige Interpretation.

Es wäre natürlich wünschenswert, wenn in absehbarer Zeit die Infektionsrate endlich abnehmen würde, wenn die vielerorts befürchtete zweite Welle vermieden werden kann, wenn der ganz Corona-Spuk bald ein Ende fände. Dazu ist aber die rasche Weiterentwicklung von jederzeit verfügbaren und sicheren Schnelltesten sowie die baldige  Einführung von wirksamen, allseitig akzeptierten Impfstoffen nötig. Und eben die geforderte Sachlichkeit auf allen Ebenen! Wir geben die Hoffnung nicht auf!


Hans-Ulrich Kull, Dr.med., Vorstandsmitglied Zürcher Senioren- und Rentnerverband ZRV

3 Kommentare

  1. Danke Herr Kull für den Beitrag. S› tut gut zu sehen dass eine Fachperson die Hand hochhält.
    Die Zahl, komentarlos, «positiv Getesteten», verunsichert, ist EIN Teil der Geschichte. Verunsicherte bauen sich ein eigenes Weltbild.
    Desshalb: „unité de doctrine“ ist key – sonst bringen wir das Ding nicht auf die Reihe!

  2. Wir leben in einer Demokratie und es ist richtig, dass Alles hinterfragt wird. In Bezug auf die Pandemie ist es jedoch so, dass das viele Hinterfragen (insbes. auch von Ärzten) die einen verunsichert und die andern in ihrer negativen Haltung noch bestärkt. Was zur Folge hat, dass die verordneten Massnahmen nicht strikt genug befolgt werden und schlussendlich direkt in den Lockdown führen. In Sache Klimawandel verhält es sich sehr ähnlich – hier werden die Auswirkungen jedoch noch viel schlimmer sein.

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