FrontKolumnenWir müssen uns wehren

Wir müssen uns wehren

Als Thomas Aeschi im Abstimmungskampf Bundesrätin Karin Keller-Sutter als «FakeNewsKarin» bezeichnete und ihr hinterherwarf, sie und der Bundesrat «kümmerten sich einen Dreck um den Willen des Volkes» und sie dazu noch der Lüge bezichtigte, blieb mir die Sprache im Hals stecken. Ist das nun auch bei uns die Sprache der Verunglimpfung, die einfach hingenommen wird, so wie wir sie seit bald vier Jahren aus den USA kennen? Seit wann wird eine ehrenwerte Bundesrätin öffentlich einfach Karin genannt und sie der Fake News bezichtigt? Thomas Aeschi holte die Magistratin auf die Ebene herunter, auf der er politisiert. Wenn sich jemand bei der Abstimmung nicht um den Volkswillen kümmerte, war es Aeschis Partei mit der Kündigungsinitiative, denn über die bilateralen Verträge, um die es ging, war schon mehrmals abgestimmt worden. Das Volk verwarf die Vorstösse. Wer, frage ich da, verachtet den Volkswillen? Und nun also dieser Ausfall gegen den Bundesrat und die Bundesrätin. Sie vertrat mit bekannten Argumenten, was die Mehrheit des Parlaments beschlossen hatte. Ein weiteres Beispiel, wie die Grenze des Anstandes überschritten wird, bot Aeschis Kollege Andreas Glarner, der eine Nationalrätin angriff, ihren Namen veränderte und in die Nähe der Fäkalsprache brachte.

Was ist geschehen in unserem Land, dass gegen diese Sprache nicht laut protestiert wird? Müsste sich nicht die Mehrheit energisch wehren zum Schutz der guten Sitten und der Moral? Alles beginnt mit der Sprache. Den Kindern wird beigebracht, wie sie sich zu verhalten haben. Die Eltern und die Lehrer knüpfen an die Tradition des Landes an. Sie verlangen von den Kindern, was üblich ist, was den Geist des Volkes und dessen Werthaltung als Staatengemeinschaft prägt. Erzieher werden in ihrem Bestreben von exponierten Vorbildern in ihrer Haltung bestärkt. Was würde ein Lehrer sagen, wenn ihn ein Oberschüler mit seinem Rufnamen ansprechen und ihn Urs nennen und dazu noch sagen würde, was er lehre, seien Fake News? Zur Rede gestellt, könnte er sich herauswinden und behaupten, der Aeschi, der oben in Bern sitzt, habe ja einfach die Bundesrätin Karin genannt. Warum dürfe er ihn nicht Urs nennen?

Es ist klar und braucht auch nicht besonders erläutert zu werden, es geht um die Moral, die sich stets auf die soziale Praxis einer Gruppe oder eines Volkes bezieht. Wenn sich die Praxis ändert, ändert sich auch die Moral. Zunehmend beobachten wir, dass es an Achtung den Institutionen und ihren Vertretern gegenüber fehlt. Was einmal Anstand hiess, scheint weitherum verloren zu gehen. Was als guter Ton anerkannt ist, wird schnell zu schludrigem Gerede und zu einer Beschimpfung von Andersdenkenden.

Man könnte Thomas Aeschi in einer besinnlichen Stunde fragen, wie er geachtet werden möchte. Er würde vielleicht bescheiden antworten, «so wie andere eben auch». Aber könnte man weiter fragen: «Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Sie ‹FakeNewsThomas› nennen würde?» Wenn er sich nicht gerade daran erinnerte, dass er diese Wendung der Bundesrätin gegenüber vorgebracht hatte, würde er mit Sicherheit sagen: «Nein, das verbitte ich mir!»

Damit stehen wir bei der moralischen Grundfrage, die weit über die aktuelle Beschimpfung und Verunglimpfung hinausgeht, die auf das Christentum und auf den Philosophen Immanuel Kant zurückgeführt werden kann: «Achte Menschen so, wie du selbst geachtet werden willst!» In diesem Augenblick müsste Thomas Aeschi bewusst werden, dass er der Bundesrätin nicht jene Achtung entgegengebracht hat, die er für sich selbst in Anspruch nimmt. Er müsste erkennen, dass er seiner eigenen Selbstachtung nicht gerecht geworden ist. Um sie wieder herzustellen, müsste er sich entschuldigen. Die Achtung anderen Meinungen gegenüber ist das unbestrittene Fundament der Schweizerischen Demokratie. Die Herren Aeschi und Glarner und andere mehr ziehen mit solchen verachtenden Ver- und Beurteilungen dem Land die Moral unter den Füssen weg. Und wer wundert sich, dass eine Zeitung fragt, ob diese Entgleisungen Einzelfälle seien oder zum neuen Ton der Schweiz zu werden drohen?

9 Kommentare

  1. Ich bin zuversichtlich die Wähler werden sich schon bei nächsten Urnengang wehren gegen eine solche Verletzung des Anstandes. Dann werden die Herren vielleicht noch lauter poltern um von der Sachebene und ihrem Unvermögen den Volkswillen zu deuten abzulenken.

  2. Genau – also schonen wir Arslan, Badran, Wermuth und Co., welche sich offen mit den Gesetzesbrechern und Klimachaoten solidarisieren – und verurteilen wir die, die sich noch für Recht und Ordnung einsetzen …

    • Herr Andreas Glarner schreibt wie er spricht. Meines Erachtens fehlt es Herrn Glarner an Kompetenz, Anstand und Respekt; passt damit bestens in die Liga Thomas Aeschi.

  3. Recht und Ordnung sind ganz direkt mit Anstand liiert. Wer den nicht hat, kann erstere nicht einfordern. So einfach ist das…

  4. Guter Artikel, leider haben Sie etwas ausgelassen. Es ist nicht in erster Linie Andreas Glarners «Verprecher» bei Sibel Arslans Namen, der so verurteilt wird, obwohl er selber es immer darauf reduzieren will und anscheinend erfolgreich ist mit dieser Manipulation.
    Vielmehr geht es darum, dass er mit einem absichtlich geäusserten, bewusst rassistischen Spruch ihre schweizer Staatsbürgerschaft missachtet und somit ihre Legimitation als NR abgelehnt hat.
    Der «Versprecher» könnte durchaus einer sein, wenn auch solche Spitznamen einem in der Hitze des Streits nur herausrutschen, wenn man sich daran gewöhnt, also bereits häufiger verwendet hat.
    Aber der rassistische Spruch wurde in voller Absicht geäussert. Das bleibt anscheinend folgenlos und ist doch schlimmer.

  5. Vielen Dank, Herr Iten, für Ihren ausgezeichneten Beitrag. Sie sprechen mir voll aus dem Herzen. Hoffentlich können Sie Ihren Text noch vielen Leserinnen und Lesern zugänglich machen. Ich habe übrigens vor einiger Zeit die Homepage von SVP Nationalrat Christian Imark (SO) angeschaut. Er spottet dort über die Bundesrätin Simonetta Sommaruga und vergleicht sie mit Uriella. Das ist ähnlich frech und primitiv.

  6. Dass Frau Bundesrätin Karin Keller-Sutter zum Beispiel bei ihrem Auftritt in der Arena nicht immer bei der Wahrheit geblieben ist, kann problemlos belegt werden. Oft ist es um die zukünftigen bilateralen Verträge mit der EU eindeutig eine Auslegungsfrage. Aber es ist natürlich schon so, dass der Bundesrat eine Kollegialbehörde ist und die einmal gefasste Meinung vertreten muss.
    Es würde der Politik und insbesondere bei Sendegefässen wie der Arena wohl anstehen, wenn auch der Classe Politique unbequeme Voten vorgebracht werden könnten. Nur das Problem ist die offensichtliche Linkslastigkeit unseres so verehrten Fersehen.

  7. Der Neid der sitzt überall auch im Bundeshaus warum nur ? Karin Sutter-Keller ist noch nicht lange dabei auch Sie wird es lernen sich zu wehren ,

  8. Es ist schon erstaunlich, wie gewisse Politiker sich erfrechen, sich so Menschen verachtend zu äussern, welche Worte sie wählen. Die oben erwähnten Personen haben aber vergessen, dass ihre Sprache und ihre Worte mehr über ihre eigene Person aussagen, als ihnen lieb ist. Ich auf jeden Fall werde mich bei den nächsten Wahlen an diese ausfälligen, teils ja sehr primitiven Worte (auch gegen Frauen) erinnern und einen entsprechenden Stimmzettel ausfüllen.

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