FrontKolumnenDie alten Männer in den USA und anderswo

Die alten Männer in den USA und anderswo

In bin 76 Jahre alt, Donald Trump ist 2 Jahre jünger, Joe Biden ein Jahr älter. Und der Mann, der im Studio vom Moderationspult aus die beiden in der ersten Auseinandersetzung um die amerikanische Präsidentschaft  besser im Zaun zu halten versuchte, Chris Wallace vom rechtslastigen TV-Sender Fox News, ist 72 Jahr alt. Old Boys unter sich. Auch wenn viele sich in diesem Alter meistens 10 Jahre jünger fühlen oder gar darauf bestehen, sind sie eben so alt, wie sie sind. Zumindest da kann ich als Beobachter aus eigener Erfahrung mitreden. Das sich-jünger-Fühlen ist bei Lichte betrachtet meistens schlicht ein Trugschluss.

Und siehe da, die zwei Kandidaten verhielten sich im TV-Duell nicht wie weise, alte Männer, sondern wie kleine Buben, die ihre vermeintlich „grossartigen Leistungen“ nach aussen trugen. Trump hänselte Biden, weil er immer so eine ganz grosse Maske trage und spreizte dabei seine Arme ganz weit. Er, der Tausendsassa und Allerweltskerl, hatte es ja bis jetzt nicht für nötig gehalten, eine Maske zu tragen. Nun hat es ihn dennoch oder gerade deshalb erwischt. Covid19 zwang ihn und seine Frau Melania in die Quarantäne und ins Militärspital, von wo er weiter regieren und den Wahlkampf führen will. Weltweit wird nun gerätselt, was das für den US-Wahlkampf bedeuten wird. Trägt es ihn, den Unverwundbaren, erst recht wieder in irgendeiner Form für weitere vier Jahre ins Weisse Haus? Steht er auf und präsentiert sich als der tatsächlich Unverwundbare, oder wird er beeinträchtigt trotzdem die stärkste Nation der Welt regieren oder ganz andersherum: Verschwindet er, der vier Jahre lang die Welt in Atmen hielt, in der Versenkung?

Unmöglich ist nichts mehr in diesem nicht mehr zu verstehenden Amerika. Von einem kann aber in Bezug auf die USA nicht mehr geredet werden: von der Diskriminierung des Alters. Wenn nicht Trump, dann eben Biden, ein 74jähriger oder einer, der über 77 Jahre alt ist. Zwei aus der Risikogruppe. Kann uns das trösten?

Es ist noch gar nicht so lange her, als es in der Schweiz erste Ansätze gab, ältere Menschen in der Politik zu diskriminieren. Im Jahr 2002 versuchte die Gemeinde Madiswil im Emmental beispielsweise, eine Alterslimite von 70 Jahren für Gemeinderats-und Kommissionsmitglieder einzuführen. Schon damals reagierte der Schweizerische Seniorenrat SSR geharnischt und verlangte, dass der Kanton Bern einzuschreiten, der Gemeinde die Regelung zu verbieten habe. Was dann auch geschah.

Und Jacqueline Fehr (57), Justizdirektorin des Kantons Zürich, plädierte 2016 im Umfeld der Brexit-Abstimmung in Grossbritannien, bei der die Jungen von den Alten überstimmt wurden, für eine Neugewichtung des Stimmrechts. Konkret schlug die Sozialdemokratin vor: 18- bis 40-Jährige sollen zwei Stimmen, 40- bis 65-Jährige anderthalb und über 65-Jährige eine Stimme erhalten. Jacqueline Fehr begründete ihren Vorschlag damals damit, dass die Jungen viel länger mit Urnenentscheiden leben müssten. „Ein 20-Jähriger hätte an der Urne künftig doppelt so viel politisches Gewicht wie seine 70-jährige Grossmutter“, schrieb damals der Blick. Der Schnellschuss blieb ohne Wirkung, sieht man von der Häme ab, die Jacqueline Fehr einstecken musste. Das urdemokratische Prinzip, eine Person, eine Stimme, blieb unantastbar. Und das ist gut so.

Und was lehren uns die USA dennoch? Die Altersdiskriminierung findet zumindest in der grossen Politik, auch im Journalismus, nicht statt. Joe Biden hat mit der Nomination von Kamala Harris (55), Senatorin aus Kalifornien, zu seiner Vizepräsidentin ein Zeichen gesetzt. Ihm zur Seite würde eine weit jüngere Frau stehen, die aufgrund ihrer Herkunft der „Schwarzen Gemeinde“ zugerechnet wird und als sehr kompetente Juristin gilt. Sie könnte so als erste Frau ins Weisse Haus aufrücken, wenn Biden als gewählter Präsident vorzeitig aufgeben würde oder müsste, sicher aber würde sie im Jahre 2024 mit guten Chancen für das Präsidentenamt kandidieren und auch gewinnen können. Die USA könnten befriedet werden.

Alte weise Männer können regieren. Das haben Winston Churchill, Charles de Gaulle, Konrad Adenauer, auch italienische Staatspräsidenten wie Sandro Pertini und Giorgio Napolitano, beide über 80, bewiesen. Und Joe Biden hat immerhin seine mögliche Nachfolge geregelt, mit einer Frau.

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