FrontGesellschaftRené Scheu stellt Fragen

René Scheu stellt Fragen

Interviews mit Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Gesellschaft gehören zu den Lieblingsbeschäftigungen des NZZ-Feuilletonchefs René Scheu. Nun erscheinen zwanzig seiner Gespräche in dem Buch «Gespräch und Gegenwart».

Für René Scheu (*1974) stellt der persönliche Dialog ein Gegengewicht zu den sozialen Medien dar. Das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, zu einer bestimmten Zeit, in einem bestimmten Raum, hier und jetzt, ist für ihn jedes Mal ein Abenteuer, schreibt er, da man im Voraus nie wisse, wie sich das Gespräch entwickelt.

René Scheu ist promovierter Philosoph und Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung. Foto: Privat, zVg.

In seinem Buch «Gespräch und Gegenwart. Reden über (und gegen) den Zeitgeist» präsentiert René Scheu zwanzig seiner besten Interviews mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, die er zwischen 2018 bis 2020 in der NZZ veröffentlichte. Speziell für diese Publikation fügte der Herausgeber Hans Ulrich Gumbrecht am Anfang eine Einleitung zur Entwicklung des «Interview als Gattungsgeschichte» an und am Schluss ein Gespräch mit dem Autor.

Die zwanzig Interviews gruppieren sich in vier grossen Kapiteln. Vor jedem Interview gibt es eine kurze Einführung, in welcher René Scheu schildert, wie das Gespräch zustande kam, seine Beziehung zum Interviewpartner oder zur -partnerin, allerdings gibt es nur drei Gespräche mit Frauen. Zur Illustration steuerten die Befragten persönliche Fotografien, die ihnen etwas bedeuten, bei.

Die zwei ersten Gespräche im Kapitel «Corona – philosophisch und literarisch» gehen auf die aktuelle Situation ein. Der amerikanische Kulturphilosoph Robert P. Harrison ist als Italianist ein Kenner der Werke von Dante und Boccaccio. Als ein Buch der Stunde bezeichnet er Boccaccios «Dekameron», eine Sammlung von hundert Novellen, geschrieben um 1350 in der Pestzeit. Um sich vor der schwarzen Pest zu schützen, zogen sich zehn junge Leute aufs Land zurück und erzählten sich Geschichten. Und im Geschichtenerzählen sieht Harrison eine menschliche Immunreaktion auf eine Krise, mit der sich die Menschen dem Chaos entgegenstellten.

Unter «Kulturhelden der Gegenwart» kommen neun Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Lagern zu Wort, darunter der Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi, ein «Künstler ohne Tabu». Xenia Tchoumitcheva bezeichnet René Scheu als «Eiserne Lifestyle-Performerin». Sie ist Ökonomin und erfolgreiche Ex-Vize-Miss-Schweiz, die heute von London und Lugano aus ihr Business als «Unternehmerin-Verlegerin-Bloggerin-Influencerin» betreibt. Als René Scheu das Magazin «Schweizer Monat» (2011-2014) neu lancierte, arbeitete sie dort als Kolumnistin, dabei entstand dieses Interview; das einzige ausserhalb der NZZ.

Die Überschriften verraten jeweils bereits etwas von der interviewten Person, Peter Maffay ist der «Grundanständige Rockstar», Schauspieler Robert Hunger-Bühler ist «Der Mann mit der ruhigen Stimme» und Zucchero «Der Mann mit der sonnigen Stimme». Auch verschiedene Schriftsteller gehören zu Scheus Interviewpartnern.

Im Kapitel «Typen aus dem Silicon Valley» versammelt René Scheu sieben Interviews aus den USA. Es sind praktisch alles Gespräche mit Professoren, die eine Vorliebe für Philosophie haben. Einige von ihnen sind auch Anhänger des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, den sie als erfolgreichen Reformer sehen, wie Russel Berman, Professor für deutsche Literaturwissenschaften und Komparatistik. Ihn versuchte René Scheu mit pointierten Fragen herauszufordern.

Lob bekommt Trump auch vom in Frankfurt geborenen Peter Thiel, der heute in Los Angeles lebt. Er ist Philosoph, Tech-Unternehmer und Mitbegründer von Paypal. Thiel spricht über die Schwierigkeiten im Silicon Valley und warum er von dort weggezogen ist. Neben Künstlicher Intelligenz kommt auch Biotech, die Erforschung der Lebensverlängerung und Überwindung des Todes, zur Sprache. Ein Wunderkind in Sachen Erforschung Künstlicher Intelligenz ist der 22jährige Sam Ginn. Sein Fokus liegt auf der Verarbeitung der natürlichen Sprache. Er arbeitet an einem Code, der es Computern ermöglichen soll, die menschliche Sprache nicht nur zu transkribieren, sondern sie in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen.

Ein erfrischendes Gespräch führte René Scheu in Stanford mit Condoleezza Rice, Aussenministerin unter George W. Bush und nun Professorin für Politikwissenschaft. Sie spricht von ihren Zweifeln, ob unsere Seele mit den ständigen Neuerungen mithalten könne, und ob wir immer verstünden, was wir tun würden. Vertieft setzt sie sich auch mit dem Trend der Political Correctness auseinander, der an den amerikanischen Universitäten der letzten zwanzig Jahre entstand. Dazu erklärt sie im Interview, dass sie den Studenten gleich zu Beginn ihrer Kurse sage: «Keiner von euch hat das Recht, nicht beleidigt zu werden», damit will sie erreichen, dass die Studenten sich auch mit Ideen auseinandersetzen, die nicht in ihr Weltbild passen.

Hans Ulrich Gumbrecht ist Albert Guérard Professor Emeritus in Literatur in Stanford und zählt zu den prägenden Intellektuellen der Gegenwart. Foto: Laura Teresa Gumbrecht.

Nach dem Interview mit «Philosophiestar» Peter Sloterdijk führt der Herausgeber Hans Ulrich Gumbrecht das Schlusswort. Dafür kehrt er den Spiess um und interviewt René Scheu virtuell von Amerika aus. Hier haben die Leserinnen und Leser die Möglichkeit, dem Interviewer hinter die diskrete Fassade zu gucken, denn als Fragensteller nimmt sich René Scheu zurück und geht ganz auf sein Gegenüber ein. Er verrät uns nun einiges aus seinem Nähkästchen und kommt uns so – wie seine Interviewten – etwas näher.

Titelbild: Skizze Maude Vuilleumier

René Scheu, Gespräch und Gegenwart. Reden über (und gegen) den Zeitgeist. Hrsg. Hans Ulrich Gumbrecht, NZZ Libro, 2020. ISBN 978-3-907291-02-3

 

 

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