FrontKolumnen«Helvetia ruft!»: Frauen haben das «Laufgitter» endgültig verlassen

«Helvetia ruft!»: Frauen haben das «Laufgitter» endgültig verlassen

«Helvetia» galt bereits für viele geschichtsorientierte Fakten in unserem wunderschönen «Land Helvetien» als politische Leitplanke. Angefangen vom keltischen Volksstamm, der im 1. Jahrhundert v. Chr. das heutige schweizerische Mittelland verlassen wollte, um nach Südfrankreich zu ziehen, was der römische Feldherr Caesar jedoch verweigerte. Unendliche Geschichten im Namen Helvetia liessen sich erzählen, nacherzählen und wiederholen… Immerhin sitzt «Helvetia» schon echt lange – von 1850 bis 1874 – auf der Zwei-Franken-Geldmünze. Noch heute dominiert und steht die Dame Helvetia, elegant und locker, den einen Arm auf das Schweizer Wappen gestützt und mit der anderen den Speer in der Hand, auf der Schweizer Münze. Und da gibt es ja auch die Interpretation der «Helvetia – Rütli der Schweizer Frau». Widersprüchliche Zeichen?

Der Bundesstaat von 1848 brachte der Schweiz als erstem Land Europas eine stabile demokratische Ordnung als freie Republik. Doch die Frauen und damit die Hälfte der Bevölkerung blieben von der Mitbestimmung trotz der Helvetia ausgeschlossen. Es brauchte stets mutige Helvetias zur neuen Weichenstellung?

1957 gingen in der Schweiz erstmals Frauen an die Urne

Begonnen hat alles in einer aufmüpfigen Walliser Gemeinde Unterbäch, oberhalb von Raron, dort, wo Rainer Maria Rilke auf dem Friedhof der Burgkirche seine letzte Ruhestätte gefunden hat.  Schon Rilke nannte das Wallis «das Tal der Schweiz von alters her». Der Zeit- und Rastlose soll in diesem verheissungsvollen Land sogar das Tal Josaphat gesehen haben; dort werde das Jüngste Gericht stattfinden.

Und, wie die Schweiz als Staat ihren Ursprung auf der Rütliwiese am Vierwaldstättersee hat, so schrieb dieses Unterbäch im Wallis als das «Rütli der Schweizer Frau» Geschichte. Am 3. März 1957 zeigte sich Walliser Eigenwilligkeit auf höchst erfreuliche Weise. Gemäss Beschluss der örtlichen Gemeindebehörde und unter mutiger Missachtung der Weisungen der Bundes- und Kantonsregierung durften Frauen an der Urne damals in Unterbäch mitbestimmen. Die Walliserinnen mussten noch bis 1970 warten, bis sie politische Rechte zugesprochen erhielten, die Schweizerinnen sogar noch ein Jahr länger. Eine Walliser Berggemeinde, die erste Schritte in Richtung eines modernen Ferien- und Erholungsortes tat, setzte vor über sechzig Jahren ein bemerkenswertes staatspolitisches Signal. Inspiriert war der damalige Gemeinderat von Iris von Roten – Gattin des Präfekten von Raron -, der grossen Pionierin im Kampf für die Gleichstellung von Frau und Mann und Autorin des Buches «Frauen im Laufgitter».

Der Gemeinderat begründete seinen Entscheid im Jahre 1957 folgendermassen: «Der Anstand und der gute Ton verlangen es, dass wir Männer uns nicht als allmächtige Vormünder benehmen, sondern Rechte und Pflichten unserer Frauen in Einklang bringen.» Der Beschluss der Gemeindebehörde öffnete den Frauen unter Berufung auf die Gemeindeautonomie und damit Missachtung der Weisungen der Bundes- und Kantonsregierung die Tür zum Abstimmungslokal.

Die 2014 verstorbene Präsidentengattin Katharina Zenhäusern, die als erste Frau einen Stimmzettel in die Urne legte, kommentierte den beschwerlichen Weg zur Gleichstellung von Mann und Frau: «Noch hat die Gleichberechtigung Nachholbedarf. Vor allem in der katholischen Kirche. Vielleicht sind ja die universellen Götter weiblich.»

Helvetia ruft erneut!

«Helvetia ruft!», die überparteiliche Bewegung «Frauen in die Politik» engagiert sich derzeit wiederum für die Gleichstellung von Frau und Mann. «Helvetia ruft!» wird getragen von hunderten von Frauen. Sie stammen aus der ganzen Schweiz, aus allen Parteien und den unterschiedlichsten Berufsgruppen, und haben ein gemeinsames Ziel: Dass Frauen und Männer zu gleichen Teilen politische Entscheidungen treffen in diesem Land.

Bei den Eidgenössischen Wahlen 2019 feierten die Frauen historische Erfolge, in dem der Frauenanteil in National- und Ständerat einen neuen Rekord erreichte. Erstmals in der Geschichte der Schweiz wurden mehr neue Frauen als neue Männer in die Eidgenössischen Räte gewählt. Man will, dass sich auch in den Kantonen vermehrt Frauen in und für die Politik engagieren. Die neue Bewegung «Frauen in die Politik» sind inzwischen in den Kantonen auf Tournee. Letzter Halt – Online/ Lancierungsveranstaltung – am 31. Oktober 2020: im Wallis und Unterbäch, dem «Rütli der Schweizer Frau». Helvetias aller Generationen freuen sich, dass die Frauen das Laufgitter völlig zu Recht endgültig verlassen haben. Dank dem Engagement mutiger Frauen!

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