FrontKulturDie schönste Frau im Schatten des Berges

Die schönste Frau im Schatten des Berges

Vom Leben in der Zeit des Ersten Weltkrieges in einem entlegenen Winkel des Bregenzerwaldes handelt der Roman «Die Bagage» von Monika Helfer. Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer Familie erst jetzt, da niemand mehr am Leben ist.

Aussenseiter sind die Moosbruggers, nicht nur, weil sie weit ausserhalb des Dorfes in einem kleinen Haus mit wenig Land wohnen, sondern auch, weil Josef und Maria von den Dörflern so wahrgenommen werden, von Anfang an, aber im Laufe der Zeit wird die Missgunst immer stärker. Der abschätzige Begriff Bagage des Titels drückt es aus. Dabei ist Josef Moosbrugger keineswegs ein Mensch, den man scheel anschauen müsste, im Gegenteil, seine Maria hat ihn geheiratet, weil sie ihn stark und schön findet, sie vertraut ihm, stört sich nicht an seiner wortkargen Art. Josefs eigenbrötlerisches Wesen trägt wohl dazu bei, dass die Familie Moosbrugger die Bagage genannt wird. Wer im Dorf trägt schon sonntags weisse Hemden und wäscht sich täglich von Kopf bis Fuss draussen im kalten Brunnenwasser. Nur einmal lässt er sich von Maria heisses Wasser machen und wäscht sich im Haus, als er endgültig aus dem Krieg heimkommt.

Von Maria schreibt die Autorin: «meine schöne Grossmutter, der alle Männer nachgestiegen wären, wenn nicht alle Männer Angst vor ihrem Mann gehabt hätten.» Die schönste Frau im Tal hatte also einen schönen, stolzen Mann gefunden, trotz grosser Armut im hintersten Winkel des Tales eine Familie gegründet, aber im Dorf fanden die beiden wenig Freundschaft. Josef verkehrte nur mit dem Bürgermeister, beide machten sie zusammen ‹Geschäftchen› – was das genau bedeutet, bleibt der Fantasie der Lesenden überlassen. Besser, man wusste nicht, worin solche ‹Geschäftchen› bestanden.

Monika Helfer 2019  © Isolde Ohlbaum

In ihrer Erzählung hält sich Monika Helfer an alles, was sie von ihren Verwandten erfahren hat oder woran sie sich selbst noch erinnert, wenig genug, denn ihre Grosseltern und ihre Mutter sind früh gestorben. Dieses Buch enthält also sowohl autobiografische als auch fiktionale Abschnitte, ohne dass wir Lesenden Unterschiede erkennen könnten; dafür ist auch das Fiktionale zu gut recherchiert.

Der Roman beginnt in den ersten Septembertagen 1914, als der Postbote den langen Weg zu Moosbruggers Häuschen hinaufgehen muss, um Josef den Einberufungsbefehl zu überbringen. – Nicht nur für diesen eine Hiobsbotschaft, sondern für die ganze Familie, denn wie soll Maria mit ihren damals vier Kindern über die Runden kommen, wenn der Bauer, der Hausherr, in den Krieg ziehen muss. Daraus ergeben sich die Verwicklungen, die sich nur durch Marias Standhaftigkeit und Unbeirrbarkeit sowie durch die Unerschrockenheit ihres dritten Kindes Lorenz und dessen Wagemut auflösen.

Als Josef nämlich ins Militär einrückt, bittet er den Bürgermeister, auf Maria und die Kinder aufzupassen. Das tut dieser zuerst, indem er die Familie mit den bitter notwendigen Lebensmitteln unterstützt. Eines Tages lädt er Maria ein, mit ihm zum Markt in den nächstgrösseren Ort zu fahren. Was darauf folgt, soll hier nicht verraten werden. Denn am Ende bleibt nur ein gutes Mass Wahrscheinlichkeit.

Die Autorin schreibt eine klare Sprache, den Personen angepasst, ohne eine Art Bauernsprache zu imitieren. Nur durch einzelne Begriffe lässt sie Lokalkolorit aufscheinen. Sie erzählt in Anekdoten, so wie sie die Ereignisse wohl von ihren Verwandten erfahren hat oder wie sie selbst ihre Onkel und besonders Tante Kathe – eine wichtige Bezugsperson für die Autorin – kennengelernt hat. Da sind auch Zeitsprünge berechtigt. Entstanden ist eine Mischung aus einfühlender Beschreibung und Dramatik, durchaus eine spannende Lektüre. Dass Bagage nicht nur abfällig gemeint sein kann, zeigt die Widmung: «für meine Bagage» – und das tönt in diesem Fall liebevoll und anrührend.

Monika Helfer, geboren 1947 in Au/Bregenzerwald, lebt mit ihrer Familie in Vorarlberg. Sie hat Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht, unter anderem gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Michael Köhlmeier. Sie erhält den Solothurner Literaturpreis 2020. Da in diesem Jahr aufgrund der Covid-19-Beschränkungen die Solothurner Literaturtage nicht regulär stattfanden, wird ihr der Preis erst 2021 verliehen.

Monika Helfer, Die Bagage. Hanser Verlag 2020. 160 Seiten. ISBN: 978-3-446-26562-2

Titelfoto: Auer Ried  © Reinhard Müller / commons.wikimedia.org

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