FrontKulturDie Drogentoten von Samedan

Die Drogentoten von Samedan

Im Sog der Zürcher Jugendbewegung entstand um 1980 im Oberengadin eine Drogenszene, über deren Tote die Dorfgemeinschaft bis heute schwieg. Mit dem Dokumentarfilm «Suot tschêl blau» bricht Ivo Zen das Schweigen und leitet einen Prozess der Versöhnung ein. – Ab 19. November im Kino.

«Man spricht gern vom Engadiner Himmel, von seiner überraschenden und tiefen Bläue. Für viele besitzt diese zugleich warme und harte Landschaft eine, wenn man so will, mysteriöse Anziehungskraft.» Diese Sätze von Annemarie Schwarzenbach sind dem Film vorangestellt. Sie selbst, Journalistin, Fotografin und Feministin, wurde 1908 in Zürich geboren und starb 1942 in Sils im Engadin an ihrer Drogensucht – wie zahlreiche andere, von denen dieser Film berichtet.

Die Nacht mit ihren Geheimnissen

Der Filmer Ivo Zen hinterfragt Tabus …

Der Regisseurs Ivo Zen wurde 1970 in Santa Maria im Münstertal geboren und wuchs dort auf. Er war Preisträger des Migros CH-Dokfilm-Wettbewerbs 2018 und erhielt zweimal das Werkstipendium des Kantons Graubünden. «Suot tschêl blau» ist sein achter Film: ein gut recherchiertes und mit grosser Empathie realisiertes Werk.

Die Landschaft des Oberengadins war in den 1980er- und 90er-Jahren Schauplatz einer Tragödie, die bis heute tabuisiert ist. Von den Zürcher Unruhen inspiriert, widersetzten sich auch dort Jugendliche den traditionellen Gesellschaftsregeln. Der Dorfplatz von Samedan war Treffpunkt der Engadiner Jugend. Doch mit dem gemeinsamen Musizieren kam auch das Kiffen und später das Heroin ins Dorf. Die Drogensucht und der Tod der eigenen Kinder wurde zum Schock für die Region. Ohnmacht und Schuldzuweisungen spalten bis heute die Dorfgemeinschaft. Denn die rebellischen Jugendlichen mit ihrem Herumlungern und Drogen Konsumieren passten nicht ins Bild der Postkartenidylle.

Eine Aufarbeitung fand nie statt, bis Ivo Zen mit seinem soziokulturellen Filmprojekt «Unter dem blauen Himmel» den Erinnerungen, welche Eltern, Geschwister und Freunde so lange für sich behalten hatten, Raum schaffte. Der Film, der Zeiten und Orten, Schicksale und Hintergründe geschickt miteinander verwebt, beschreibt eine teils schmerzhafte Aufarbeitung, einen spannenden und berührenden Prozess einer Versöhnung zu einer neuen Identität und im Ansatz der Entstehung eines kollektiven Gedächtnisses.

Die Natur und der Mensch

… und holt Vergangenes in die Gegenwart

Nachts bei Vollmond und Sternenhimmel tauchen wir ein in den Ort der Handlung: nach Samedan, ins «Weisse Kreuz», wo die Frauen und Männer des Dorfes sich versammeln und von den Jugendlichen, meist Männern, erzählen, die vor bald vierzig Jahren den Droge verfallen sind: Rolli, Figi, Carli, Herbi, Roger, Charli, Detlef, Andri, Martin, Fabio und weitere.

Der Künstler Andrea Clavadetscher meint: Diese Landschaft muss man ertragen können. Sie provoziert. Zuerst ist es die Schönheit, dann macht sie unruhig und zappelig, und es gibt Leute, die kein Halten mehr kennen. Jetzt, sofort, alles! Du willst immer mehr, weiter, höher, bis es zu spät ist. So sinniert er, wie auch andere im Film, über die Gründe und Hintergründe der Ereignisse.

Man wusste davon, doch verschwieg es. Selbst bei den Abdankungen wurden Drogen nie erwähnt. Zwischen den Gesprächen zeigt die Kamera die eng aneinander gebauten Häuser und die Strassen, die sie verbinden. Die Konservatorin des Dorfmuseums meint, dass du einen solchen Himmel im Unterland nie so intensiv und so klar siehst. Schmerz und Trauer sind bei vielen, die erstmals sprechen, spürbar. Damals wurde den Familien die Schuld an den Tragödien zugeschoben. Diese Vorwürfe, die den betroffenen Eltern das Herz gebrochen hatten, erlebten sie noch grausamer als den Verlust ihres Kindes.

Der Vater des verstorbenen Men-Duri

Angehörige und Freunde sprechen über die Vergangenheit …

Das Engadin war damals immer etwas zurück: die 60er-Revolution gab es dort in den 80ern. Im «Croce» tankten die Jungen Energie, erlebten Familie und Daheim. Das Leben, die Welt, die Gesellschaft musste verändert werden! Viele hatten es versucht, einige scheiterten. Bilder des 68er-Zürich, des Globus, des AJZ sind in den Film eingebaut; der Ort, den die Jugendlichen besetzten, war der Dorfplatz von Samedan.

Winterlandschaften schaffen immer wieder etwas von der mysteriösen Anziehungskraft, von der Annemarie Schwarzenbach spricht. Oft stand hinter dem Drogenkonsum der Jungen auch etwas Romantisches, Spirituelles. Auf dem Friedhof schiebt der Vater von Men-Duri den Schnee vom Grabstein des Sohnes und meint: Er war immer auf der Suche nach etwas, dem Leben ausserhalb der Gesellschaft. Als Drogensüchtige wurden sie ausgegrenzt, als Tote waren sie die armen Kerle, meint Willi Riesch, der damalige Leiter des Sozialamts.

Ein Freundespaar erinnert sich an die Zeit im Letten und am Platzspitz. Bilder von dort und damals wecken Emotionen, nachdem die beiden nach vielen Jahren wieder nach Samedan gekommen sind und Erinnerungen austauschen: lächelnd, weil sie es geschafft haben auszusteigen, trauernd, weil es andern nicht gelungen ist.

Clavadetscher mit seinem Gegenstand des Erinnerns

… und errichten eine kleine Gedenkstätte des Erinnerns

In einem dunklen Raum der Chesa Planta, im Untergeschoss des Kulturarchivs, wird ein Erinnerungsraum eingerichtet. Auf einen alten Nussbaumtisch legen Frauen und Männer persönliche Gegenstände: Fotos, einen Bergkristall, Cowboystiefel, eine Gitarre, eine Billardkugel, einen Totenschädel: Dinge, die Trauer und Reue auslösen, aber auch Trost und Ruhe.

Monika Ramoni, die Mutter von Fabio, kommt auch und legt ein psychedelisches Bild zu den andern. Er war extrem neugierig, sagt sie, musste alles ausprobieren, bis es kein Zurück mehr gab. Für Men-Duris Vater, dessen Sohn Angst hatte, von der Gesellschaft vereinnahmt zu werden, war das Schlimmste die Machtlosigkeit.

Im Engadin gibt es viel Wind, viel Sonne, viel Oberfläche, der Blick geht nach oben, die Wurzeln unten verliert man gern dabei. So die Konservatorin des Archivs. Dagegen steht ein trockener, teilnahmsloser Bericht der Sozialbehörde über die damalige Situation im Oberengadin. Und die Freundin von Andri sinniert: Ich glaube, dass du für den Schmerz einen Platz schaffen musst, damit er frei wird.

Und weiter mäandriert der Film durch Begegnung mit überlebenden Personen, Bilder der Landschaften, Aussagen von Fachleuten, Szenen aus dem Dorfleben und so weiter und so fort – und wir werden hineingenommen in eine Welt, deren Themen nicht nur zu Samedan gehören, sondern allgemeingültig und allgemeinmenschlich sind: Abschied, Trauer, Schmerz, Reue und immer wieder das Fragen nach dem Sinn des Lebens.

Anmerkungen von Ivo Zen zu seinem Film

Regie: Ivo Zen, Produktion: 2020, Länge: 72 min, Verleih: Outside The Box

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