FrontKulturVom Unerklärlichen fasziniert

Vom Unerklärlichen fasziniert

Die Ausstellung «Im Herzen wild» im Kunsthaus Zürich steht im Zeichen der Romantik und spannt einen Bogen von Schweizer Künstlern bis zu Künstlern aus den Nachbarländern: von Heinrich Füssli, Alexandre Calame bis Caspar David Friedrich, William Turner.

Das Romantische galt als fantastisch und krankhaft, von dem sich die Vertreter des sich an der Antike orientierten Klassizismus angegriffen fühlten. Doch der nüchterne, rationale Klassizismus forderte gegen Ende des 18. Jahrhunderts neue Kräfte heraus, die Gefühle der Faszination für das Unerklärliche ausdrücken wollten, nicht zuletzt auf dem Hintergrund der Verunsicherung durch Revolution und napoleonische Kriege.

Johann Jakob Ulrich, Brennendes Dampfschiff auf stürmischer See, 1850-1853. Museum der bildenden Künste, Leipzig. Foto: © Bertram Kober. 

Dank der Aufklärung erhielt die Schweiz mehr Aufmerksamkeit, Geologen und Glaziologen interessierten sich für Gebirge und Gletscher, Dichter reisten in den Süden. Goethe war auf dem Höhepunkt der Alpenquerung so überwältigt, dass er seine Begeisterung zwar in Worte fassen, aber nicht zeichnen konnte. Dennoch gab es bereits früher Schweizer Künstler, wie Felix Meyer oder Johann Balthasar Bullinger, die die Bergwelt erkundeten, skizzierten, malten und sogar in die damals beliebten Landschaftszimmer der Zürcher Bürgerhäuser brachten.

Johann Heinrich Wüest, Rhonegletscher (Kunsthaus Zürich) und Schaffhauser Rheinfall (Rheinfall-Sammlung, Peter Mettler), 126 x 100/88 cm, um 1775. Die Gemälde stammen aus einer 18-teiligen Landschaftsserie im ehemaligen Gartensaal des Zürcher «Wollenhof» (heute «Heimatwerk»), die 1877 aufgelöst wurde, und nun als Einzelbilder erstmals wieder nebeneinander hängen, ergänzt von den Ölskizzen aus ursprünglich englischem Besitz.

So malte der Zürcher Künstler und Tapetenmaler Johann Heinrich Wüest – zurück von seiner mehrjährigen Wanderschaft in Holland und Paris – nach einem ersten Landschaftszimmer mit holländischen Szenen, Gebirgslandschaften, die er dank dem Auftrag eines englischen Lords und Naturforschers kennenlernte. Dieser Auftrag führte ihn 1772 zum Rhonegletscher und zum Schaffhauser Rheinfall, die er auf kleine Holztäfelchen malte. Drei Jahre später nutzte er die beiden Ansichten und malte sie im Grossformat für das Landschaftszimmer eines Zürcher Seidenfabrikanten.

Joseph Anton Koch, Der Schmadribachfall, 1794, Kunstmuseum Basel. Foto: © Martin P. Bühler.

Der erste wirkliche Hochgebirgsmaler war Caspar Wolf aus Muri/AG, der die Alpen im Berner Oberland, auch den Rhonegletscher darstellte. Wie kein Künstler zuvor interessierte er sich für die Gesteinsformationen, die Transparenz und Farbigkeit der Gletscher, die Naturgewalten, Blitzschlag, Unwetter und stellte sie aus grosser Nähe dramatisch dar.

Durch den aufkommenden Tourismus wurden Schweizer Landschaftsbilder so populär, dass Johann Ludwig Aberli ab 1760 in Bern ein spezielles Verfahren entwickelte, feine Umrissradierungen druckte, diese von Hand kolorierte und sie als preiswerten Ersatz für Ölbilder verkaufte.

Das Kunsthaus zeigt Werke verschiedener Künstler aus dem Ausland, die die Schweiz bereisten, wie des Österreichers Joseph Anton Koch, der aufgrund eigener Studien sowie fremder Vorlagen in Rom scharf konturierte Landschaften mit leuchtenden Farben als Heroische Landschaften herstellte. Der Engländer William Turner reiste skizzierend und malend erstmals 1802 durch die Schweiz und später 1836 und 1840. Seine atmosphärischen in Licht und Farbe getauchten Inszenierungen der Landschaft malte er im Atelier als Ölgemälde, losgelöst von jeglichen kleinmeisterlichen Vorlagen.

Joseph Mallord William Turner, On Lake Lucerne looking toward Fluelen, 1841. © The Courtauld Gallery, London, Scharf Bequest 2007.

Schweizer Künstler zog es auch ins Ausland, wie Anton Graff und Adrian Zingg nach Dresden, wo sie an der 1766 gegründeten Akademie lehrten. Sie durchwanderten mit ihren Studenten das Elbsandsteingebirge, das durch sie die Bezeichnung Sächsische Schweiz erhielt, denn sie fühlten sich an den Schweizer Jura erinnert. Zingg war Graveur und wurde vor allem durch seine Landschaftsmalerei in Sepiatechnik bekannt. Mit seinem romantisch verklärenden Blick auf reale Landschaften gilt er über seinen Schülerkreis hinaus als Wegbereiter der Dresdner Romantik, etwa für Caspar David Friedrich.

Alexandre Calame, Le Grand Eiger au soleil levant, 1844. © Gottfried Keller-Stiftung.

Landschaften bei Dämmerung und Mondschein wurden gemalt, nicht nur von Caspar David Friedrich. Die Ausstellung im Kunsthaus zeigt unterschiedliche Darstellungen, wie beispielsweise die farblich feinabgestufte Winterlandschaft bei Mondschein von Alexandre Calame, in der sich die Bäume neben der hellen Schneedecke geheimnisvoll und dunkel abheben. Eine touristische Attraktion entwickelte Franz Niklaus König mit dunklen Transparentgemälden in Aquarell auf Papier, die hellen Stellen liess er mit einer Lichtquelle von hinten effektvoll aufleuchten.

Ford Madox Brown, Manfred auf der Jungfrau, 1841/1861, © Manchester Art Gallery, Bridgeman Images. Ein Gemsjäger bewahrt Manfred vor dem Sturz in die Tiefe.

In der Kunst der Romantik fanden auch literarische Themen und Figuren grossen Widerhall. Johann Heinrich Füssli liess sich gerne von Shakespeares Dramen inspirieren. Auch Lord Byron bot mit seinem dramatischen Gedicht Manfred spektakuläre Szenen für die Malerei, der englische Präraffaelit Ford Madox Brown nutzte es als Vorlage. Szenen aus Friedrich Schillers Wilhelm Tell wie Tells Absprung vom Boot, der Apfelschuss oder der Rütlischwur wurden gerne auf Bildern festgehalten.

Eine eigene Kategorie stellen die Bilder von italienischen Briganten dar. Ihre bunten Trachten wirken abenteuerlich-romantisch und lassen bald einmal vergessen, dass sie keineswegs harmlos waren. Manche Reisende in Italien wurden von ihnen überfallen und ausgeraubt. Léopold Robert war von ihnen so fasziniert, dass ihm bewilligt wurde, gefangene Briganten zu malen.

Eine weitere Gattung in der Malerei der Romantik waren die Katastrophenbilder. Darstellungen von Lawinen, Schiffbruch, Sintflut, Feuersbrünste wurden dramatisch inszeniert und reichen bis zu den Hollywoodfilmen. Schon William Turner malte das brennende Parlament in London mit Hingabe. Mit heutigen Mitteln und Technik entstand die Videoarbeit von Guido van der Werve und wird auf Grossbildleinwand gezeigt.

Guido van der Werve, Nummer acht: Everything is going to be alright, 2007, 16mm-Film. Filmstill: © Courtesy the artist, image by Ben Geraerts.

Titelbild: Johann Conrad Zeller, Junge Frau am Meer, um 1835-1840, Kunsthaus Zürich. Foto: rv. Ist es Sehnsucht oder Angst und Ungewissheit, was die Frau gebannt in die Ferne blicken lässt?

Bis 14.02.2021
«Im Herzen wild. Die Romantik in der Schweiz» im Kunsthaus Zürich, mehr Informationen hier

Katalog zur Ausstellung mit Essays und zahlreichen Abbildungen, Prestel Verlag, CHF 49.00

1 Kommentar

  1. Was wohl damals wie heute aus weiblicher Sicht zum gleichen Thema gesagt, gedacht, geschrieben und publiziert wurde / wird?
    Rosmarie Liechti

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