FrontGesellschaftAnna Seilerin, die emanzipierte Wohltäterin im mittelalterlichen Bern

Anna Seilerin, die emanzipierte Wohltäterin im mittelalterlichen Bern

In ihrem neuen Roman «Anna Seilerin – Stifterin des Inselspitals» widmet sich die Berner Schriftstellerin Therese Bichsel einer weiteren starken Frau, der Spitalgründerin und Wohltäterin Anna Seilerin, die im 14. Jahrhundert lebte. Das Buch überzeugt durch detailreiche Schilderungen aus dem mittelalterlichen Bern und durch eine angenehme Sprache.

 «Schöne Schifferin», «Catherine von Wattenwyl», «Grossfürstin Anna», «Die Walserin», «Überleben am Red River»…. Im Mittelpunkt von Therese Bichsels historischen Romanen stehen stets starke Frauenfiguren. Da geht es um die Liebe einer Brienzer Fährfrau zu einem Adeligen oder um die Verhaftung und den Prozess gegen eine burgerliche Amazone, nachdem deren Spionagetätigkeit für den französischen Sonnenkönig aufgeflogen war. Die Schwägerin des russischen Zaren, Grossfürstin Feodorowna, lässt die Schriftstellerin im selbstgewählten Exil in der Berner Elfenau wiederaufleben. Weitere Frauenfiguren begleitet sie bei der Auswanderung aus der alten Eidgenossenschaft in die neue Welt.

Schriftstellerin Therese Bichsel 

Therese Bichsels Werke sind stets eine Mischung aus historischen Fakten und fiktiven Schilderungen. Letztere reichern die realen Begebenheiten an, machen die Geschichte verständlicher, spannender und erklären Zusammenhänge. Bevor sie mit Schreiben beginnt, recherchiert die Autorin monatelang in Archiven, studiert historische Dokumente, liest alte Briefe. Grossen Wert legt sie auf Faktentreue sowie Originalität, soweit dies in historischen Romanen möglich ist.

Das bewährte Konzept nutzt Therese auch für ihr neustes Buch, für den Roman über die Spitalgründerin und Wohltäterin Anna Seilerin. Deren genauen Geburtsdaten sind nicht bekannt. Geboren ist sie vermutlich um das Jahr 1320. Erstmals erwähnt wird ihr Name 1348. Gestorben ist Anna zwischen 1358 und 1360 in Bern. «Ich wollte diese Frau aufleben lassen, weil sie mich mit ihrem ausserordentlichen Wirken beeindruckt hat. Ihre Zeit hat mich fasziniert – das uns so ferne Mittelalter, das ich bereits mit der «Walserin» kennengelernt hatte», begründet Bichsel die Wahl ihrer neuen Protagonistin. Sie schrieb damit nicht nur ein historisches, sondern auch ein politisches Buch mit Bezug zur Gegenwart.

Gleichberechtigung und Gleichbehandlung

In Anna Seilerin spiegelt Therese Bichsel ihre Grundhaltung zu den Themen Gleichberechtigung sowie Gleichbehandlung von Frau und Mann. Ihr Anspruch ist leider auch im 21. Jahrhundert noch nicht überall Wirklichkeit. «Ich weiss nichts von den Geschäften. Mein Mann und mein Vater behalten alles für sich», beklagt sich Anna, als sie den beiden Männern bei einem Grundstückhandel zuhört. Doch dann, im Lauf der Jahre, erkämpft sich die Seilerin Kompetenzen und Rechte, die ihr nach dem frühen Tod ihres Ehemannes im Jahr 1338 nützlich werden. In diesem Moment tritt sie in dessen Fussstapfen und entwickelt sich zu einer verantwortungsvollen Sozialpionierin.

An zahlreichen Stellen des 328seitigen Romans kommt Bichsels Verständnis einer selbständigen Frau mit eigener Rolle zum Ausdruck. Bereits in jungen Jahren führt Anna, unterstützt von mehreren Mägden, eigenständig den Haushalt, übernimmt einfache Arbeiten, kümmert sich um Kranke und Bettler, verhält sich verhandlungs- sowie entscheidungsfreudig und kümmerte sich an der Seite ihres Mannes gleichberechtigt um das Niedere Spital am heutigen Läuferplatz. Zu ihren Angestellten ist sie gut. So dürfen sie diese auf den Kirchgang begleiten, gemeinsam mit ihr den betagten Vater besuchen. Annas Knechte und Mägde erhalten einen gerechten Lohn und Wertschätzung, während Angestellte anderer Häuser regelmässig misshandelt, drangsaliert, diskriminiert wurden.

Anna-Seiler-Brunnen in Berns Altstadt

Der von der Autorin beschriebene Gerechtigkeitssinn Annas bleibt nicht ohne Wirkung. Im Roman erwirbt sich die junge Frau den Respekt von Politikern und Kirchenfürsten. Am Ende ihres Lebens erkämpfte sie sich mit Hilfe von befreundeten Räten sogar das Recht, ohne Beistand 1354 ein Testament und eine Stiftungsurkunde auszustellen und zu unterzeichnen, ein Privileg, das zu dieser Zeit nur Männern vorbehalten war. Das Ganze klingt wie eine Ermutigung der Autorin, im heutigen Kampf um Gleichberechtigung und Gleichbehandlung nicht zu kapitulieren.

Der Roman macht auch deutlich, dass es dafür beide Geschlechter braucht: Möglich wird nämlich Annas Pionierrolle erst durch Heinrich Seiler, ihren toleranten Ehemann. Dieser vertraut seiner Frau, behandelt sie anständig, vergewaltigte oder schlägt sie nicht, lässt sie beruflich gewähren, fördert sie sogar und vererbt ihr ein für die damalige Zeit beträchtliches Vermögen. Dank ihm und ihrem Vater emanzipiert sich Anna und erhält sogar gesellschaftliche Anerkennung. «Die Seilerin ist eine reiche Witwe, sagen die Leute achselzuckend, sie kann sich Dinge erlauben, die andere Frauen nicht tun», heisst es in dem Roman.

Zurück zur eigentlichen Leistung der Hauptfigur: Berühmt wird die Bernburgerin aus gutem Haus, weil sie nach dem Tod ihres viel älteren Mannes zur Wohltäterin, Stifterin und Spitalgründerin wird. In ihrem Haus an der Predigergasse versorgt sie Verwundete und Kranke. Nach der Reformation, also im 16. Jahrhundert, wird das Erbe der Seilerin ins alte Inselspital verlegt, das sich bis ins 19. Jahrhundert am Ort des heutigen Bundeshauses befand und mit dem Bau des Parlamentsgebäudes abgerissen wurde.

Das heutige Universitätsspital «Insel» im Nordwesten Berns geht deshalb auf Anna Seilerin zurück. Nach ihr wurde 1955 ein Gebäude am Loryplatz benannt. In der Oberen Marktgasse steht zudem ein im 19. Jahrhundert nach ihr benannter Brunnen. Der Nachname «Seilerin» war übrigens im Mittelalter durchaus üblich für Frauen, deren Vater die männliche Namensform «Seiler» trugen.

Leben im Spätmittelalter

Neben der politischen Botschaft gefällt Bichsels neuster Roman 1338 durch eine detailreiche Schilderung des Lebens im spätmittelalterlichen Bern: Johann von Bubenbergs Abwahl als Schultheiss, die Folgen der blutigen Schlacht von Laupen  1339 und der Brudermord von Thun 1322 sind Teil der Geschichte. Immer wieder wird der Leser daran erinnert, dass die Zahl der Kranken und der durch kriegerische  Auseinandersetzungen verletzten Soldaten im 14. Jahrhundert beträchtlich war. Die grassierende Pest forderte zahllose zusätzliche Opfer. Das Leid und die damit verbundenen Erfahrungen führten schliesslich zur Spitalgründung durch die Hauptfigur.

Neben dieser Erkenntnis erfährt man Spannendes über die damalige Ernährung, den Handel, das Wohlstandsgefälle, die Ernährungsgewohnheiten, Berns Holzbauten, die 1405 beim grossen Stadtbrand weitgehend zerstört wurden. Die Stadt, in der Anna Seilerin lebte, existiert heute so nicht mehr. Präzise geschildert wird eine Geburt, ebenso wie das Ableben von Annas Ehemann und Vater. Einblick erhält man in das Justizwesen, den Vollzug der Todesstrafe im alten Bern, das Kirchenleben zwischen Predigerkirche und Leutkirche, der Vorgängerin des heutigen Münsters. Im Roman wird das wohltätige Wirken der Klosterfrauen beschrieben, genauso wie die Tätigkeiten der Barber und Prostituierten. Sogar über das Liebesleben der beiden Hauptfiguren erfährt man Intimes.

Angenehm erlebt man Therese Bichsels sorgfältige Sprache. Blumig-ausschmückend sind die Schilderungen, kurz und knapp wirkt der Erzählstil da, wo zum Verständnis keine zusätzlichen Erklärungen nötig sind. Die kurzen Sätze ermöglichen einen zügigen Lesefluss. Schachtelsätze wie bei Kleist findet man bei der Berner Autorin keine. Wertvoll ist der ab der 2. Auflage abgedruckte Stadtplan mit den durch Quellen bestätigten Schauplätzen der Seilerin. Im Anhang finden sich schliesslich das Testament und die Stiftungsurkunde der Spitalgründerin. Ein Quellenverzeichnis beschliesst den Roman.

Der Zufall wollte es, dass die Aktualität, die Covid-Pandemie, der Schriftstellerin zu Hilfe kam. Die Schlussreaktion geschah während dem Lockdown im Frühling 2020. Wer im Roman über den Umgang mit der Pest im Mittelalter liest, erkennt Parallelen zum heutigen Umgang mit dem Corona-Virus. Damals wie heute war man überrascht und völlig unvorbereitet auf die Seuche. Damit erhält «Anna Seilerin» ungeplant einen weiteren aktuellen Bezug.

«Anna Seilerin – Stifterin des Inselspitals», Therese Bichsel, Zytglogge Verlag 2020, 2. Auflage, 328 Seiten, ISBN 978-3-7296-5046-6

Fotos: zvg


Seniorweb heisst Peter Schibli (64) als neuen freien Mitarbeiter unserer Redaktion herzlich willkommen. Schibli wuchs in Bern auf, studierte an der Universität Rechtwissenschaften und begann bereits während des Studiums als Gerichtsreporter zu arbeiten. 1984 promovierte er mit einer Dissertation über das Schweizerische Bundesgericht. Nach Redaktionsstellen bei «Der Bund» und beim «Badener Tagblatt» wechselte er 1986 zur Basler Zeitung, der er 21 Jahre lang treu blieb: Inlandredaktion, Deutschland-Korrespondent, USA-Korrespondent, Online-Redaktion, Mitglied der Chefredaktion waren seine Stationen. Kurz bevor die BaZ unter Christoph Blochers Einfluss geriet, wechselte Schibli zur SRG, wo er die letzten elf Jahre als Direktor swissinfo.ch und als Nationaler Koordinator Multimedia tätig war. 2018 ging er vorzeitig in Pension. Seither arbeitet Schibli als freier Journalist, spielt Theater sowie Fagott und geniesst den Unruhestand.

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