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Leckereien aus aller Welt

Bekannte und unbekannte Speisen, seit Kindheit vertraut oder fremdartig, Doris Dörrie serviert uns in «Die Welt auf dem Teller» Wissenswertes und Kurzweiliges zu dem, was auf den Tisch kommt.

Ein Kochbuch ist es nicht, was die bekannte Filmemacherin und Erzählerin Doris Dörrie ihren Leserinnen und Lesern vorsetzt, sondern eine bunte Mischung von Miniaturen zu (fast) allem, was die Autorin seit Kindheit gern gegessen hat und was sie später auf ihren Reisen nach Japan, Amerika oder Südeuropa kennen und schätzen gelernt hat. Es sind ernsthafte und kritische Betrachtungen zu dem, was wir uns täglich auf den Teller laden, Erinnerungen, Reflexionen und – das doch – ein paar Tipps, wie gewisse Lebensmittel besonders lecker werden. Unser Gedächtnis speichert ja nicht nur Fakten; gerade von Reisen bleiben viele sinnliche Eindrücke – nebst Bildern auch Gerüche und Geschmackserfahrungen – in Erinnerung.

Das Buch beginnt mit einer kleinen Szene, wie die Autorin ihre Ankunft in Japan am liebsten gestaltet. Dabei vereinen sich zwei Elemente, die das ganze Buch durchziehen: Fastfood, die weltweite Modeerscheinung, und eine japanische Tradition, die, wie es scheint, nie aufgegeben wird. Die Autorin kauft sich nämlich eine Flasche Grüntee und eine besonders leckere Sorte Reisbällchen; die verzehrt sie, hungrig und erschöpft vom langen Flug, gleich auf der Strasse – und erklärt den Lesenden sogleich, dass niemand in Japan auf der Strasse im Stehen oder Gehen isst, sondern man setzt sich, auch für kleine Reisbällchen. So viel Respekt vor dem Essen muss sein – das schreibt Dörrie ganz liebevoll.

Sie kann auch ziemlich ironisch sein: Da spiesst sie eine Notiz auf, Pasta mache nicht dick. Damit ironisiert sie die Ernährungsvorschriften, die wir allenthalben über uns ergehen lassen müssen, und schliesst ein Lob auf die Spaghetti an. Dann bekommen auch die Glutenvermeiderinnen noch einen Hieb: Deren Behauptung, Zucchini-Pasta schmecke so gut wie richtige Pasta, widerspricht sie heftig. So kommen verschiedene Aspekte zur Sprache, ganz wie bei einem Gespräch am Küchentisch.

Eine Anekdote im Kapitel über Orangen hat mich besonders berührt: Anfangs lässt sich Doris Dörrie darüber aus, wie wichtig für uns nördlich der Alpen die leuchtend orangen Apfelsinen, wie wir in Deutschland als Kinder sagten, Farbe nebst Vitaminen in den grauen Winter brachten. Dann erzählt sie, wie sie einmal in München in einem Supermarkt einem gebrechlichen, sehbehinderten Mann beim Bezahlen half und ihm dann seine Einkäufe heimtrug. Der fragte sie, ob sie Spanisch könne, was sie bejahte. Daraufhin bat er sie, ihm beim Verfassen eines Briefes an Fidel Castro zu helfen. Der Mann war nicht etwa leicht verrückt, sondern ein berühmter Anarchist, damals 90 Jahre alt: Augustin Souchy. «Während ich den Brief schrieb, machte der alte Mann einen Kopfstand», schreibt sie.

Als Filmemacherin braucht sie neben vielen anderen günstigen Bedingungen auch genug zu essen. Da erzählt sie, was es an einem Drehtag so alles zu futtern gibt, angefangen bei einer bayrischen Butterbrezen, im Laufe des Tages viele Schleckereien. Früher gab es «Beleuchterbrotzeiten», denn es waren die Beleuchter, die für üppige Buffets sorgten. Es macht einfach Spass zu lesen, wie Dörrie aus dem Drehalltag plaudert. Dabei hält sie den inzwischen alt gewordenen Brauch, gepflegt und manierlich zu essen, weiter für ein Ritual, das wir pflegen sollten. – Und der soziale Aspekt ist ihr auch noch aus einer anderen Warte wichtig: «Wir isolieren uns von der Wirklichkeit, wenn wir uns nicht jedes Mal wieder klarmachen, wie viele Menschen, Tiere und Pflanzen daran beteiligt waren, uns das Essen auf den Tisch zu bringen.» – Das sagt Doris Dörrie keineswegs moralisierend, sondern in einem heiteren, leichten Ton, der das ganze Buch durchzieht.

Das Buch ist aus den Kolumnen zusammengestellt, die in den letzten fünf Jahren in der Zeitschrift Essen & Trinken veröffentlicht wurden. So unterschiedlich sie sind, so lesenswert ist jede einzelne. Die schlichten ausdrucksstarken Zeichnungen der Japanerin Zenji Funabashi ergänzen den Text aufs passendste.

Doris Dörrie, Die Welt auf dem Teller. Inspirationen aus der Küche. Mit Illustrationen von Zenji Funabashi. Diogenes Verlag 2020, 208 Seiten. ISBN: 978-3-257-07051-4

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