FrontKulturEs gab ihn wirklich

Es gab ihn wirklich

Anna von Münchhausen hat ein fesselndes Buch über den «Lügenbaron» geschrieben. Sie ist mit ihm verwandt. Er ist 1720 geboren worden, vor dreihundert Jahren. Zum Glück bin ich noch vor Ablauf seines Jubiläumsjahres zufällig auf ihn gestossen.

Zuerst meine Feststellungen: Das Buch gibt umfassend Auskunft. Was immer ich schon über Baron von Münchhausen hatte wissen wollen, das Buch enthält die Antworten. Bis auf eine Kleinigkeit. Doch dazu mehr am Schluss der Besprechung. Das Buch ist flüssig geschrieben. Das war zu erwarten. Die Autorin ist Journalistin und war zuletzt bei der «ZEIT» engagiert. Mehr dazu auf der letzten Seite des Buches.

Zwei weitere wichtige Punkte sind anzufügen. Ich bin nicht die Einzige, für die der Baron von Münchhausen bis jetzt nur eine amüsante Figur aus der Vergangenheit gewesen ist. Nach der Lektüre des Buches weiss ich jetzt: Er war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ein interessanter Vorgang hat sich abgespielt. Der Mensch, der vor 300 Jahren gelebt hat, wurde für Unzählige rund um den Globus zu einem Fantasiewesen. Das geschah dadurch, dass seine Erzählungen vielfältig wiederholt und in viele Sprachen übersetzt wurden. Anna von Münchhausen versucht, ihn mit ihrem Buch, ihren Beschreibungen dieser Vorgänge, wieder in die menschliche Existenz heim zu holen. Für mich ist es ihr gelungen!

Münchausens Ritt auf der Kanone illustriert das Buchcover.

Fast noch wichtiger ist die Erkenntnis, dass wir dem Menschen Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen unrecht tun, wenn wir ihn als «Lügenbaron» bezeichnen. Im Vorwort schreibt die Autorin: «Wahr und recht einfach zu erkennen ist, dass Hieronymus Münchhausen ein begabter Fabulierer war. Gelogen ist, dass er ein Lügner oder blöder Blender war.

Für Hieronymus Münchhausen diente das fabulierende Übertreiben einem Zweck. Er wollte damit Angeber und Aufschneider blossstellen. Sie ausstechen, sozusagen. Obwohl es ihm wohl für immer und ewig anhaften wird, ist das Etikett «Lügenbaron» unfair. Er hat nicht gelogen. Er hat seine Erlebnisse mit Hilfe seiner grenzenlosen Phantasie angereichert, sodass Wahrheit und Fiktion verschwimmen, untrennbar, unauflöslich werden, bis der ursprüngliche Sachverhalt nicht mehr zu erkennen ist.»

Lebenslauf

Die Autorin konfrontiert uns am Anfang des Buches mit dem Lebenslauf des Barons. Dabei versetzt sie uns in die Lebenszeit des Beschriebenen. Sie lässt sie uns teilhaben an ihren Recherchen, deklariert ihre Quellen und macht uns immer zu Teilnehmenden an den damaligen historischen Vorgängen.

Geboren wird Carl Hieronymus Friedrich von Münchhausen in Bodenwerder an der Weser. Die Taufe ist im Kirchenbuch des benachbarten Kemnade festgehalten. Und 1797 wird er in der Klosterkirche zu Kemnade bestattet. Dazwischen spielt sich ein abenteuerliches Leben ab. Als Page diente er am Hof der Fürsten von Braunschweig Wolfenbüttel. Als Siebzehnjähriger reiste er nach Sankt Petersburg. Von da aus nahm er am Russisch-Türkischen Krieg teil. Verbürgt ist offenbar, dass er zum Kornett, später zum Leutnant ernannt wurde. Das in einer Kavallerie-Einheit im Kürassierregiment Braunschweig. Später, 1750, wurde er in Riga zum Kaiserlich-Russischen Rittmeister ernannt. Einige Jahre vorher hatte er geheiratet, die Ehe blieb kinderlos.

«Der Ritt auf dem Seepferdchen,» nur eine der fantastischen Geschichten des Baron von Münchhausen.

Einige Zeit später verliess er den Militärdienst, reiste nach Deutschland zurück und lebte als Gutsherr in Bodenwerder. Dazu lesen wir: «Nun lebt er als Gutsherr in Bodenwerder, streitet mit den Bürgern der Stadt um Grenzpfähle und Zugangsrechte, geht zur Jagd und liebt die Geselligkeit. Bei Tabak und rotem Punsch erzählt er gern raffiniert ausgeschmückte Erlebnisse aus Kriegstagen und von Jagdausflügen. Von Ohrenzeugen war zu erfahren, er habe sich «mit seinen Geschichten nicht in den Vordergrund gespielt» oder gar aufschneiden wollen. «Die Erzählungen ergaben sich aus Stimmungen ganz selbstverständlich.»

Alle sind Münchhausen

Was immer wir uns vorstellen können an Vereinnahmung, mit Münchhausen ist es geschehen. Anna von Münchhausen präsentiert uns das in Fülle. Die Erzählungen über Münchhausen in vielen Sprachen haben selbst ihre Geschichten. Ein Grenzbeamter in Burma habe im Pass eines Angehörigen der Familie gelesen «Münchhausen» und habe gelacht und gesagt: «Many lies, many lies…» Die Filmindustrie hat sich des Themas angenommen. Und 2020 wurde ihm zu Ehren eine Gedenkmünze geschaffen. Dafür reiste Anna von Münchhausen nach Berlin ins Bundesministerium der Finanzen.

Unterhaltsam eingestreut sind im Buch Erzählungen der Verwandten von Münchhausen über Skurriles und Amüsantes, das sie aufgrund ihres Namens erlebt haben. Selbstverständlich fehlen auch die Geschichten des Barons nicht. Diejenige vom halben Pferd etwa. Oder diejenige vom Ritt auf den Kanonenkugeln. Das entsprechende Bild ziert auch das Cover des Buches.

Letzte Frage

Das farbige Leben des von Münchhausen wurde, wie wir im Buch lesen können, auch vielfältig bewirtschaftet. Ein Gewerbe fehlt. Das Konditoreigewerbe. Das schreibe ich, weil ich mich schon immer über eine Kreation namens «Mozartkugeln» gewundert habe. Was hatte denn der Meister aus Salzburg mit Kugeln zu schaffen? Sollte ich aber in einem Schaufenster je einmal auf «Münchhausenkugeln» stossen, da bliebe wahrlich keine Frage offen!

Titelbild: Münchhausens Pferd wird durch ein Torgatter zweigeteilt. Während der Baron unwissend mit der vorderen Hälfte zur Tränke reitet, vergnügt sich der hintere Teil auf der Wiese mit den Stuten.

Anna von Münchhausen: »Der Lügenbaron. Mein phantastischer Vorfahr und ich». Rowohlt Verlag, Hamburg, Mai 2020. ISBN 978-3-463-00014-5

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