FrontKolumnenDrei Begegnungen  am Corona-Freitag

Drei Begegnungen  am Corona-Freitag

Nach der Pressekonferenz des Bundesrates am letzten Freitag, live übertragen vom Fernsehen SRF, begegnete ich ihr, der Chefin einer Ladenkette, auf meinem täglichen Spaziergang am See entlang. Sie wolle sich erholen, auslüften. Sie müsse erst verkraften, was der Bundesrat eben beschlossen habe. Es schiessen ihr die Tränen in die Augen. Nun müsse sie auch noch auf den einträglichen Sonntagsverkauf verzichten. Ja, sie könne nachvollziehen, was sein müsse, und es müsse sein. Ganz traurig mache sie aber der Entscheid des Parlaments, dass das Gesetz um den Mieterlass auf massiven Druck der SVP/FDP bis zur GLP und CVP schlicht versenkt wurde. Hoffentlich habe wenigstens das „Basler-Modell“ eine Chance. Ich pflichte ihr bei und versuche sie zu trösten. Bevor sie den Auslüftungsgang am See entlang fortsetzt, meint sie noch kurz: „Ich weiss, wen ich als bürgerliche Frau künftig nicht mehr wählen werde“, und schmunzelt leicht, wohl etwas erleichtert.

Selbst die NZZ hält im Leitartikel in der Wochenend-Ausgabe das Basler Modell für einen guten Weg, bei dem Vermieter, Mieter und der Staat (Kanton) je einen Drittel der Miete der von den Massnahmen des Bundes und der Kantone betroffenen Geschäfte übernehmen werden.

Später treffe ich vor dem Haus einen Nachbarn, der sich mit einem Mountainbike zur abendlichen Tour aufmacht. Ich wunderte mich kürzlich, dass er, ein junger Entwicklungsingenieur, in einem weltweit tätigen Unternehmen beschäftigt, bereits am Morgen um 6 Uhr aktiv im Homeoffice war. Er hatte Licht und sass bereits an seinem Computer, als ich die am Vorabend vergessenen Zeitungsbündel vor das Haus trug. Und am gleichen Tag sass er abends immer noch dort, wo ich ihn schemenhaft schon am Morgen beachtet hatte. „Seid Ihr so engagiert in den Corona-Zeiten?“, wollte ich wissen. „Ja, weil es nicht so gut läuft, weil wir grosse Einbussen haben, ist der Druck auf uns Entwickler ganz enorm gewachsen. Wir müssen neue Produkte aus dem Boden stampfen, damit wir neue Märkte erschliessen können. Unser Unternehmen ist gezwungen, sich neu aufzustellen.“ Da helfe nur ein totaler Einsatz.

Bereits am Morgen hatte mich ein junger Projektleiter angerufen, mit dem ich in den letzten Jahren eng zusammengearbeitet habe. Im neuen Jahr werde alles ganz anders werden. Sie würden das Unternehmen völlig neu ausrichten. Die Printproduktionen würden sie an einem Unternehmensstandort konzentrieren, er würde sich künftig ganz den neuen, den digitalen Geschäftsmöglichkeiten widmen. Die Zeit sei unheimlich anspruchsvoll, die Arbeiten auch zeitintensiv, die Anforderungen seien weit höher als bisher, die ersten Erfolge würden sich aber bereits abzeichnen.

Die drei Begegnungen machen mich nachdenklich. Während  Kantonsregierungen, Parlamentarierinnen und Parlamentarier in den gängigen Mustern verharren, gar lamentieren, weil der Bundesrat beispielsweise Vernehmlassungen innert Tagen beantwortet haben will, sie ab und zu aussen vor lässt, handeln die innovativen Menschen in den Unternehmen.  Sie haben im Gegensatz zur Politik begriffen, dass es ein Danach gibt, sie  handeln jetzt und sehr konsequent. Sie lassen hängige Strategien hinter sich, brechen  zu neuen Ufern auf. Von besonderem Interesse in diesem Zusammenhang sind die bürgerlichen, die unternehmensnahen Politiker, denen die besonnenen Aktivitäten des Bundesrates viel zu weit gehen, die nicht wahr haben wollen, dass die Stunde der Wahrheit geschlagen hat, dass wir tatsächlich bedroht sind, mit an der Spitze der besonders betroffenen Staaten stehen. Sie bewegen sich im gängigen Politalltag ohne Innovationskraft, dafür in einem Beharrungsvermögen, das nicht in die Zukunft führt, sondern die politischen Gräben von Neuem aufreisst. Thomas Aeschi, der Fraktionschef der SVP, ist sich nicht zu schade, selbst seinen Bundesrat, den künftigen Bundespräsidenten Guy Parmelin, vorweg öffentlich zu desavouieren; Parmelin stehe nicht hinter den Absichten des Bundesrates.

Im Gegensatz zu ihnen scheinen die Journalisten in den News-Räumen der Redaktionen langsam zu begreifen, dass ein konsequentes, resolutes Handeln gegen das Corona-Virus vonnöten ist, dass gilt, was Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga formuliert hat: „Der Bundesrat muss das Zepter wieder stärker in die Hand nehmen.“ Genauso wie die jungen, die engagierten Menschen in der Wirtschaft.

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1 Kommentar

  1. Ja, es ist erstaunlich, dass so viele bürgerliche Politiker – die sich doch sonst auf die Seite der Wirtschaft schlagen – nicht realisieren,dass es mutige Schritte braucht, überlegt aber sofort. Wer zu spät kommt, zahlt doppel oder dreifach…

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