FrontKolumnenInformation ist nicht Kommunikation

Information ist nicht Kommunikation

Eines ist in der Corona-Krise ganz offensichtlich zu Tage getreten: Regierungen, Behörden, Institutionen, aber auch die Medien bekunden grosse Mühe mit der Orientierung der Bevölkerung. Und dass Donald Trump, ein notorischer Lügner, Fake-News-Verbreiter, den Ruf eines Grossmeisters der Desorientierung, gar den eines Verführers seiner Anhängerschaft erwarb, macht die Spitze eines Eisberges sichtbar, der sich vor uns zunehmend auftürmt und immer breiter, grösser wird. Kleine und grosse Ereignisse vermögen dies zu verdeutlichen.

Beginnen wir bei den Kleinen, die aber für die Betroffenen eben auch grosse Auswirkungen haben, letztlich gar über Leben oder Tod entscheiden können. So hat die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich grosse Probleme bei der Kommunikation über ihre Impfaktion. Als sich am 30. Dezember 2020 die Risikoleute über 75 Jahre anmelden konnten, gar wollten, stürzte das IT-System ab, die Telefonleitungen brachen zusammen. Gegen 100’000 wollten sich anmelden. Nur eine kleine Anzahl konnte sich registrieren. Der  Ärger war gross. Dann verkündete die Behörde, dass man sich ab dem 18. Januar wieder anmelden könne. Viele trugen das in ihren Terminkalender ein. Als sie sich dann am 18. Januar anmelden wollten, hiess es «im Januar» sei dies möglich, keine Präzisierung dazu. Auf die entsprechende Anfrage meinte der Kommunikationsmann der Behörde: Sie hätten am 15. Januar in einer Medienmitteilung darüber informiert. Eben informiert und nicht kommuniziert. Kommuniziert ist erst, wenn die Botschaft auch angekommen ist. Und das braucht eben viel mehr als eine Pressemitteilung. Und ehrlich wäre gewesen, wenn sie informiert hätten, dass das IT-System noch nicht reif dafür sei. Nochmals Ärger.

Komplizierter, aber dafür nicht minder ärgerlich, ist die anlaufende Auseinandersetzung über das Rahmenabkommen der Schweiz mit der EU. Die Gegner des bereits ausgehandelten Abkommens treten hervor. Zuerst Paul Widmer, ehemaliger Diplomat, jetzt Dozent für internationale Beziehungen an der Universität St. Gallen, schreibt in der NZZ, dass die Schweiz bei einem Vergleich ihrer EU-Verhandlungen mit den Briten schlecht abschneide. Boris Johnson habe weit mehr erreicht in der Sache wie im Stil. Er unterschlägt aber, dass die Briten lediglich ein Handelsabkommen über den Warenverkehr erreicht und unterschrieben haben. Der Finanzbereich ist aussen vor. Die Schweiz hat ein ähnliches Abkommen bereits 1972 mit der EU ausgehandelt, ist heute aber weit stärker verflochten und geniesst weit mehr an Marktzutrittsmöglichkeiten zu den  EU-Ländern, zu einem Markt von über 400 Millionen Menschen. Zum Wohle der Schweiz, ihrer Wirtschaft und nicht zuletzt zur sozialen Sicherheit der Arbeitnehmerschaft.

Nicht minder heftig treten zwei «Milliardäre» aus Zug auf: Alfred Gantner, Mitbegründer der Partners Group, und Philip Erzinger, Geschäftsführer der Finanzfirma. Sie haben mit prominenten Gleichgesinnten den  Verein «Allianz Kompass Europa» gegen das Rahmenabkommen gegründet. Für sie ist das Rahmenabkommen «ein total einseitiger Vertrag». Das Schiedsgerichtsverfahren mit dem Europäischen Gerichtshof ist ihnen ein Dorn im Auge; die Schweiz verliere die Souveränität. Sie wissen aber auch, dass ein Abseitsstehen, gar ein Zurück zu einem Handelsabkommen nach britischem Vorbild nicht in Frage kommt. Sie wollen quasi das Weggli und den Batzen: völlig eingebunden sein im EU-Wirtschaftsraum mit allen Zugangsrechten, ungebunden, autonom sein in Schiedsgerichtsverfahren. Und geben gar zu, dass sie einen Rückgang des Wachstums in der Schweiz mit einem Nein in Kauf nehmen würden, als Milliardäre ist das ja ganz einfach zu verkraften. In ihrem Schlepptau haben sie auch zwei ganz Willige, die Skilegende Bernhard Russi und den Altmoderator Kurt Aeschbacher als Aushängeschilder in den Verein aufgenommen.

Der britische Vertrag kann aber auch ganz anders beurteilt werden: Die EU hat die Briten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf ein reines Handelsabkommen von Waren zurückgebunden, wohin wir nie zurückkehren könnten, weil wir so stark auf den europäischen Markt angewiesen sind. Und die ersten Erfahrungen zeigen, dass selbst der Warenaustausch zwischen Grossbritannien und der EU schon ganz stark ins Stocken gerät. Zum Ärger der Fischer auf der Insel.

Die Lehre daraus: Das Rahmenabkommen ist von grosser Bedeutung. Halbwahrheuten führen nicht weiter. Die Politik, aber auch die Medien haben eine grosse Verantwortung. Zuerst ist das Ergebnis der neuen Nachverhandlungen abzuwarten, die Livia Leu, die neue Chefdiplomatin der Schweiz, in Brüssel erreichen wird. Dann sind wir auf Fakten angewiesen, die für ein Ja oder ein Nein sprechen. Vorurteile und schnelle Meinungsbezüge erschweren die nüchterne Analyse. Wahr ist aber auch: Eine Kommunikation kann noch so gut, noch so durchdacht sein, wenn der Inhalt, die Entscheide nicht zu überzeugen vermögen, nutzt auch das nichts.

Und einen Trost vermittelt Jen Psaki, die neue Pressechefin in Washington. Joe Biden und mit ihm die neue Administration im Weissen Haus würden sich künftig der Wahrheit und der Transparenz verpflichtet fühlen. Und Anthony Fauci (80), Leiter des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten und der wichtigste Corona-Berater des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Trump, meinte nach seinem Gespräch mit Joe Biden: Jetzt dürfe er wieder die Wahrheit über die Pandemie sagen.

Das grosse «Vorbild für Fake-News» ist am letzten Mittwoch beinahe sang- und klanglos aus dem Weissen Haus ausgezogen. Beginnt auch in der Kommunikation eine neue Ära, die auch in Europa, in der Schweiz Nachahmer findet? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

2 Kommentare

  1. Lieber Anton. – Danke für diesen guten und richtigen Beitrag. Auch mich hat das völlig missratene Anmeldeverfahren für die Covid-Impfung sehr verärgert. Zuerst lautes Anpreisen der Impfung für alle Risikogruppen, dann absolute Unmöglichkeit einer Anmeldung. Auch heute klappt es noch nicht, ich kann mich mit bald 82 Jahren noch immer nicht anmelden und hätte doch sehr viel Kontakt auch mit älteren Leuten… Geduld haben, Tee trinken und hoffen!
    LIebe Grüsse, HUK

  2. Rahmenabkommen:
    Der Vollständigkeit halber schiene es mir angebracht, auch den Standpunkt des ehemaligen Präsidenten des EFTA-Gerichtshofes, Prof. Dr. Carl Baudenbacher zu erwähnen: https://verfassungsblog.de/back-to-start/
    An sich ist es erstaunlich, dass sich viele InstA-Kritiker seit Jahren auf Nebenkriegsschauplätze konzentrierten und erst heute die Frage der Gerichtsbarkeit thematisieren.

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