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Stummes Leid

Wenn Schutz und Fürsprache in diesen denkwürdigen Zeiten mangelhaft sind oder sogar fehlen, dann leiden unzählige Menschen an deren Folgen. 

Meistens stehen dann ältere Personengruppen im Fokus, die in Alters- oder Pflegeheimen leben oder isoliert auf sich alleine gestellt sind. Natürlich verdienen sie unsere Aufmerksamkeit in hohem Masse. Doch wird leider zu sehr ausgeblendet, dass dazu auch Alterskategorien zählen, von denen wir leichtherzig annehmen, sie seien doch bestens aufgehoben in ihren Familien, in ihrem Bekannten- und Freundeskreis, in den Schulen oder in bekannten Betreuungseinrichtungen.

Eine beängstigende Zunahme von Depressionen und Suizidversuchen

Wir schrecken alarmiert auf, wenn wir lesen, dass die Suizidrate unter Jugendlichen dramatisch ansteigt und die Depressionen eine besorgniserregende Zunahme angenommen haben. Wie die Statistik laut dem Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Bilke-Hentsch offenbart, sind 14- bis 25-jährige am stärksten davon betroffen. Unter ihnen leiden 29 Prozent an schweren depressiven Symptomen.  Auch die Covid-Taskforce spricht von einer deutlichen Zunahme von Depressionen vom ersten zum zweiten Lockdown: „Seit Oktober beobachten wir, dass alle Kliniken für Jugendliche und Kinder voll und zum grossen Teil überbelegt sind.“ Mit anderen Worten, Kindern und Jugendlichen schlägt die Corona-Pandemie langfristig wohl noch mehr auf die Psyche als den Erwachsenen.

Oliver Bilke-Hentsch dazu: „Die unberechenbaren Veränderungen und die damit steigende Verunsicherung hat bei vorbelasteten Kindern und Jugendlichen zu einer drastischen Verschärfung ihrer Symptomatik geführt. Die wichtigen vorgelagerten Bereiche wie Sorgentelefone oder Beratungsstellen vermelden einen deutlichen Zuwachs. Wir stellen eine beunruhigende Zunahme von ernsthaften Suizidversuchen fest. Es bereitet uns grosse Sorge, dass Jugendliche in die Kliniken eingewiesen werden, die ohne grosse Vorerkrankungen oder Vorzeichen in einen Verzweiflungszustand geraten, der ihnen ausweglos erscheint. Und das ist in allen Landesteilen so.“

Zur Frage nach den Krankheitsbildern fügt der Psychiater noch an: „Das äussert sich in starken Ess- und Schlafstörungen bis hin zu Kontaktverweigerungen oder Halluzinationen. Die zweite Gruppe von Krankheiten, die derzeit stark zunimmt, betrifft Kinder und Jugendliche, die ohnehin wenig Kontakt zu anderen Menschen pflegen. Das sind die sozial-ängstlichen und sozial-phobischen, die quasi ihres Übungsfeldes beraubt werden. Diese Patienten leben dann noch mehr auf sich zurückgezogen und können ernste psychische Störungen entwickeln bis hin zu einer Paranoia. Wir beobachten derzeit auch eine zunehmende Anzahl Jugendlicher, die von Amphetaminen oder Kokain auf beruhigendere Rauschmittel wie Cannabis, Alkohol oder eben auch Psychopharmaka umsteigen, um ihre starke Unruhe und Angst zu dämpfen.“

Rekordhohe Misshandlungen an Kindern – pandemiebedingt

Die Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle des Universitäts-Kinderspitals Zürich verzeichnete 2020 erneut eine Zunahme der gemeldeten Verdachtsfälle von Kindsmisshandlungen. Insgesamt bearbeitete sie 592 Fälle, also 48 mehr als im Vorjahr. „Das ist die höchste Fallzahl, die wir bei uns je erfasst haben.“

Die Medienmitteilung des Kinderspitals Zürich hält fest: „Die besorgniserregende Entwicklung kam insofern nicht überraschend, da verschiedene Beratungs- und Opferhilfestellen bereits unter dem Jahr über eine Zunahme der Fälle berichteten. Expertinnen und Experten vermuten, dass das Coronavirus ausschlaggebend war: Lockdown, Homeoffice und vorübergehende Schulschliessungen sorgten für mehr Stress und vermehrte Konflikte in einigen Familien. Die Belastung stieg: Grosseltern etwa konnten bei der Kinderbetreuung wegen des Ansteckungsrisikos kaum aushelfen, Eltern waren häufiger auf sich alleine gestellt. Zudem kam es wegen der Pandemie in einigen Familien zu einem finanziellen Engpass, was existentielle Ängste auslöste. Dies sind alles bekannte Risikofaktoren, die dazu führen können, dass Kinder misshandelt werden.“

Das Kinderspital betreut vor allem Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt. Alle im Bereich Kinderschutz und Opferhilfe tätigen Fachpersonen sind sich einig, dass wir nur die Spitze des Eisbergs sehen. Das heisst, der grosse Teil der Misshandlungen bleibt verborgen, die Gesamtzahl kann deshalb nur geschätzt werden. „Im Rahmen der Erhebung zeigte sich, dass in 38% der Fälle eine psychische Misshandlung (inkl. Miterleben von Paargewalt) und in 22.5% eine Vernachlässigung als primäre Form der Kindeswohlgefährdung festgehalten wurden. 

Es muss schon nachdenklich stimmen, wie Kinder und Jugendliche in einer Zeit, wo sie der familiären Nestwärme am meisten bedürften, sich selbst überlassen sind oder in den Mühlen sozialer Konflikte seelisch aufgerieben werden. Unser Wohlstand zeigt seine unmenschliche Fratze. Wir halten uns oft Kinder als gesellschaftlich approbiertes Accessoire und betrachten die verursachten Kollateralschäden dann schulterzuckend als unausweichlich. Die Folgen sind verheerend.

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