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Vergangenheit lebendig machen

4. Schweizer Autobiographie-Awards vergeben: Der erste Preis ging an die in Zürich wohnhafte Tina Esther Wagner (Bild) für ihre Lebensgeschichte mit dem Titel «Auf den Stöckelschuhen die Balance finden – Querdenkerin». 

Die (nichtkommerzielle) Autobiographie-Internetplattform meet-my-life.net und das Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (ISEK) der Universität Zürich als Co-Veranstalter haben die Auszeichnungen des 4. Schweizer Autobiographie-Award vergeben. Zur Auswahl standen dieses Jahr rund 170 Autobiographien.

Erstmals hat die Jury eine noch unvollendete Autobiographie, also einen Rohtext als «Work in progress», mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Es handelt sich um die Lebensgeschichte der in Zürich wohnhaften Tina Esther Wagner (1943) mit dem Titel: «Auf den Stöckelschuhen die Balance finden – Querdenkerin».

Tina Wagners Schilderungen sind tiefsinnig. schnörkellos und emotional packend. Prof. Dr. Christine Lötscher schildert die Beurteilung durch die Jury in ihrer Laudatio wie folgt: «Sie macht die Sprache zu ihrem anarchischen Ausdrucksmittel. Der Ton, den sie anschlägt, packt die Leserinnen und Leser von der ersten Zeile an mit Gewalt: Das Schmerzliche schildert sie drastisch, und doch liegt immer, auch in den dunkelsten Momenten, ein fast goldener Schimmer von Lebenslust und Zuversicht über der Erzählung.»

Tina Wagner lebt seit kurzem in einer Zürcher Altersresidenz. Durch einen Zeitungsartikel stiess Sie auf die Autobiographie-Plattform meet-my-life.net und begann trotz ihrer Schreibschwäche einfach drauflos zu schreiben: «Ich wusste, dass ich immer noch nicht fehlerlos schreiben kann wegen meiner Legasthenie, und wenn ich mich bemühe, fehlerlos zu schreiben, schreibe ich steif und verliere mich.“

Bei der Entgegennahme der Auszeichnung erklärte sie, dass sie vorerst auf meet-my-life in dem angebotenen Verfahren eines Interviews mit sich selbst einfach alle Gedanken rasch niedergeschrieben habe. In der Absicht, in weiteren Durchgängen den Text zu korrigieren. Nun, die Jury hat ihr dazu keine Zeit gelassen …

Die ganze Autobiographie ist zu lesen auf www.meet-my-life.net. Mit dieser Preisvergabe untermauert die Jury, dass für die Preisverleihung nicht orthographische oder stilistische Perfektion ausschlaggebend sind, sondern die Fähigkeit, auf eine sprachlich eigensinnige und mutige Art, die Vergangenheit lebendig zu machen.

Drei weitere Preise vergeben

Analog zu den Vorjahren wurden von der Jury drei weitere bemerkenswerte Autobiographien ex aequo im 2. Rang ausgezeichnet. Es handelt sich um die Biographien von:

Melanie Lehmann, Schmerikon SG (1984): «Wer Dir begegnet …». Die plötzliche Erstarrung und Angst lassen sie zurückblicken; Erinnerungen an eine lieblose Kindheit steigen auf. Melanie Lehmann schreibt einen wunderbar zarten und poetischen Stil, den sie immer wieder durch die Montage medizinischer Beschreibungen von Depression, Trauma, Panikattacke durchbricht.

Hans Faust, Meyrin GE (1941): «Ohne Matura». Mit dem Aufschreiben seines bewegten Lebens wolle er primär den Jungen aufzeigen, dass man auch ohne Matura ein erfolgreiches Leben führen kann. Seine minutiösen Schilderungen der Lebensumstände in der Nachkriegszeit sind eine Fundgrube für Kulturforschende und werden bei vielen Lesenden die Reaktion auslösen «Ja, genau so war’s».

Katia Wunderlin, Buchrain LU (1957): «Integration ist mehr als ein Wort». Nie hätte sie sich träumen lassen, dass sie ihr Land – das damalige kommunistische Jugoslawien – eines Tages (1975) freiwillig verlassen und in der kapitalistischen Schweiz glücklich werden würde. Wie es dazu kam, erzählt sie temperamentvoll und mit einem sicheren Gespür für Sound und Rhythmus des Erzählens. Als Luzerner zeigte sich Emil Steinberger, der diesjährige Ehrengast für die Verleihung des Awards, von ihrem Kapitel «Pilatus» besonders angetan: «Was für ein herrlicher Einblick in das Leben von 2 Menschen auf 2200 m Höhe.»

Auch diese preiswürdigen Memoiren können im öffentlichen Lesebereich von www.meet-my-life.net on-line gelesen und auch on-line kommentiert werden.

Alle können auf meet-my-life.net schreiben 

Auf der (nichtkommerziellen und werbefreien) Internetplattform meet-my-life.net kann jedermann mit Hilfe eines vorgeschlagenen Inhaltsverzeichnisses ganz einfach und effizient seine/ihre Lebensgeschichte aufschreiben, z.B. wie Tina Wagner ein Interview mit sich selbst führen. Es können jedoch auch bereits publizierte oder auf dem eigenen Computer in Word geschriebene Texte in eine eigene Konzeption importiert werden. Der Aufbau dieser on-line-Sammlung an Lebensgeschichten aus dem Volk wird unterstützt von Swisscom (Cloud-Hosting), Coop (Patronat Autobiographie-Award) und dem Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (ISEK) der Universität Zürich.

Mit der Vergabe dieses Awards möchten die Initianten der nichtkommerziellen Internetplattform meet-my-life.net das Aufschreiben von Lebensgeschichten aus dem Volk popularisieren. Flüchtige «Oral History» soll als Teil unseres kulturellen Erbes und als ergänzende Geschichtsschreibung der Nachwelt verschriftlicht und so erhalten bleiben. Aktuell machen über 350 Hobby-Autorinnen und ‑Autoren davon Gebrauch, Tendenz stetig steigend. Es ist weltweit die grösste Sammlung an öffentlich lesbaren Lebensgeschichten aus dem Volk. Die Vergabe des jährlichen Awards erfolgt unabhängig von Nationalität. Es kann in allen Schweizer Landessprachen sowie in Englisch geschrieben werden. Die früheren Auszeichnungen gingen in die Kantone Schaffhausen (dreimal!), St. Gallen, Luzern, Baselland, Bern und Zürich.

Die nächste Feier, für die Vergabe des 5. Autobiographie-Awards, ist auf den Montag, 7. Februar 2022, 14 – 16 Uhr  angesetzt. Erfreulicherweise haben Emil Steinberger als Ehrentalkgast sowie Dr. Ulrich Weber für ein Referat über das Schreiben seiner grossen Dürrenmatt-Biographie erneut ihre Teilnahme zugesagt.

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