FrontKolumnenCorona: Israel als Beispiel?

Corona: Israel als Beispiel?

Vermehrt und immer stärker verwundere ich mich darüber, wie leichtfertig, oft überheblich wir Journalisten die Welt erklären, wie wir die Akteure beurteilen, Noten verteilen, gar Rücktritte verlangen. Wir sparen aber auch nicht mit Lobeshymnen, schreiben Politiker und Politikerinnen, Topmanager hoch, weil sie situativ das taten, was wir von ihnen meinen einfach einfordern zu können. Zurzeit wird die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in den Keller geschrieben, weil sie nicht wie der Brite Boris Johnson, der Israeli Benjamin Netanjahu oder der damalige US-Präsident Donald Trump sich mit Milliarden Impfstoff sicherte, dass sie sich als vorsichtig agierende Europäerin austricksen liess.

Erich Guyer, Chef der NZZ, zweifelt, ob von der Leyen der Aufgabe überhaupt gewachsen ist, und meint: Sie schlage wie wild um sich, um sich zu verteidigen. Aber war es falsch, dass sie die Impfstoffe und ihre Wirkungsweise zuerst, wenn auch im Schnellverfahren, prüfen wollte, bevor sie auf die Menschen angewendet werden können? War es falsch, dass sie auf verschiedene Produkte setzte, wie dies die Schweiz übrigens auch tat? War sie frei, eine unbegrenzte Milliarden-Summe zu sprechen, um im Handel für die so begehrten Impfstoffe mithalten zu können, wenn sie 26 Länder, eben auch weit ärmere als Deutschland zum Beispiel, in die Entscheidung mit einbeziehen musste? Mitnichten.

Israel wird sehr gerne als das Land beschrieben, das es am besten macht. Schon 35% der Israelis haben bereits die erste Impfung erhalten, 21% schon die zweite. Nur ansatzweise wird aber beschrieben, dass das Land zentral regiert wird, dass es im Land vier gesetzliche Krankenversicherungen gibt, die eigene Spitäler und Gesundheitszentren unterhalten, die über die digitalisierten Daten ihrer Mitglieder verfügen und so diesen selber direkt einen Impftermin anbieten können, ohne kompliziertes Anmeldeprozedere. Benjamin Netanjahu, der umstrittene Ministerpräsident, der bald zum vierten Mal um seine Wiederwahl zittern muss, telefonierte selbst mehrmals mit den Verantwortlichen der US-Firma Pfizer, um sich im Wahlkampf mit der zügigen und umfassenden Beschaffung der notwendigen Impfdosen eine bessere Ausgangslage zu sichern.

Die Schweiz ist bevölkerungsmässig mit Israel vergleichbar, flächenmässig zwar etwas grösser, weisst aber grosse Unterschiede auf, die ganz markant sind und grosse Folgen haben: Die Schweiz ist föderativ aufgebaut, basiert auf starken Kantonen und kennt die direkte Demokratie. Dazu kommt: Es gibt 57 Krankenversicherer in der Schweiz, die die obligatorische Krankenversicherung anbieten. Die Spitäler gehören entweder den Kantonen, Kommunen oder sind in privaten, auch ausländischen Händen, die lediglich über sognannte Spitallisten unter der Kontrolle der Kantone stehen. Und schmerzlich und selbstverschuldet ist: In der Digitalisierung der Daten ist unser Land weit hinter Israel zurück.

Betrachtet man die EU und vergleicht sie mit Israel, sind die Unterschiede noch weit markanter. Die EU ist ein lockerer Staatenbund, ohne eine gemeinsame Gesundheitspolitik; sie verfügt schon gar nicht über eine gemeinsame Finanz- und Steuerpolitik. Sie ist erst auf dem langen Weg dazu.

Sowohl in der Schweiz als auch in der EU prägt eine sehr lange andauernde Sparpolitik das politische Handeln. Die Schweiz kennt gar eine Schuldenbremse. Zur EU meinte Jean-Claude Junker, der ehemalige EU-Kommissionspräsident, in einem NZZ-Interview: «Es ist zum ersten Mal, dass man die EU beschuldigt, zu wenig Geld (für das Impfen) in die Hand genommen zu haben.»

Welche Lehren können wir als Journalisten daraus ziehen? Nicht das Vordergründige muss als Grundlage zur Beurteilung dienen, sondern die vertiefte Analyse der tatsächlichen Zustände und Fakten. Und warum sehen die Politiker, die Experten nicht mal die Gesundheitsarchitektur Israels genauer an? Immer wieder besuchen zwar Verantwortliche der Krankenversicherer der Schweiz das Land. Dass sie daraus Erkenntnisse mit nach Hause bringen und diese auch umzusetzen versuchen, davon ist nichts zu spüren. Sicher ist aber: Die Schweiz braucht auch in der Gesundheitspolitik eine Reform an Haupt und Gliedern, genauso wie bei der Rentenreform.

Die Corona-Krise brachte es an den Tag. Nicht einmal das Anmelden zum Impfen verlief reibungslos. Jeder Kanton setzte auf seine Lösung. Föderative Lösungen Ja, wenn die Kleinräumigkeit bessere Lösungen ermöglicht, föderative Lösungen Nein, wenn die Expertise fehlt, die Infrastruktur nicht ausreicht, die Entscheidungsabläufe nicht zeitgerecht erfolgen können und nicht zu Resultaten führen.

6 Kommentare

  1. Danke Anton Schaller. Endlich eine differenzierte, sachdienliche Meinung zu den diversen Impfstrategien inkl. Impfstoffbeschaffung, die nicht einfach mal hier, mal dort jemanden hochjubelt oder in die Pfanne haut. Mehr von dieser Art Journalismus ist dringend nötig!

  2. Dem Dank möchte ich mich ausdrücklich anschliessen, auch der begründeten Kritik am hiesigen Föderalismus, der gesundheitspolitisch schon lange an seine Grenzen stösst. Hauptverantwortlich für die effiziente und unbürokratische britische Impfkampagne ist übrigens der hierzulande stets verunglimpfte «National Health Service» (das staatliche Gesundheitssystem), der auch beim Impfen dezentral und bürgernah funktioniert. Das versicherten mir auf Nachfrage betagte englische Familienangehörige.

  3. Ohne Föderalismus wäre unser Land mit vier Sprachen und vier Kulturen nicht denkbar und nicht überlebensfähig. Schuld an vielen Misständen dürfte oft nicht die föderale Struktur, sondern die Tatsache sein, dass sich die»lieben getrüwen Eidgenossen» je länger desto mehr auf den Bund (und die Bundeskasse) verlassen, statt miteinander nach gangbaren Lösungen zu suchen. Oder anders gefragt: wieso konnten die Kantone BS, BL, SO und AG nicht gemeinsame Covid-Massnahmen (Restaurants etc.) für ihre transjurassischen Gebiete treffen? Aehnliches gilt für das Bassin Lémanique.
    Alle haben Fehler gemacht, auch der Bund, bezüglich Masken gleich mehrmals:
    keine Kontrolle, ob Kantone, Spitäler, etc. die im Epidemiegesetz vorgeschriebenen Vorräte hielten;
    wiederholte an PKs gemachte Aussagen, das Tragen von Masken sei nutzlos;
    nach langem endlich Maskenpflicht im OeV, aber ausdrücklich NICHT in Bahnhöfen;
    Zulassung aller handgestrickten und handgenähten Masken und gleichzeitige Deklaration von deren Nutzlosigkeit in einem Merkblatt von Swissmedic…….
    Hinzu kommt die Tragikomödie bei der Kontrolle von Einreisenden aus den willkürlich definierten Ländern auf der Quarantäneliste (und die oft haarsträubende Weiterverfolgung dieser Fälle durch einzelne Kantone).
    Auf allen Stufen hatten sich Beamte mit Fragen zu befassen, auf die sie nicht vorbereitet und für die sie nicht geschult waren. Die einen machten es besser, die andern schlechter. Vielleicht fehlte auch hie und da der Chef, der die richtigen (multidisziplinären) Fragen stellte und die richtigen Prioritäten setzte…..

    Bezüglich Imfpkampagne gibt es westeuropaweit dieselbe Antwort: man kann nicht mehr verimpfen als man hat.

  4. Neben der erwähnten Wahlkampftaktik des Herrn Netanjahus sehe ich Zusammenhang mit der Geschichte des im Vergleich zu Schweiz recht jungen Staates Israel. Die Israelis konnten das Militär arabischer Staaten mehrmals in die Knie zwingen können, obwohl der Gegner numerisch massiv überlegen war. Luftschutz war real, als Saddams Raketen einschlugen oder die der Hizbollah aus dem Libanon oder die der Hamas aus dem Gazastreifen. Wie beim Militär baut man dann kein Gesundheitswesen auf, das nur bei Sonnenschein und Rückenwind funktioniert.
    Die Schweiz hatte diese Situation zuletzt im den Jahren 1939 – 1945, seitdem war man ringsum von Freunden umgeben, die russischen Panzer hätten es wohl kaum über den Bodensee geschafft. Gegen die eventuell drohende atomare Verseuchung hatte man mit Zivilschutzbauten massiv vorgesorgt.
    Aber die Macht der friedlichen Gewohnheit gewann an Oberhand, der Wohlstand wuchs, Kriege und Seuchen kannte man nur aus der Zeitung und dem TV. Aids betraf ja nur eine Randgruppe. Man möchte sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn statt Corona ein viel tödlicher über die Luft verbreiteter Virus zugeschlagen hätte…

  5. Ein Artikel zum Lesen und zum Nachdenken. Unsere Obrigkeiten in allen Bereichen sollten unternehmerischer denken: wenn sie nicht alles wissen/können, sollten sie Fachkräfte anstellen für gewisse Aufgaben, statt herum zu wursteln und so in vielen Bereichen keine optimale Leistung zu erbringen! Ich verlange weder von einem/einer Bundesrat/Bundesrätin, sie sollten in allem bewandert, belesen, befähigt sein. Ich verlange nur, Fachleute zu finden und zu bezahlen, um die besten Lösungen für die Bevölkerung zu finden. Mit 84 Jahren bin ich frustriert, wie die Impfstrategie total versagt und dazu noch undurchsichtige Kriterien für die Zuteilung im Ram stehen!

  6. Diese Pandemie legt die fatalen Schwächen unseres Krisenmanagements gnadenlos offen! Eine englische Studie rankt die Schweiz auf Platz 53 von 98 Ländern in Bezug auf all over Covid-Krisenmanagement! Eine Informations-Kakofonie reiht sich an die andere: Nach dem ersten Lockdown ein monatelanges Gelafer, angeführt von Exponenten vom BAG, ob Atemschutzmasken bei der Übertragung eines aerob übertragbaren Virus wirken oder nicht… schlichtweg weil keine hatten. Dann die Umsetzung von Schutzmassnahmen, die in einer peinlichen Kantönli-Kakofonie endete. Bis zum eigentlichen Kernstück der Krisenbewältigung: Der Impfstrategie. Die Privatindustrie hat in einer historisch eindrücklichen Weise Covid-Impfstoffe und Tests in Rekordzeit geliefert! Unsere Staatsbeamten hatten den ganzen Sommer und Herbst Zeit eine diesem reichen Land würdige Impfstrategie vorzubereiten und haben auch hier kläglich versagt! Bereits im Spätsommer waren ein halbes Dutzend mRNA Impfstoffe in Testphase III. Die für die Impfstrategie zuständige Dame, aus dem überzähligen diplomatischen Korps für diesen Job rekrutiert… resp. das BAG hat dann nur für zwei Impfstoffe Vorkaufsverträge abgeschlossen: Moderna (mRNA) und Astra-Zeneca einen konventionelleren Impfstoff. Die NZZ hat belegt, dass Pfizer-Biontech der Schweiz im Herbst 6 Mio Impfdosen abgeboten hatte. Die Verantwortlichen im BAG wollten dann aber nur 3 Mio Dosen… Als Pfizer-Biontech als erster Impfstoff zugelassen wurde, wollte das BAG dann doch 6 Mio Dosen… zu spät! Pfizer hatte schon an 50 andere Länder vorher verkauft! Und jetzt jammert die Exekutivpolitik uns vor, wir müssten warten, weil zu wenig geliefert würde… unerträgliche Schmürzelei beim Einkauf von Impfstoffen im reichsten Land! In keinem Verhältnis zu den massiven Kollateralschäden dieser Pandemie, welche die NZZ auf 130 Mrd. schätzt! Nein wir können nicht Corona und schon gar nicht Corona-Krisenmanagement!

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