FrontKolumnenVom Liberalismus zur Religion der Daten

Vom Liberalismus zur Religion der Daten

Seit letzten Donnerstag bin ich (77) geimpft, welch Wunder. Und ich bin froh darüber. Beim ersten Mal gab es keine Reaktionen, alles verlief ganz harmlos ab. Ich hatte lediglich 15 Minuten nach der Impfung unter Beobachtung zu warten, dann konnte ich gehen. Die zweite Impfung hatte es schon in sich, am Nachmittag nach der Impfung setzte ein unangenehmes Kopfweh ein, das sich verstärkte. Müdigkeit war die Folge, und mein täglicher Spaziergang am See entlang fiel tatsächlich ins Wasser. «Keine Lust», frei nach Ueli Maurer.

Ironie des Schicksals, oder wie man das umschreiben will, ist, dass ich seit einigen Tagen den Inhalt eines Buches zu bewältigen versuche, das es in sich hat: «Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen»*, geschrieben vom israelischen Erfolgsautor und Historiker Yuval Noah Harari (45). Seit Wochen, gar Monaten liegt es auf dem kleinen Tisch im Schlafzimmer. Über 600 Seiten umfasst es, nicht sonderlich einladend. Ich verspürte bis jetzt keine Lust, es zu lesen, mich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Zuerst las ich dann doch noch das letzte Kapitel. Und plötzlich wollte ich es wissen.

Im ersten Teil schreibt Harari vom Hunger, von den Seuchen, den Kriegen, von Katastrophen, gegen die sich die Menschen während Jahrhunderten zu stemmen versuchten. Wie sie den Hunger überwanden, Kriege ausstanden, wie sie Seuchen, den «Schwarzen Tod (1330) bis zur Spanischen Grippe (1918-1920) überstanden, wie sie über die Aufklärung, den Humanismus zum Liberalismus, zur Demokratie fanden. Und weil jetzt Corona die Menschheit bedroht, erfahren Hararis Erkenntnisse eine ganz besondere Note, in dem er die Leserschaft teilhaben lässt am Weg in eine noch nicht so sichtbare Welt der Zukunft. In der die neuen Technologien dem Menschen «gottgleiche» Fähigkeiten verleihen – schöpferische und zerstörerische – und das Leben selbst auf eine völlig neue Stufe der Evolution heben würden. Harari kommt zum Schluss, dass uns deshalb das Ende des Liberalismus, das Ende der Demokratie bevorstehe, dass uns eine neue Religion, die Religion der Daten einnehmen, uns beherrschen werde. Das neue System lebe von Algorithmen, nach denen eine auf Daten basierte, definierte Vorgehensweise Aufgaben gemäss einem strukturierten Schema löse. Er schreibt von einer Entkoppelung von Intelligenz und Bewusstsein.

Das neue System sei nicht mehr allein auf die Menschen angewiesen, die arbeiten, die wählen, die als Soldaten dem Staat dienen. Das Meiste würden künftig Algorithmen übernehmen und zweifellos immer mehr Aufgaben bewältigen, aufgrund vorhandener Daten: in der Wahrung der Gesundheit durch die personalisierte, datenbasierte Medizin, im Verkehr durch selbstfahrende Autos, in kriegerischen Konflikten durch von IT-Soldaten gesteuerte Drohnen. Der Dataismus, wie er die neue, die kommende Zeit bezeichnet, werde nicht davon abzuhalten sein, die Welt zu übernehmen. Das faschistische System in Deutschland, das kommunistische in der ehemaligen Sowjetunion seien zusammengebrochen. Die liberale Demokratie, der freie Markt, der Kapitalismus hätten sich im Westen durchgesetzt. Nun könnten diese Errungenschaften durch die Macht der Daten abgelöst werden, auch in den Diktaturen, wie in China.

Wie ich so vor mir her sinniere, taucht plötzlich die Frage auf, wie weit beherrscht uns der Dataismus bereits? Welche Rollen spielen die Daten beim Bekämpfen der Corona-Krise? Ohne Frage: Die Entwicklung der Impfstoffe basierte auf den Daten wissenschaftlicher Arbeiten in den vergangenen Jahrzehnten. Sowohl bei den wissenschaftlichen Forschungsarbeiten, wie auch bei der Umsetzung der Erkenntnisse, bei der Produktion und nicht zuletzt bei der Erprobung bis zur Zulassung waren die vorhandenem, registrierten Daten Grundlage für den überraschend schnellen Erfolg.

So stellt sich die bange Frage: Sind wir auf den weitreichenden Dataismus vorbereitet. Harari schreibt am Schluss seines Buches, das 2018 erschien: »Wenn wir in Monaten denken, sollten wir unser Augenmerk auf die aktuellen Probleme (jetzt wohl Corona) richten. Wenn wir in Jahrzehnten denken, spielen der Klimawandel, die wachsende Ungleichheit und der Zusammenbuch des Arbeitsmarktes eine zentrale Rolle.» Würden wir aber das Leben im Grossen und Ganzen in den Blick nehmen, kämen wir nicht um die zentrale Frage herum, die er der Leserschaft ganz am Schluss stellt: «Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nicht bewusste, aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst?».

Ja, am andern Morgen war alles wieder wie sonst. Das Kopfweh war verflogen. Ein kleiner roter Fleck am Oberarm war das letzte Zeichen einer überraschend einfachen Impfaktion beim Hausarzt. Bei einem Hausarzt, der sich selber um den Impfstoff bemüht hatte und von sich aus aufbot, wer zur ersten Gruppe gehört. Seine Daten über uns, seine Patienten ermöglichten ihm die gezielte Aktion.

*Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. Erschienen im Verlag C.H. Beck

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