FrontKulturReisen in Kartonwelten mit Rinus Van de Velde

Reisen in Kartonwelten mit Rinus Van de Velde

Der belgische Künstler Rinus Van de Velde (38), einer der vielversprechendsten Zeichner seiner Generation, blieb zu Hause in Antwerpen und lässt seine Werke im  Kunstmuseum Luzern sprechen.

Jetzt können die Museen wieder öffnen. Gelegenheit, in die skurrile Welt des Künstlers einzutauchen. Rinus Van de Velde erzählt fiktive autobiografische Geschichten mittels grossformatiger Kohlezeichnungen, dreidimensionaler Kartonwelten, Filmen, Fotografien, Farbstiftzeichnungen und Keramik. Zwischen Realität und Fiktion schwankend, tauchen in seinen Werken scheiternde Helden, grossmütige Forscher und schlaksige Tennisspieler in langen Hotelfluren auf.


Rinus Van de Velde. I’d rather stay at home…

Mit «I’d rather stay at home…» widmet das Kunstmuseum Luzern dem Künstler die erste umfassende Einzelausstellung. Der Kern der Präsentation bilden die Videos The Villagers (2019–2020) und La Ruta Natural (2019–2021). The Villagers erzählt Geschichten verschiedener Protagonisten, die durch ein Bergdorf und das Regenwetter verbunden sind: Ein Abenteurer brät im Wald sein Spanferkel, ein anderer ist im Nirgendwo mit dem Auto unterwegs, während sich der eine Künstler ein Hotelzimmer zu eigen macht und der andere kopfüber im Atelier malt.


Die Kuratorin und Museumsdirektorin Fanni Fetzer mitten im Computerzimmer

La Ruta Natural («Naturpfad») ist der zweite Film von Rinus Van de Velde. Der Titel ist ein Palindrom, eine Folge von Buchstaben die vor- und rückwärts gelesen (den gleichen) Sinn ergibt. In La Ruta Natural verfolgt der Held scheinbar einen Plan, der darin mündet, mittels einer komplizierten Maschinerie einen roten Luftballon aufzublasen und losfliegen zu lassen.


Prop, Flood, Roof, 2018, I’d rather stay at home… Das Kunstwerk wurde vom Luzerner Kunstmuseum käuflich erworben

Auf seinem Weg fährt er in einem hellblauen Cabriolet eine spektakulär steile Passstrasse hinab. Danach überschüttet er das Gefährt mit Benzin und zündet es an. Der Wagen taucht schon in The Villagers auf, der Fahrer trägt nun aber eine Maske mit Rinus Van de Veldes Gesicht, was ihm ein puppenhaftes Aussehen verleiht.


Die selbsterstellte Puppe im Film

Dieser Maske begegnen Besucherinnen und Besucher am Eingang zur Ausstellung. Schon im ersten Raum muss eine Entscheidung getroffen werden: Spähe ich durch die Fensterfront in den Diner oder gehe ich hinein? Wohin führt das Toilettenschild? In der Vitrine liegt eine Maske mit Rinus Van de Veldes Gesichtszügen. Gedanklich kann man sie sich überstreifen und so als Alter Ego des Künstlers die Ausstellung entdecken.


Fruitstand, 2019, Karton, Farbe, Holz und mixed media, Courtesy König Galerie Berlin

Wie die Filme in endloser Schlaufe laufen, folgt die Ausstellung keiner linearen Erzählung. Dieselben Protagonisten, Requisiten und Szenen tauchen auf Zeichnungen, in Filmen und Kulissen auf und oft erschliessen sich die Objekte erst bei der zweiten Begegnung.

So taucht man immer tiefer in Rinus Van de Veldes Kosmos ein und trifft an jeder Kreuzung eine Entscheidung, bis man in den Requisiten beinahe verloren geht, zwischen einem meterlangen Tunnel, durch den der Protagonist im Film in einen unterirdischen Maschinenraum gelangt, und dem Hausdach, das aus dem Hochwasser ragt und im Film einem Pärchen Schutz bietet.


Dear Robert. I didn’t see you early today, 2017, Kohle auf Leinwand

Rinus Van de Velde baut die Kulissen in seinem Atelier mit viel Liebe zum Detail aus Holzlatten, Karton und Pappmaché. Die Helden in seinem Werk erinnern an die Typen aus Filmen und Geschichten, Figuren, die ihre Gültigkeit verloren haben: Das schweigsame Grossmaul, das sich alleine durch die entlegensten Regionen kämpft, der introvertierte Held, der einsam im Atelier an seinem Lebenswerk schafft. Die Vergeblichkeit ihrer Expeditionen und die Absurdität ihrer Unternehmungen wecken Neugierde und lassen uns über die menschliche Unzulänglichkeit lächeln.


Besteck und Burger aus Karton

Rinus Van de Velde nutzt die Zeichnung, um einer Idee oder einem Plan Form zu geben, für die Visualisierung von Ideen und der Schaffung seiner fiktiven Universen. Die Zeichnungen zitieren pseudo-autobiografische Momente aus dem Leben des Künstlers: Als Forscher im Einbaum oder als Maler im Studio nimmt er beliebige Identitäten an. Dabei bedient er sich frei im kunsthistorischen Repertoire von Malstilen. Verspielte Keramiken mit Referenzen zu Bob Dylan oder Gustave Courbets «L’Origine du monde» sind eigenständige Objekte.

Rinus Van de Velde lebt mit seiner Familie in Antwerpen. Dort hatte er bereits Freie Kunst studiert. Zunächst widmete er sich vor allem der Skulptur, wandte sich dann immer mehr der Zeichnung und schliesslich der Kohlezeichnung zu. Im Kunstmuseum Luzern waren Werke Van de Veldes bereits 2018 im Rahmen der Gruppenausstellung «Ab auf die Insel!» zu sehen.

Kuratiert ist die Ausstellung Museumsdirektorin von Fanni Fetzer.
Die Ausstellung dauert bis 20. Juni 2021

Fotos: Josef Ritler

Das Buch: Rinus Van de Velde. I’d rather stay at home, …
Hannibal, Kunstmuseum Luzern

 

 

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