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Was machen Kirchenglocken mit uns?

Vergangenen Freitag läuteten in der ganzen Schweiz die Kirchenglocken zum Gedenken an die über 9300 Corona-Toten in der Schweiz. Eine sympathische Idee unseres Bundespräsidenten und eine schöne Geste. Eine Geste nur, sie kostet nichts – Symbolpolitik, die mich betroffen macht. Die ganze Schweiz war angehalten, eine Weile innezuhalten, beim Klang der Kirchenglocken. 1 Minute der Toten zu gedenken, zudem der Kranken, und der Tausenden zudem, die wegen der Pandemie ihre Arbeit und zuweilen auch die Hoffnung verloren hätten, schliesslich all jener, die für die Bewältigung der Krise ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzten und des Pflegepersonals.

Am Radio fragte ein Jesuitenpater: „Was machen die Glocken mit uns?“ Sie bewegt mich, diese Schweigeminute. Denn sie dünkt mich so billig gegenüber den Pflegenden, die täglich ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzten und dennoch bis zur Erschöpfung im Einsatz waren, und so billig gegenüber den vielen Menschen, die im Altersheim an Corona starben – nicht zuletzt, weil es an Schutzmaterialien fehlte, an vielem anderem auch, vor allem aber daran, dass Bund und Kantone für den Schutz dieser älteren  Pflegebedürftigen offenbar an keine Schutzstrategie dachten. Wie wenn sie vergessen wären. Ob sich das je ändert? Ob man überhaupt bereit ist, die nötigen Lehren mit Blick auf Menschen in Alters- und Pflegeheimen zu ziehen? Zu oft las und hörte man die entwürdigende Äusserung, einmal müssten halt alle sterben. Ist das Leben alter Menschen in unserer Gesellschaft nur mehr ein schwaches Achselzucken wert?

So eindrücklich die Schweigeminute war, wichtiger wäre gewesen, wenn beim Bund die Alarmglocken losgegangen wären, als sich die Todesfälle in Heimen zu häufen begannen. Viele hätten mit einer konsequenten Schutz- und Teststrategie vermieden werden können. Dafür haben heute im ganzen Land die Kirchenglocken geläutet. Wenigstens. Doch in meinen Ohren klangen sie wie eine schwache Entschuldigung einer Gesellschaft, welche bereit zu sein scheint, die Menschen in ihrer letzten Lebensphase im Stich zu lassen. Indem wir diese eine Minute an sie gedacht haben, können wir die mangelnde Alterspolitik nicht wettmachen. Es sei denn, die Politik zeigte sich bereit, aus dieser traurigen Geschichte ihre Lehren zu ziehen und zu handeln.


Bea Heim, ehemalige Nationalrätin, Präsidentin der VASOS

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