FrontGesundheit«Alle in die Impfaktion einbinden»

«Alle in die Impfaktion einbinden»

Das Impfen ist die wichtigste Massnahme gegen das Virus Covid-19. Wie schon im Herbst offensichtlich war, gab es Ende 2020 und zu Beginn des neuen Jahres viel zu wenig Impfstoff. Wichtig ist nun aber, dass jetzt, wo es bald genügend Impfstoff geben wird, alles unternommen wird, um gegen eine allfällig dritte Welle gewappnet zu sein. Seniorweb sprach mit Dr. Philippe Luchsinger (Bild), Präsident der Schweizer Haus- und Kinderärzte.

Dr. Philippe Luchsinger, Sie sind Präsident des Verbandes der Schweizerischen Haus- und Kinderärzte, aber auch an der vordersten Front als Hausarzt in Affoltern am Albis tätig. Wie beurteilen Sie die aktuelle Corona-Situation? Stehen wir vor einer dritten Welle oder sind wir über dem Berg?

Wir stehen eher vor einer dritten Welle als dass wir über dem Berg wären. Im Moment ist die Situation sehr fragil, wir verzeichnen immer noch deutlich zu viele Ansteckungen, mit gegen 1500 neu Infizierten pro Tag ist die Gefahr einer erneuten Explosion gross. Was passiert, wenn in dieser Situation gelockert wird, hat Tschechien schmerzlich erfahren müssen, sie sind in der vierten Welle und benötigen Beistand aus dem Ausland, damit ihre Gesundheitsversorgung nicht kollabiert.

Die wichtigste Massnahme gegen das Virus ist das Impfen. Obwohl bereits im Dezember 2020 erste Impfdosen in die Schweiz kamen, lief die erste Impfaktion nur ganz schleppend an, insbesondere auch im Kanton Zürich. Haben die Verantwortlichen die Impfbereitschaft der Bevölkerung schlicht unterschätzt oder war es ein organisatorisches Unvermögen der Behörden?

Etwas dürfen wir nicht ganz ausser Acht lassen: wir sind früher dran als geplant, ursprünglich sollten die ersten im März geimpft werden. Auch wenn die Herstellung eines mRNA-Impfstoffs weniger aufwändig ist als die eines konventionellen ist die Herausforderung, Millionen von Impfdosen herzustellen, nicht ohne. Man vergisst gerne, dass es Zulieferer braucht (z.B. Hersteller von Flaschen oder Verpackung) und eine Logistik, wie man sie noch nie gebraucht hat. Wir hätten gerne sofort alle geimpft, zumindest sind in der Schweiz die Bewohner der Alters- und Pflegeheime nun alle geimpft, ein ganz wichtiger Schritt.

Die Kantone gehen sehr unterschiedlich mit dem Impfen um. Im Kanton Basel-Stadt wird zentral geimpft. Im Kanton Thurgau stark über die Hausärzte, im Kanton Zürich in einer Mischform. Ist das sinnvoll oder wäre eine einheitliche Form nicht zielführender?

Die Bekämpfung der Pandemie ist laut Epidemiengesetz in der Kompetenz der Kantone. Dass dabei jeder Kanton seine eigene Strategie plant, erarbeitet, entwickelt, ausführt ist eine Verschwendung von Ressourcen, die den Steuerzahler belastet. Sicher braucht es lokale Anpassungen, aber eigentlich sollte man alle nur möglichen Akteure in eine solche Impfkampagne einbinden: Impfzentren, Spitäler, Ärzte, Apotheker, mobile Teams.

Hausärzte konnten sich um Impfdosen bemühen, konnten ihre Patienten*Ìnnen, die über 75 Jahr alt sind oder grosse Risiken in sich tragen, impfen. Viele Hausärzte verzichteten darauf. Warum nur?

Im Kanton Zürich ist der grösste Teil der Hausarztpraxen als Impfpraxis angemeldet, im Thurgau auch, in St. Gallen haben sie sich aufgeteilt in Zuweiser und Impfende, alle beteiligen sich in einer Form daran. Mit den Impfstoffen, die wir aktuell zur Verfügung haben, müssen die personellen Ressourcen und die Infrastruktur der Praxis vorhanden sein, da die Organisation der Impfung komplex und aufwändig ist. Viele möchten gerne, aber können aus diesen Gründen nicht impfen.

Viele ältere Menschen fühlen sich deshalb von ihren Hausärzten im Stich gelassen. Das Thema wird unter den älteren Menschen sehr lebhaft diskutiert. «Du bist privilegiert, weil Du einen sozial denkenden Hausarzt hast, ich bin benachteiligt», so ein Dialog unter den älteren Menschen.

Das hat wie gesagt nichts mit «sozial denkend» zu tun, sondern einfach mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Viele Hausärzte haben sich auch bemüht, ihre Patienten andernorts unterzubringen, sind aber nicht selten an nicht funktionierenden Plattformen gescheitert.


Ein vorbildliches Beispiel

as. Eine Praxis ist uns bei den Recherchen besonders aufgefallen: die Praxis «Garnhänki» in Richterswil im Kanton Zürich. Betrieben wir sie von drei ÄrztInnen: von Dr. Lukas Furrer, seiner Ehefrau Dr. med. Bettina Gornickel und von Dr. med. Barbara Dillner. Sie haben sich sofort als Impfpraxis bei den zuständigen Stellen gemeldet und sich um den raren Impfstoff bemüht.

Wie wir von Betreuten erfahren haben, sind die über 75Jährigen Patienten und die Risikoberechtigten von der Praxis vorbildlich betreut worden. Über ein ganzes Wochenende hat das Ärztepaar aus ihren Dossiers die zur Impfung Berechtigten herausgelistet, einen entsprechenden Verhaltensflyer entworfen, die entsprechenden Personen in einem Schreiben auf die Impfmöglichkeit hingewiesen und sie gebeten, sich zu äusseren: «Wollen sie geimpft werden, haben sie Bedenken oder wollen sie darauf verzichten? Wir haben alle beraten, insbesondere die Zögerlichen.»

Sie entwarfen einen Plan, wie sie die Anforderungen an die Impfung bewerkstelligen wollen: Sie erstellten einen klaren Zeitraster für das Impfen; immer sollten sich nur die Zugelassen in der der dazu vorbereiteten Praxis aufhalten können, so dass Zeit zur Verfügung stand für die Beratung und die Nachbetreuung. Sie erstellten gar einen Plan für die Bewirtschaftung des Parkplatzes. «Eines überlegten wir uns bei der Planung nie», sagte Dr. Lukas Furrer zu seniorweb, «wie es denn mit der Entschädigung aussehen wird. Uns war klar, dass dies eine Leistung an unsere Patienten, an die Gemeinschaft ist.» In der Zwischenzeit hat die Praxis alle Dosen verimpft. Sie wartet jetzt auf die nächste Lieferung. Diese soll Ende März/Anfang April grösser ausfallen als bisher.


Waren es nicht auch die tiefen, verrechenbaren Tarife, die Hausärzte dazu bewogen, vom Impfen in der Praxis Abstand zu nehmen?

Wir haben mit impfen begonnen, bevor wir wussten, was wir dafür erhalten. Dass von den Krankenkassen eine nicht kostendeckende Entschädigung bezahlt wird, ist einfach ein Hohn, jetzt geschieht genau das, was wir verhindern wollten: in jedem Kanton wird die Impfung anders vergütet werden, zum Teil kostendeckend, zum Teil müssen die impfenden Ärzte draufzahlen, weil die Kantone nicht bereit sind, ihren Beitrag zu leisten, wie sie das bei den Impfzentren machen. Die Hirslanden erhält alle ihre Unkosten vergütet, der Hausarzt nicht!

Jetzt werden die Tarife im Kanton Zürich beispielsweise angehoben. Sind sie nun kostendeckend?

Im Kanton Zürich sind sie knapp kostendeckend, zumindest für die über 75-Jährigen. Wir haben in unseren Berechnungen übrigens den ganzen Aufwand der Priorisierung nicht voll eingerechnet, als Beitrag der Ärzteschaft zur Impfung: das wurde in keinster Weise berücksichtigt oder geschätzt!

Wer kann Risiken geltend machen? Sind die Risiken klar umschrieben?

Die Risiken sind auf der Homepage des BAG ersichtlich, und sind von der EKIF, der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, definiert worden.

Ende Märze sollen nun genügend Impfdosen unser Land erreichen. Wie geht es weiter? Können nun die über 65jährigen mit einem Aufgebot ihrer Hausärzte rechnen oder ist es besser, sich über die zuständigen kantonalen Stellen anzumelden, beispielsweise im Kanton Zürich?

Wir alle hoffen, dass es bald weitergeht, wir haben in den Praxen im Kanton Zürich aber immer noch viele über 75-Jährigen, die nicht geimpft sind, und Hochrisikopatienten, die darauf warten. Ich würde mich an beiden Orten anmelden, beim Hausarzt und im Impfzentrum. Aber danach bitte nicht vergessen, sich abzumelden, wenn man andernorts geimpft worden ist!

Was raten Sie Ihren Kollegen und Kolleginnen in ihrem Verband?

Wir empfehlen unseren Kolleginnen und Kollegen, sich an den Impfungen zu beteiligen, sei es in der Praxis, wenn sie die Möglichkeit dazu haben, sei es in den Impfzentren. Und sicher (aber das müssen wir nicht speziell erwähnen) ihre Patientinnen und Patienten zu informieren und zu unterstützen bezüglich der Impfungen.


Dr. med. Philippe Luchsinger (63) ist seit 1988 in Affoltern am Albis als Hausarzt in eigener Praxis mit einem grösseren Team tätig. Er ist Präsident des Schweizerischen Verbandes der Haus- und Kinderärzte. In dieser Eigenschaft setzt er sich intensiv mit der Qualitätssicherung, der Lehre und der Forschung auseinander und engagiert sich in der Gesundheits- und Verbandspolitik.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel