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Die Werbung hat die Senior Models entdeckt

Traumwelt Model? Die Realität ist weniger glamourös, aber dafür abwechslungreich, locker, spannend. Agenturen suchen Senior Models. Wichtiger als eine Superfigur ist die Ausstrahlung.  

Da hatten die Werber ja eine wirklich lüpfige Idee: Für eine Bank wollten sie zeigen, dass diese alle Arten von Kunden schätzt. Dies sollte ein älterer Herr darstellen, der als Punker auftrat. Mit Tattoos, roter Igelfrisur, Klamotten. Im Tresorraum der Bank verwandelte die Stylistin den alltagstauglichen Senior in einen wilden Rebellen, behängte ihn mit Ketten, schmückte seine Ohren mit  Sicherheitsnadeln (nur angeklebt, das schon). Das Fotoshooting dauerte lang und länger. Die Stylistin, der Fotograf und das Bankpersonal kamen in Zeitnot.

Der Temporär-Punker konnte sich weder abschminken noch umkleiden. Die Tramfahrt nach Hause gestaltete sich, nun ja, etwas belastend. Die Passagiere grinsten oder rümpften die Nase. Und schliesslich – für uns ists eine Pointe, für ihn wars peinlich: Die Ehefrau erkannte ihn erst, als er sie begrüsste.

Alle sind per Du

Ein weit angenehmeres Erlebnis erfuhr vor einigen Jahren Senior Model Christina Eichholzer von der Modellagentur Special in Zürich: ein Fotoshooting im mit Sternen und Promis gesegneten Hotel Palace in St. Moritz. „Wir machten die Aufnahmen für den Prospekt des Nobelbetriebs,“ erinnert sie sich. Die Beherbergung ging auf Kosten des Hauses, drei Übernachtungen im De-Luxe-Zimmer.

Christina Eichholzer wirbt unter anderem für Banken und Versicherungen. 

Christina Eichholzer berührt damit das Bild der Modelwelt, dass Aussenstehende immer noch haben. Die Szene umweht Glamour. Fotoshooting an ausgesuchten Orten, schöne Kleider, dito Menschen. Glanz und Glitter und, das wissen wir aus den Boulevard-Medien, im Dunkeln ein paar Schmuddelecken.

Was die 74-Jährige weiter berichtet, trübt diesen vermeintlichen Lack – macht aber die Szene weit sympathischer. „Es geht locker zu, alle sind per Du, stressig ists selten.“ Wegen der Corona-Krise habe sie zurzeit kaum Aufträge. Früher stand sie im Schnitt drei bis vier Mal im Jahr vor der Kamera und machte Werbung für Banken, Versicherungen und die Pharmaindustrie.

Viren killen Aufträge

Dass die Pandemie der Auftragslage schade, bestätigt Brice Poulin. „Ich habe bloss noch rund drei Shootings im Jahr.“ Poulin ist im doppelten Sinn Senior Model. Er steht seit einem halben Jahrhundert für die Agentur Special vor der Kamera. Jetzt, als 71-Jähriger, verkörpert er oft Geschäftsmänner oder solvente Kunden, er ist der ruhige vertrauenerweckende Typ.

Brice Poulin modelt seit einem halben Jahrhundert. Bilder Modelagentur Special

Die Viren killen Aufträge. Irgendwann überwinden wir die Pandemie. Vom erhofften Boom profitieren die Senior Models ganz besonders. Die Werbung hat die Älteren entdeckt. Alle von Seniorweb angefragten Agenturen bestätigen: Sie suchen Seniorinnen und Senioren. Allerdings gibts eine Differenz zwischen Nachfrage und Angebot. Häufig gesucht ist der Grosi-Typ. Und dieses Genre ist in den Computer-Karteien der Agenturen schlecht vertreten. Seniorinnen mit der Nase fürs Marktgängige aufgepasst: Bürzi aufstecken, Küchenschürze umbinden, Fotoaufträge einheimsen.

Glanz, Glitter und ein bisschen verrucht, das ist eines von mehreren Klischees. Weiter: Senioren Models müssen als Frauen schlank und schön sein und dürfen keine Falten haben. Die Männer sollten attraktiv und vertrauenerweckend wirken. Stimmt nicht. Oder nur teilweise. Christa Stutz von der Agentur Special: „Die Seniorinnen und Senioren müssen Ausstrahlung  haben und  flexibel sein. Ob dick, dünn oder Altersflecken spielt keine Rolle.“

Rennradfahrerin und Bünzli-Nachbar

So ganz und gar stimmt das aber auch wieder nicht. Für ihre Botschaften  brauchen die Werber passende Typen. Gleichstellungskämpferinnen und -kämpfer bitte weggucken oder sich mal schön ärgern: Ältere Frauen backen in der Werbung Guetzli, binden Blumen oder empfehlen Medikamente. Der attraktive Senior hingegen fährt einen  Sportwagen, darf aber auch mal einen bünzligen Nachbarn spielen.

Von der netten Grossmutter zur Rennradfahrerin, vom Bünzli zum Alt-Punker: Die Typenvielfalt ist so gross wie die Kaffeeauswahl bei Starbucks. Für alle gilt: Models sollten auch mal einen bis zu acht oder neun Stunden dauernden Drehtag durchstehen können. Um ins Scheinwerferlicht zu gelangen müssen Newcomer die geeignete Agentur auswählen. Google liefert eine ansehnliche Zusammenstellung. Seniorweb listet am Ende dieses Artikels eine Auswahl von Agenturen auf, die sich besonders um Senioren bemühen.

Agenturen suchen und auswählen

Die Modelagentur Special wünscht als ersten Schritt private Aufnahmen zum Beispiel von einer Wanderung oder einem Gartenfest. „Wenn wir Chancen sehen, laden wir zu einem Gespräch ein und realisieren ein Fotoshooting“, erklärt Geschäftsführerin und Inhaberin Christa Stutz. Beim ersten Job verrechnet die Agentur dem Model einen einmaligen Betrag von 280 Franken für die Fotos. „Danach verlangen wir nichts mehr.“

Ähnlich verfährt die Zürcher Agentur Streetcasting. Auch sie verlangt keine professionellen Fotos, aber gute Aufnahmen in guter Auflösung. „Wenn uns diese überzeugen, laden wir die Einsteiger zu einem Treffen mit Fotoshooting ein“,  so Andrea Sponring von Streetcasting. Wenns klappt, bezahlen die Newcomer einmalig 95 Franken.

Gehts nicht um Mode oder um Spezialaufträge (Punk, Taucher, Astronaut) bringen die Models die Kleider selber mit, abgesprochen mit dem Fotografen. Beim Shooting kümmert sich die Stylistin um die weitere Verschönerung. Oder, wenns der Auftrag verlangt, zaubert sie auch mal Mitesser oder Augenringe ins Gesicht.

Vorsicht vor unseriösen Praktiken

Die Models rücken mit einer Kleidertasche an. Auf den Heimweg nehmen sie zusätzlich das Honorar mit – oder die Gewissheit, dass das Geld aufs Konto eintrudelt. Für Halbtageseinsätze können sie mit 200 bis 400 Franken rechnen. Dauern die Aufnahmen einen ganzen Tag sind es zwischen 700 und 900 Franken.

Das Scheinwerferlicht zieht auch dunkle Gestalten an. Im Internet agieren Vermittlungen, die hohe Einstiegsgebühren bis zu 1000 Franken verlangen, aber kaum je Aufträge anbieten. Ein ähnlich dubioses Geschäftsmodell schildert Christa Stutz von der Agentur Special: „Es gibt Plattformen, die zwar eine Schweizer Website, aber gar keinen Sitz in unserem Land haben. Sie versuchen im gut dotierten Schweizer Werbemarkt mitzumischen.“ Manche würden sogar Modelfotos und -daten von hiesigen Agenturen in ihre Karteien kopieren, so Christa Stutz. „Ich habe erlebt, dass die Betroffenen gar nicht wussten, dass sich eine ausländische Agentur mit ihnen schmückt.“


Einige Agenturen mit Senior Models:
www.special.ch  / www.modarta.ch / www.streetcasting.ch

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