FrontKulturEin Museum wird eingeläutet

Ein Museum wird eingeläutet

Der Chipperfield-Bau, die Erweiterung des Zürcher Kunsthauses ist endlich offen für alle. Mit acht Glocken aus Düsseldorf, inszeniert und choreografiert von William Forsythe, wird er nun einen Monat lang eingeweiht, ein spezielles Erleben einer eindrucksvollen Architektur.

Unter dem Heimplatz durch einen langen Gang und treppauf geht es in die lichtdurchflutete Halle, die quer durchs ganze neue Gebäude reicht. Heller Beton an den Wänden, hellgrauer Stein für Flur und Treppenstufen, Messing für Geländer, Türen, Nischen, Wandverkleidungen und Beschriftungen. In den Ausstellungsräumen ist Eiche verlegt – ebenfalls hell. Der ganze Bau wirkt leicht und elegant und ist in seiner Ausgestaltung einfach und klar.

Einen Monat lang ist Besuchstag in den Ausstellungsräumen

Endlich! Mögen viele denken, denn der Bau ist doch längst fertig, die Stadt Zürich als Bauherrin hat den Schlüssel zum goldenen Tor dem Kunsthaus längst übergeben, nämlich am 11. Dezember 2020, wir berichteten darüber. Aber «der Tanz ums goldene Bührle-Kalb», wie ein Online-Medium unlängst titelte, kann wohl erst dann sein, wenn die Bilder der Stiftung in den dafür vorgesehenen Räumen hängen. Immerhin wird es dort auch einen grosszügigen Dokumentationsraum zur umstrittenen Sammlung des Waffenfabrikanten und Kunstsammlers geben. Thomas Buomberger, Historiker und Mitinitiant der IG Transparenz, welche den Nachweis der Verflechtungen von Kriegsgeschäft und Kunsthandel forderte, zeigte sich «positiv überrascht».

Hinter dieser goldenen Messingtüre wird dereinst die Bührle-Sammlung ausgestellt. Vorerst ist hier wie im Märchen geschlossen.

Im Herbst wird also die Eröffnung des neuen Bilderpalasts erfolgen, dann kann Zürich auf die grösste Impressionisten-Galerie ausserhalb Paris stolz sein und erst noch mit dem grössten Schweizer Kunstmuseum trumpfen. Dann kann neben temporären Ausstellungen die Sammlung dynamischer bespielt, können gleich doppelt so viele Objekte wie bisher aus den Depots ans Licht geholt werden.

Die Klänge von Forsythes Komposition für acht Glocken und zwei Triangel macht neugierig.

Direktor Christoph Becker hat sein «Pflichtenheft», wie er sagt, nun abgearbeitet, nämlich die Kunsthauserweiterung, und kann bis zu seiner Demission 2023 die Früchte seiner Arbeit noch geniessen: «Es hat immer Spass gemacht,» versichert er, «alles wurde so, wie wir es wollten.» Welcher Bauherr könnte denn so etwas unterschreiben? Jedenfalls fühlt er sich wohl in dem «englischen Landhaus mit der Eingangshalle und der grossen Treppe», das nur ein bisschen grösser sei.

Vorerst ist das Haus jedoch mit kleinen grossen Ausnahmen leer – hier eine plastische Arbeit von Urs Fischer, dort ein Gemälde von Robert Delaunay und über der Treppe hängt der Calder, der einst nur ausser Haus gezeigt werden konnte. Doch leer ist hier eigentlich nichts – Glockenklänge erfüllen die Luft, werden von Wänden und Decken reflektiert und spielen das Lied vom Kunsthaus-Erweiterungsbau.

Urs Fischer: Grundstein. Der Künstler schenkte das Werk zur Grundsteinlegung des Baus von David Chipperfield am 8. November 2016.

Als es klar wurde, dass wegen Corona kein Eröffnungsfest stattfinden könne, liess sich der bereits für eine Klangperformance zur Einweihung angefragte Choreograph und Künstler William Forsythe etwas anderes einfallen, ohne Tänzer, aber mit und fürs Publikum: Glocken sollten sich und das Museum in Schwingung bringen, die Menschen aus der Halle in die vielen Räume, Säle und Zimmer locken und diese dank der überall hörbaren Komposition – mal lauter, mal leiser, mal ganz nah bei einer Glocke mal durch die Wände – als akustisches Gebäude erfahren. Forsythe sagt auch, dass er nicht nur für eine kunstaffine Museumsbesuchermenge arbeitet, sondern den neuen Bau auch anderen Gruppen näherbringen will, auch Blinden, auch Gehörlosen. Und vielleicht all denen, die mit Impressionisten weniger anfangen können als mit Kirchenglocken oder zeitgenössischen Sounds.

Glocke mit Frau: Kuratorin Mirjam Varadinis macht es vor, wie gut der Klang innerhalb der grössten Glocke tut.

Die acht Glocken stammen – ein Zufall dass sie gleichzeitig in der deutschen Glockenbörse im Angebot waren – von zwei Kirchen in Düsseldorf, die nicht mehr als Gotteshäuser gebraucht werden, daher sind diese Glocken – wie es heisst – entwidmet. Gegossen wurden alle acht in derselben Glockengiesserei.

Kein Klöppel sondern ein digital gesteuertes Schlagwerk seitlich macht die ehemalige Kirchenglocke zum Teil eines Glockenspiels.

Gewiss, Glocken sind geeignet, weil ihr Schall weit trägt, aber das könnten elektronische Sounds auch. William Forsythe hat sich eingedenk der Bührle-Sammlung für Glocken entschieden: In Glockenfriedhöfen wurden im zweiten Weltkrieg aus den Klangkörpern, die zum Gottesdienst riefen, Kanonen gegossen. Glockengeläut klingt aber bis heute auch zu Festen und Feiern, Hochzeit, Trauerfeier, Taufe, oder als Einstimmung auf den Feierabend und sturmgeläutet wurde bei Katastrophen wie Feuersbrünsten, Murgängen, Überschwemmungen und eben – Kriegen.

«Sense of Things» nennt William Forsythe die Komposition mit Installation – in dem Wort Sense ist der Sinn, sind aber auch die Sinne, also das Gefühl gemeint. Weil es keinen kuratorisch ausgedachten Ablauf wie bei einer Ausstellung gibt, ist der Zugang zu den Klängen und damit eben auch zum Haus selbst ein unmittelbar autonomer. Und da die Glocken nicht mit einem Schwengel zum Klingen gebracht werden, sondern vom Rand her mit einem komplexen Schlag-Mechanismus, sind es nicht mehr Kirchenglocken, sondern jede wird Teil eines Glockenspiels. So fügt sich die Installation in die Weltkultur der Schlaginstrumente ein.

Das sei informell, witzelte Projektmanager Dag Vierfuss, auf die frischen Finger- und Handspuren an einer Messingtüre aufmerksam gemacht. Frische Patina vom Tag eins mit Publikum.

Übrigens: gesteuert wird die 40-minütige Komposition vom Künstler selbst: Eine Tastatur in Vermont ist digital verbunden mit den Glocken, den Triangeln und dem Subwoofer in Zürich. Nötig sind Eingriffe aber nur, wenn es eine Panne gibt. Nach Einrichtung der Sounds geht alles automatisch. Glocken allein sind unideologisch, aber alle von uns haben aufgrund der Erfahrung eine Vorstellung davon. Deshalb erinnert Forsythe daran, dass es weniger auf die Glocken, die retten oder unterdrücken könnten, sondern auf den Glöckner ankomme, der beobachtet werden müsse. Und er hat weiter nachgedacht, wie sich die Kunstmuseen in der digitalen Zukunft entwickeln, ob und wie sie überleben, oder ob er ihnen mit seiner Kunst in Zürich gar die Totenglocke geschlagen hat.

So weit ist unser Sinn nicht, wir hören da und dort, wie die Klänge und die Missklänge auf uns wirken, nehmen den Sound eines vom Subwoofer ausgebauten Klangs wahr, den wir als Vibrieren unter unseren Füssen und im Bauch erleben, setzen uns dem dissonanten mit gleissendem Aufleuchten gekoppelten Ton zweier heller Glocken aus, stehen in den Klangraum der grössten von allen und empfinden nichts als Wohlgefühl. Ja, man darf die Glocken anfassen und den Nachhall eines Schlags übers Gehör und über den Körper wahrnehmen.

Der Raster bietet immer wieder neue Ausblicke in alle vier Himmelsrichtungen. Hier ein Gruss dem Moserbau.

Ganz am Ende des Rundgangs durch Flure und Treppenhäuser in hellem Licht, durch Säle und Räume mit und ohne Fenster sowie nach einigen kontemplativen Momenten auf einem der grauen Sofas weiss man: Es ist wirklich riesig, dieses neue Haus. Zürich ist mal wieder dem Superlativ am grössten, am schönsten am wichtigsten näher gekommen. Trotz der Kubatur steht am Heimplatz nicht ein Klotz, sondern ein filigranes Gebäude mit goldenem Messingtor, ein elegantes Gegenüber zum Moserbau mit Bührlesaal und dazwischen der bunte Apostrophe von Pippilotti Rist.

Alle Bilder sowie der Videoclip: © Ruth Vuilleumier
bis 24. Juni (während der Pfingsttage ist der Eintritt gratis)
Hier geht es zur Ausstellung The Sense of Things von William Forsythe im Chipperfield-Neubau. Sie finden dort auch Hinweise zu Veranstaltungen sowie einen Podcast mit unter anderen William Forsythe.

 

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