FrontKulturVom täglichen Gruss an das Leben

Vom täglichen Gruss an das Leben

Als erste Produktion nach dem Kultur-Lockdown bringt das «Theater an der Effingerstrasse» in Bern die Liebesgeschichte «Harold und Maude» auf die Bühne: berührend, sentimental, aber nicht kitschig.

Die Geschichte des Theaterstücks basiert auf dem Kultfilm «Harold and Maude» (1971, Drehbuch und Roman: Colin Higgins, Regie: Hal Ashby). Das Theater an der Effingerstrasse zeigt bis Anfang Juni eine Bühnenfassung von Bastian Kabuth. Die originelle Ausstattung hat die Bühnen- und Szenenbildnerin Manuela Freigang gemeinsam mit dem Regisseur entworfen.

Der 19-jährige Harold (gespielt von Lukas Dittmer) lebt mit seiner wohlhabenden Mama in einer Villa in Kalifornien. Er pflegt eine distanzierte Beziehung zu seiner strengen Mutter, die oberflächlich wirkt und für ihren Sohn auf gesellschaftlichen Status aus ist. Während sie versucht, ihn standesgemäss zu verheiraten, inszenierte der introvertierte Jüngling Schein-Selbstmorde, um Aufmerksamkeit und Zuneigung zu erheischen. Er ist wortkarg, vom Tod fasziniert, fühlt sich zu Friedhöfen hingezogen und lernt schliesslich auf einer Beerdigung die 79-jährige Maude (Heidi Maria Glössner) kennen.

Ungleiches Liebespaar

Maude ist wie ein Gegenpol zum jungen Mann: unkonventionell, energisch, impulsiv und lebensfroh. «Beginne jeden Tag mit einem Gruss an das Leben», rät sie ihm. Die beiden freunden sich an, verlieben sich. Mit ihrer Lebenserfahrung und -einstellung öffnet Maude dem Jüngling die Augen. Harold lernt das Leben zu schätzen und emanzipiert sich zusehends von seiner dominanten Mutter (Germaine Sollberger). Schließlich verkündet er ihr, dass er Maude heiraten will. Die Mama antwortet ohne Verständnis: «Das ist keine Liebe, das ist Sterbehilfe.»

Lebensfroh begeistert Maude ihren Schützling Harold für die Farben und Freuden der Welt.

Der Höhepunkt der Beziehung folgt am Schluss des Theaterabends: Harold und Maude feiern gemeinsam Maudes 80. Geburtstag. Ausser über das Leben reden sie auch über den Tod: «Wir fangen an zu sterben, wenn wir geboren werden», tröstet sie ihn. Denn die Seniorin hat beschlossen, an diesem Tag zu sterben, da sie 80 für das richtige Alter hält, um abzutreten. Dem entsetzten Harold eröffnet sie, dass sie bereits tödliche Tabletten zu sich genommen hat. Zu spät. Im Dunkeln bleibt der am Boden zerstörte, aber gereifte Harold zurück.

Wundersame Verwandlung

Die Aufführung an der Effingerstrasse ist mystisch, wirkt zeitweise fast märchenhaft. Unter Maudes Einfluss macht Harold eine wundersame Wandlung vom apathischen Jüngling zum lebensfrohen, glückseligen Liebhaber durch. Ein Schlüsselmoment ist die Szene, in welcher Harold seine Faszination für die sechzig Jahre ältere Maude realisiert. Das bis zu diesem Augenblick schwarz-weisse Bühnenbild wird auf einen Schlag pastellfarbig: Von Schnüren zusammengehaltene Schaumstoffelemente kullern über die Bühne und werden – je nach Fantasie des Publikums – zu Möbeln, Bildern, Blumen. Der jugendliche Schwärmer verlässt die düstere Welt seiner Frau Mama und wird von Maudes farbiger Welt gefesselt. «Geh nicht mit dem Schirm auf die Barrikaden, umarme Menschen», lautet der Rat der alten Dame an ihren Schützling.

«Das ist keine Liebe, das ist Sterbehilfe.» Harolds Mutter (Germaine Sollberger) zeigt kein Verständnis für die Gefühle ihres Sohns.

Gesellschaftspolitisch stehen zwei Tabus im Zentrum des Stücks: Erstens die die Generationen überbrückende Liebe zwischen zwei Menschen. Obwohl sich die Mutter gegen die Beziehung wehrt, gehen die beiden Protagonisten unbeirrt ihren Weg und sind wenigstens für einen kurzen Moment in inniger Liebe vereint. Als zweites Tabu wird der Freitod einer gesunden, aber lebenssatten Person thematisiert: Selbstbestimmt geht die 80-jährige Maude in einem Glücksmoment in den Tod. Dass Harold vorher siebzehn Schein-Selbstmorde unternahm, ohne zu sterben, wirkt wie eine Ironie des Schicksals.

Reife Nachwuchstalente

Es ist ein Vergnügen, die berühmte «Grand Dame» des Berner Theaters, Heidi Maria Glössner, in diesem Klassiker neben zwei jungen Nachwuchstalenten spielen zu sehen. Da die für Harold und die anderen Rollen vorgesehenen Spielenden wegen der Pandemie nicht in die Schweiz einreisen konnten, suchte Regisseur Bastian Kabuth an der «Berner Hochschule für Künste» nach Ersatz. Lukas Dittmer (27) und Germaine Sollberger (26) verdienen allen Respekt dieser Welt für ihre Leistung, die nach nur kurzer Probezeit so reif daherkommt. Der Post-Corona-Start am «Theater an der Effingerstrasse» ist wahrlich gelungen.

Titelbild: Liebe ohne Rücksicht auf den Altersunterschied: Maude (Heidi Maria Glössner) und Harold (Lukas Dittmer). Fotos: Severin Nowacki


Peter Schibli: Neu Mitglied der Seniorweb-Redaktion

(red.) Ab dem heutigen Tag verstärkt Peter Schibli unsere Seniorweb-Redaktion. Wir heissen ihn an dieser Stelle herzlich willkommen und freuen uns auf eine erspriessliche Zusammenarbeit:

Peter Schibli (geb. 1956) wuchs in Bern auf, studierte an der Universität Rechtwissenschaften und begann bereits während des Studiums als Gerichtsreporter zu arbeiten. 1984 promovierte er mit einer Dissertation über das Schweizerische Bundesgericht. Nach Redaktionsstellen bei «Der Bund» und beim «Badener Tagblatt» wechselte er 1986 zur Basler Zeitung, der er 21 Jahre lang treu blieb: Inlandredaktion, Deutschland-Korrespondent, USA-Korrespondent, Online-Redaktion, Mitglied der Chefredaktion waren seine Stationen. Kurz bevor die BaZ unter Christoph Blochers Einfluss geriet, wechselte Schibli zur SRG, wo er die letzten elf Jahre als Direktor swissinfo.ch und als Nationaler Koordinator Multimedia tätig war. 2018 ging er vorzeitig in Pension. Seither arbeitet Schibli als freier Journalist, spielt Theater sowie Fagott und geniesst den Unruhestand.

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