FrontKulturVon Macht, Ideologie, Pragmatismus und Verantwortung

Von Macht, Ideologie, Pragmatismus und Verantwortung

Mit dem Klassenkampf-Klassiker «Die schmutzigen Hände» von Jean-Paul Sartre zeigt «Konzert Theater Bern», wie ein Theaterstück durch Aktualität und Relevanz neue Bedeutung erhält. Kann man grosse gesellschaftliche Veränderungen nur mit Gewalt erreichen?

Das machiavellistische Prinzip, dass zur Erlangung oder Verteidigung von Macht  jedes Mittel erlaubt ist, unabhängig von Recht und Moral, haben die deutsche RAF, die italienischen Roten Brigaden praktiziert. Islamische Terrorgruppierungen instrumentalisieren es für den «Heiligen Krieg». In Jean-Paul Sartres «Die schmutzigen Hände» geht es um die Frage, ob Widerstand gegen den Staat und Gewalt gegen Andersdenkende legitim sind zur Erreichung übergeordneter Ziele.

Sartre lebte von 1905 bis 1980. Das Stück spielt am Ende des zweiten Weltkriegs: Der Faschismus ist in die Schranken gewiesen worden, der Kommunismus verirrt sich im Stalinismus, der Liberalismus lockt als neue, wirtschaftsfreundliche Philosophie. In dieser Gezeitenwende tritt Hugo (Luka Dimic), ein intellektueller Anarchist aus bürgerlichem Haus, aus idealistischen Motiven der kommunistischen Partei bei und erhält den Auftrag, den Opportunisten Hoederer (Gabriel Schneider) zu ermorden. Grund: Der Spitzenfunktionär versucht, ein Bündnis mit einer anderen Partei zu realisieren, deren Ziele von den eigenen abweichen. Hugo gelingt es, Hoederers Sekretär zu werden.

Hugo kann sich nicht entschliessen, seinen Chef Hoederer aus politischen Motiven zu erschiessen.

Gleichzeitig betätigt sich die ideologische Parteigenossin Olga (Milva Stark) als Anstifterin, der alles zu wenig schnell geht. Sie drängt Hugo mit dogmatischen Parolen kompromisslos zum Mord. Hoederer hingegen entpuppt sich als Pragmatiker mit Witz, Intelligenz und Menschlichkeit. Er wirft seinem Sekretär vor, die kommunistischen Prinzipien über die Interessen der Menschen zu stellen. Hugo ist irritiert, zögert mit dem Mordvorhaben und wirkt unentschlossen. Der Intellektuelle denkt zu viel, schiebt deshalb den Mord immer wieder hinaus. Hugos Freundin Jessica (Gina Lorenzen) bewundert Hoederer, erliegt dessen Charme und verrät dem Parteifunktionär schliesslich Hugos Mordplan. An den Widersprüchen gescheitert, erschiesst der Sekretär seinen Chef doch noch, aber nicht aus ideologisch-politischen Gründen, sondern aus Eifersucht.

Die Theorie der «schmutzigen Hände» besagt, dass politische Verantwortung und moralische Unschuld auf Dauer unvereinbar sind. Wer Macht hat, wird früher oder später Schuld auf sich laden und seine moralische Integrität riskieren. Für Hugo ist der Sieg der Ideen wichtiger als die Ergreifung der Macht. Machtergreifung mittels Lügen und Taktik kommt für den jungen Intellektuellen nicht in Frage. Für Hoederer dagegen sind alle Mittel recht, wenn sie nur wirksam sind. Politik bedeutet für den Parteifunktionär, die Hände in Dreck und Blut zu tauchen.

Verantwortung für sich und die Gemeinschaft

Neben der Frage der Legitimation von Gewalt zur Erreichung eines höheren Ziels geht es in «Die schmutzigen Hände» auch um Verantwortung des Einzelnen für sich und im Kollektiv. Hugo zerbricht daran, dass er nicht weiss, wie Verantwortung zu übernehmen. Hin- und hergerissen zwischen seinem Auftrag und dem Pragmatismus Hoederers entscheidet sich er aus idealistischen Motiven für die Tat, handelt dann aber doch im Affekt. Gefangen in seinen ideologischen Mechanismen, gehorcht er dem System und erteilt der Vernunft und Menschlichkeit eine Absage. Bei Sartre siegt das Böse über das Gute.

Divergierende Interpretation

In der Nachkriegszeit provozierte das Drama unterschiedliche Reaktionen: Nach der Premiere 1948 triumphierte die bürgerliche Presse und sah in dem Stück eine dreifache Kritik am Kommunismus: Stalinisten belögen die Partei und schreckten nicht vor Mord zurück, hiess es; kritische Weggefährten seien unerwünscht, und der Dogmatismus dominiere über Vernunft und Pragmatismus. Für Sartre dagegen war Hoederer der Held des Dramas. Der Autor sah im Parteifunktionär einen realistischen Revolutionär, der seine Ziele situativ anpasst, stets das Wohl des Volks im Auge hat und notfalls sogar verpönte Zweckbündnisse eingeht.

Verführerisch umgarnt Jessica ihren Freund Hugo und Parteifunktionär Hoederer. Fotos: Florian Spring

In der Berner Inszenierung von Sophie Aurich kommen diese Widersprüche deutlich zum Ausdruck. Hoederer überzeugt seine Genossen, gibt sich gefühlsbetont und wirkt insgesamt sympathischer als sein Gegenspieler. Hugo wird von seiner ideologischen Kompromisslosigkeit zerfressen, verirrt sich im Realitätsverlust und verfällt schlussendlich seinem übermächtigen, aber pragmatischen Chef. Mit Hugo scheitert auch Milva, die unmenschliche Parteigenossin, die sich bei einem Anschlag selbst verletzt. Mit ihr geht der Glaube an die Reinheit der Ideologie unter.

Klimaproteste und Anti-Covid-Aktionen

Die im Drama geschilderten Themen haben nichts an Aktualität verloren. Der Kampf zwischen Ideologie und Pragmatismus, die Legitimation von gewalttätigen Aktionen zur Verfolgung höherer Zwecke, werden uns bei den grossen Klimademonstrationen oder den Anti-Lockdown-Protesten (Corona) regelmässig vor Augen geführt. In Sartres 70jährigen Originaltext eingefügte Passagen von Yuval Noah Hariri, Naomi Klein oder Tomasz Konicz katapultieren das Stück in das 21. Jahrhundert und erinnern unter anderem an den Konflikt zwischen Klimakollaps und Kapitalismus.

Zu Beginn und am Ende der Berner Inszenierung werden sogar Assoziationen an ein weiteres Polit-Stück aus der Nachkriegszeit geweckt, an «Farm der Tiere» von George Orwell. Fünf Schauspielende tragen Schweinemasken und lamentieren lautstark über Nationalismus, Ideologie und Macht. Menschen benehmen sich wie Schweine, wenn politische Ziele zum Selbstzweck werden und die Menschlichkeit verloren geht.

Titelbild: Die Kommunistin Milva indoktriniert den jungen Intellektuellen Hugo.

Weitere Vorstellungen: www.konzerttheaterbern.ch

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