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Körperkult und Schönheitsideale

Nobody is perfect. Wer würde schon widersprechen, dass nichts perfekt ist, ein Gemeinplatz. Doch die Optimierung des menschlichen Körpers zeigt durch die Jahrtausende, dass die angestrebte Perfektion schon immer einem steten Wandel unterworfen war und eine inspirierende kulturelle Wechselgeschichte belegt, die recht seltsame Blüten treibt, damals wie heute.

Schönheitsideale waren seit den alten Griechen (und auch in früheren Zeiten) von steter Suche nach Vollendung gezeichnet. Entsprach den Hellenen die Ausgewogenheit der Proportionen als wegweisendes Merkmal, zeigte z.B. das Frauenprofil im Mittelalter eine eher virile, maskuline Tendenz. Im Barock wuchs sich das Ideal ins lebensbejahend Üppig-Sinnliche aus, was damals auch den Status des Wohlergehens signalisierte. Verstand die Antike die geistig-seelische wie die körperliche Ertüchtigung als ganzheitliches ästhetisches Prinzip, suchten nachfolgende Kulturen nach neuen Wertvorstellungen. Der menschliche Körper als Statussymbol und als inszeniertes Erfolgserlebnis war aber noch nie so signifikant und marktschreierisch präsent wie in der postmodernen Konsum- und Mediengesellschaft.

Weibliches Schönheitsideal der Hochrenaissance: La Velata von Raffael, 1516

Doch der Reihe nach: Während das Mittelalter noch stark von den geistigen Idealen des Christentums geprägt war und nackte Darstellungen als verwerflich galten, kündigte sich im 15. Jahrhundert mit der Renaissance ein Sinneswandel an, der sich wieder an der griechischen und römischen Antike inspirierte. Das blondlockige oder rotblonde Haar und die schneeweisse Haut wurden dann im Barockzeitalter zu regelrechten Trendsettern, in Sachen nackter und fülliger Opulenz nicht mehr zu bremsen. Die ‹Rubensfigur›, benannt nach dem Barockmaler Peter Paul Rubens, entsprach in der ekstatisch ausschweifenden Ornamentik einem allseits goutierten neuen Bewusstsein.

Peter Paul Rubens: Venus und Adonis, um 1610

In der Modewelt begann sich bereits im 16. Jahrhundert ein Frauenbild abzuzeichnen, das die weibliche Fülle nach und nach ins Korsett zwängte, was die Taille oft dermassen einschnürte, dass sich die Korsettstäbe nicht selten in die sog. Schnürbrust oder in den Unterleib bohrten und die Damen daraufhin an inneren Verblutungen starben. Die Antwort darauf war das wallende, bodenlange Reformkleid, welches der Maler Gustav Klimt während der Wiener Sezession für seine Muse Emilie Flöge entwarf. Sie selbst setzte damit als Schneiderin und Modeschöpferin schon ein Jahrzehnt vor Coco Chanel für die weibliche Befreiungsbewegung auch äusserlich ein Zeichen. Die weit geschnittenen Kleider mit ihren Volants und den von Klimt entworfenen wilden Mustern begeisterten die europäischen Modesalons und verbannten das Korsett in die Mottenkiste.

Emilie Louise Flöge, österreichische Designerin und Modeschöpferin in einem von ihr entworfenen Reformkleid. Sie war die Muse des Malers Gustav Klimt.

Aktuell reicht die Tendenz von mondänen Designer-Klamotten über die  zerrissenen und zerfetzten Jeans bis zur Selfie-Mania und zur Influencer-Glamourwelt, zu Reizüberflutung und hüllenloser Selbstinszenierung, die ich persönlich so gar nicht mit dem Emanzipationsgedanken in Einklang bringen kann. Die Frauen legen sich auf allen Erdteilen schon in jungen Jahren zu Tausenden unters Messer, um Mund, Nase, Wangenknochen, Brüste und Po zu optimieren. Und die Männer eifern ihnen mehr und mehr nach. Sie rennen einem Ideal hinterher, dass sie höchstens vordergründig und lediglich ein paar Jährchen vermeintlich glücklich macht. Die Welt will betrogen sein.

Tätowierter Krieger aus dem Buch von K.v.d. Steinen: «Die Marquesaner und ihre Kunst»

Einen weiteren Aspekt der körperlichen Maximierung erzählt die Geschichte der Tätowierung (englisch Tattou). Sie zeigt sich schon an der 5’330 Jahre alten Gletschermumie Ötzi. 61 geometrische Figuren wurden ausgemacht, die er sich einritzen und mit Kohlepulver einfärben liess. Danach sind auf vielen Erdteilen Tätowierungen überliefert, und auch im europäischen Mittelalter wurden christlich-religiöse Symbole einverleibt. Bis zum modisch attribuierten sog. Permanent Make-up von heute war da noch ein weiter Weg. Es lässt sich füglich darüber streiten, wo die Kunst beginnt und Kitsch oder Geschmacksverirrung enden. Jedenfalls haben Tattous das Stigma der Sträflinge und Matrosen hinter sich gelassen, und auch die Hemmschwellen gegen jegliche Form der Verunstaltung sind Schnee von gestern. Mittlerweile ist die Ritzerei zum hipen Chic und zum Modeaccessoire avanciert, das zu tilgen allerdings nicht ganz schmerzfrei sein soll.

«Körperwelten – Am Puls der Zeit»: Ausstellung in Zürich bis 15. August

Einen etwas makabren Körperkult treibt die Ausstellung „Körperwelten“, die seit 1996 sehr erfolgreich durch Europa tingelt und bis 15. August in Zürich erneut zu bestaunen ist. Ihr Untertitel „Am Puls der Zeit“ offenbart, dass die vom deutschen Hochschullehrer und Anatom Gunther von Hagen initiierte Wanderausstellung keinesfalls über Leichen geht, aber Leichen durchaus kultig thematisiert. In aufwendigen Verfahren werden sie im Plastinarium an der deutsch-polnischen Grenze aufbereitet und in Szene gesetzt, sodass der anatomische Tüftler damit sogar zum Wegbereiter einer Botschaft geworden ist, welche den einstigen Respekt vor dem menschlichen Körper und das natürliche Schamgefühl in einen Voyeurismus umgepolt hat, der die Massen in hellen Scharen anlockt. Kult ist Kult, was wollen wir mehr. Der angebrachte Wandspruch «Was nicht aus dem Herzen kommt, wird ein anderes Herz nicht erreichen», wird von modischem New-Age-Sound untermalt. Aber natürlich: über Geschmack lässt sich nicht streiten, schon gar nicht, wenn er „aus dem Herzen kommt.“

Teaserbild: Jacques-Louis David: Mars von Venus entwaffnet, 1824 / Fotos © Wikipedia

   

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