FrontGesellschaftEs war eine schöne Zeit

Es war eine schöne Zeit

Zwei Frauen, die 1957 in eine Neubausiedlung eingezogen sind, müssen über 90-jährig ihr vertrautes Heim verlassen, weil die Häuser abgerissen werden. Hans Haldimann begleitete sie drei Jahre lang; entstanden ist der stille, anteilnehmende Dokumentarfilm «Kleine Heimat».

Seit den 1950er-Jahren lebt Hanni Isler in einer Wohnsiedlung im Zürcher Sihltal. Nun sollen die Häuser abgerissen werden, um lukrativeren Bauvorhaben zu weichen. Auch das Paar Rosa Zehnder und Kurt Schäfli wird sich nach einer neuen Bleibe umsehen müssen. Von der Kündigung bis zum Umzug begleitet der Filmemacher Hans Haldimann seine drei Hauptfiguren, die aus ihrem Leben von Glücksmomenten und Schicksalsschlägen erzählen, wehmütig zurück- und sorgenvoll in die Zukunft blickend. Daraus entstanden einfühlsame, mit der Handkamera sensibel und diskret eingefangene Porträts einer an Erfahrung reichen Generation, für die Wohnen ein wichtiges Stück Heimat darstellt. Ein zärtlicher, ein liebevoller Film, der berührt, aber auch wütend macht: ein Lied auf kleine Leute.

Siedlung aus den 60er-Jahren

Aus den Anmerkungen des Regisseurs

«Am Rand einer Autobahn, welche die Stadt durchquert, stand eine einfache Wohnsiedlung aus den vierziger Jahren. Allen Mietern war gekündigt worden, die Häuser standen leer. Angesichts des brüllenden Lärms der Autobahn würden da wohl nur wenige von Heimat oder Heimatverlust sprechen. Aber auch hier waren Menschen zuhause gewesen, wohl eher wegen der günstigen Mieten als wegen der Umgebung. Wo sind wohl diese Leute jetzt, fragte ich mich, und haben sie einen Ersatz gefunden für die verlorene Heimat?

Im Lauf der Jahre begannen meine Geschichten vertriebener Mieter in den Hintergrund zu rücken, andere Themen wurden wichtiger. Interessant dabei ist, dass schon meine bisherigen drei Kinofilme zu einer Art von Heimatfilmen geworden sind. Der erste, «Bergauf, bergab», handelt von einer Bergbauernfamilie, die alle paar Wochen vom einen ihrer drei Höfe zum nächsten zieht. Beim zweiten, «Weiterleben», geht es um Folteropfer und den wohl grösstmöglichen Heimatverlust: die Flucht aus der geografischen und die Zerstörung der seelischen Heimat. Der dritte Film schliesslich, «Einfach leben», zeigt Menschen, die versuchen, sich unter möglichst naturgemässen Bedingungen ihre eigene erträumte Heimat aufzubauen.

Um das alles in einem Film erfassen zu können, suchte ich eine bedrohte Siedlung möglichst lange Zeit vor ihrem Abbruch, um noch ungestört den normalen Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner zeigen zu können. Früh genug von einem Bauvorhaben zu erfahren, war aber schwieriger als gedacht; schliesslich kehrte ich zur Methode zurück, der ich schon als junger Lokaljournalist viel Aufregung und Arbeit verdankt hatte: Allwöchentlich studierte ich im städtischen Amtsblatt die Ausschreibungen neuer Bauprojekte. Meine Wochendosis Depression nannte ich das.»

Hanna

Die Protagonisten …

Hanna Isler, 92, ist eine Bauerntochter aus dem Zürcher Oberland. Als sie 1957 mit ihrem Mann und dem ersten Kind aus der Zürcher Innenstadt in die neue Siedlung am Stadtrand zog, empfand sie dies als «Paradies». Hier kamen zwei weitere Kinder zur Welt. Sie ist gelernte Schneiderin; lieber hätte sie im Büro gearbeitet, musste sich aber den elterlichen Plänen fügen. Erst später konnte sie ihren Traum wahr machen. Ihr ganzes Erwachsenenleben arbeitete sie neben dem Haushalt und der Betreuung ihrer drei Kinder auswärts. Anfänglich half sie mit ihrem Lohn, die Einkünfte ihres Mannes zu ergänzen. Dann trennte sie sich von ihm und lebte fortan als «alleinerziehende Mutter». Nie war von ihr eine Klage über die Mühsal der Doppelbelastung zu hören. Noch heute ist sie rüstig und führt ihren Haushalt selbstständig. Einmal pro Woche bewirtet sie die Familie ihres Sohnes. Dann sitzen vier Generationen am Tisch. Dass Hanni nur noch auf Zeit in ihrer Wohnung bleiben kann, macht sie manchmal traurig.

Rosa und Kurt

Rosa Zehnder, 91, ist im Kanton Aargau aufgewachsen. Schon früh verlor sie ihren Vater, die Familie musste mit wenig Geld auskommen. Auch sie lebte später in der Zürcher Innenstadt, bevor sie mit ihrem Mann in den Neubau am Stadtrand zog. Mit ihren vier Söhnen war sie in einer Vierzimmerwohnung von 60 Quadratmetern. Sie ist gelernte Krankenschwester. Als sie ihren grossen Haushalt zu betreuen hatte, gab sie den Beruf auf, stieg erst wieder ein, als die Söhne erwachsen waren. Sie erlebte in ihrem Leben viel Schweres. Nach langer Krankheit starb ihr Mann, einen Sohn verlor sie schon als Zwölfjährigen. Trotz allem ist sie nicht verbittert, sondern lebt zuversichtlich und lacht gern. Dazu trägt wohl auch bei, dass sie wieder einen Mann kennengelernt hat, mit dem sie zusammenlebt.

Das ist Kurt Schäfli, Jahrgang 1938, in St. Gallen geboren, ebenfalls aus einfachen Verhältnissen stammend, der unter anderem als Bankangestellter gearbeitet hatte. Nach der Pensionierung lebte er mit seiner Frau in Holland und kehrte nach Zürich zurück, als diese gestorben war. Noch immer können Rosa und Kurt schäkern wie Jungverliebte. Im Lauf der Jahre übernahm Kurt immer mehr die Führung des Haushalts und entwickelte sich unter Rosas kritischen Augen zu einem guten Koch.

Bagger im Einsatz

… und der Regisseur

Der Filmemacher Hans Haldimann wurde 1953 in Wädenswil geboren. Nach seiner Ausbildung zum Primarlehrer studierte er Geografie, Soziologie und Geschichte an der Universität Zürich. Ab 1982 war er freier Journalist für Printmedien, ab 1986 Fernsehreporter, Autor von Dokumentarfilmen, ab 2002 auch Kameramann. Haldimann, der mit seinen Werken stille und dennoch eindringliche Geschichten erzählt, hat mit «Kleine Heimat» ein weiteres Mal über einfache Menschen einen Film geschaffen und darin verborgene Wirklichkeiten sichtbar gemacht. Er versteht es, mit seiner Handkamera und seiner Empathie uns miterleben zu lassen, was diese bewegt. Unterstützt durch die Zusammenhänge schaffende Montage von Mirjam Krakenberger und die Emotionen weckende Musik von Linda Vogel, ist ihm – eingebettet in den Kreislauf des Jahres, der Natur und der Mitmenschen – ein intensives Werk über das Alter gelungen: ein Film am Puls des Lebens.

Titelbild: Hanni Isler

Anmerkungen des Regisseurs Hans Haldimann

Regie: Hans Haldimann, Produktion: 2020, Länge: 95 min, Verleih: Xenixfilm

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