FrontKulturGedichte über das Alter: Zurücktreten aus der Erscheinung

Gedichte über das Alter: Zurücktreten aus der Erscheinung

Was bedeutet alt werden, vergänglich sein, sterben? Ist es das, was Dichter aus allen Weltgegenden dazu sagen?  In einem Gedichtband über das Altern, herausgegeben von Prof. Dr. Helmut Bachmaier (Bild), können Interessierte ihren Fragehorizont vermessen und ihren momentanen und möglicherweise wechselnden Standort ergründen. 

Helmut Bachmaier schreibt in einer Vorbemerkung, er habe die 113 vorliegenden Gedichte ausgewählt aus einem Fundus von über 3500 Gedichten aus verschiedenen Epochen und Weltgegenden. Einige bekannte Gedichte über das Altern mag man vermissen, andere sind Entdeckungen, die Gemüt und Geist erhellen.

Die Gedichte sind in Gruppen unter folgenden Titeln geordnet: Über das Alter; Alterslob; Altersklage; Altersresignation; Übergänge; Altersgrotesken; Frauenaltern – Männeraltern; Altersprotest; Erinnern – Vergessen; Veränderungen – Spiegelungen; Generationenbeziehungen; Vergänglichkeit; Altersnarzissmus; Altersliebe; Lebensbilanz.

Ist Altern ein Zurücktreten aus der Erscheinung (so Goethe übers Altwerden) oder ein Zurücktreten aus Rollen, Ämtern und Würden… oder ein altershalber Rausgeworfenwerden aus Verhältnissen, die man liebte, was zu Altersklagen führen mag. Oder ist es eine Befreiung aus sozialen Anpassungszwängen und engen Verhältnissen, was Alterslob oder Altersprotest zur Folge haben kann. Erinnerungen an die eigene Grossartigkeit (Altersnarzissmus) werden in Übergängen zu einem Vergessen, was man alles vollbracht hat. Was bleibt, wenn alles vergänglich ist?

Hier acht Zitate aus dem Lyrikband:

  • Was ist dies Ich nicht alles schon gewesen/ und immer wieder spielt’s die alten Spiele
  • er wurde alt und vergass vorgestern sich selbst
  • Friedlich und heiter ist dann das Alter
  • Mir bleibt genug! Es bleibt Idee und Liebe
  • Die Schweigsamkeit besteht aus neunzehn Sorten
  • und noch viele viele viele viele viele/geburtstage im kreise der familie
  • Seinen Wintermantel wird/Keines der Kinder so recht von Herzen/Haben wollen
  • Sofort nun wende dich nach innen,/ Das Zentrum findest du da drinnen

Erraten Sie die Autor*innen, Epochen oder Weltgegenden, aus denen die  Zitate stammen? Gerne können Sie den Textzusammenhang der Zitate selbst aus dem Sammelband rekonstruieren und mit Ihrem eigenen Leben, Denken und Handeln in Verbindung bringen.

Drei Fragen an Prof. Bachmaier

Seniorweb: In Ihrem Nachwort vergleichen Sie Stilmerkmale von Jugend- und Alterswerken von einigen Dichtern. Könnten Stilmerkmale in dichterischen Texten auch Hinweise geben auf alterstypische Lebensstile? Vergleichen wir drei Merkmale: Jugendwerken sei Aktion und Wirken eigen, Alterswerken Betrachtung und Verinnerlichung? Jugendwerken emotionale Fesselung, Alterswerken Befreiung resp. Isolation? Jugendwerken Erlebnis, Alterswerken Ganzheit, Welthaltigkeit? 

Helmut Bachmaier: Der «Stil» eines Gedichtes bezeichnet seine Ausdrucksqualitäten. Ein Altersstil kann als Ausdruck einer Lebenslage oder Lebensform in Verbindung mit einem Individualstil, also einer individuellen Sprache und Wortwahl, verstanden werden. Altersstile sind Spiegelbilder der Befindlichkeit älterer Wortartisten.

Wenn Merkmale aus den Texten isoliert werden, ergeben sich Rückschlüsse auf alterstypische Lebensstile. Hinter einem melancholischen oder einem humorvollen Stil steht jeweils eine andere Einstellung. Die von Ihnen zitierten Unterschiede wurden vor allem an den Gedichten Goethes herausgearbeitet.

Sie haben in Ihrer Sammlung auf religiöse oder spirituelle Gedichte des Trostes angesichts der vielfältigen Formen des Leidens im Alter, der Vergänglichkeit und des Sterbens verzichtet. Warum?

Unter der Rubrik «Vergänglichkeit» sind 12 Gedichte versammelt: von Gryphius über Rückert bis Whitman, Borges, Szymborska und Friederike Mayröcker mit ihrer «Ode an die Vergänglichkeit». Deren Gedicht «Wird welken wie Gras», zu dem sie noch eine «Nachschrift» für diesen Band geliefert hat, ist allein durch die ästhetische Qualität ein vollendetes und damit auch trostreiches Liebes-Toten-Gedicht. Ausserdem sind unter den Überschriften «Über das Alter» und «Altersklage» sowohl trostreiche als auch trostlose Dichtungen zu lesen, die zum Teil religiöse Fragen ansprechen. Eine stark religiös geprägte Anthologie war nicht mein Ziel.

Im Jahre 2015 haben Sie ein Buch mit dem Titel Lektionen des Alters. Kulturhistorische Betrachtungen veröffentlicht. Welche Lektionen von 2015 gelten auch 2021 noch und welche sind durch Ihre Arbeit an diesem Sammelband hinzugekommen?

Im Buch 2015 ging es um die Begründung einer Alterskultur, die in der lebenslangen Förderung der Persönlichkeitsentwicklung ihre Aufgabe finden sollte. Das gilt bis heute. Bei der Sammlung der Altersgedichte war am beeindruckendsten: die schier unbegrenzte Fülle und nicht versiegende Gestaltungskraft der Kreativität im Alter.


Prof. Dr. Helmut Bachmaier (geb. 1946) lehrt bis heute an der Universität Konstanz in der Fachgruppe Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften. Mit Altersfragen hatte er sich als Wissenschaftlicher Direktor der Tertianum-Gruppe und Präsident der Tertianum-Stiftung  befasst und u. a. folgende Werke veröffentlicht: «Die Zukunft der Altersgesellschaft. Analysen und Visionen.»(2005); «Der neue Generationenvertrag», Hrsg. (2005); «Lektionen des Alters. Kulturhistorische Betrachtungen» (2015).

Zurücktreten aus der Erscheinung. Gedichte über das Alter. Hg. und mit einem Nachwort von Helmut Bachmaier. Göttingen 2021 (Wallstein Verlag). 252 S. ISBN 978-3-8353-3937-8.

 

1 Kommentar

  1. Ich finde, dass Altern a) die Kunst: sich zu seiner Familie, besonders seinen Kindern möglichst richtig ausdrücken
    b) innerhalb der menschlichen Gesellschaft seine Empfindungen möglichst ungeniert darlegen
    c)sein (vom Leben her) dünner gewordenes menschliches Umfeld (beidseitig d.h. sowohl vom Umfeld, als auch von Familie und Verwandtschaft bzw. inkl. Freunden, Schulkameraden her «im Rahmen seiner Beziehungen» und auch des Möglichen zu erhalten

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