FrontKolumnenDer Gipfel in Genf: Wie es war und jetzt

Der Gipfel in Genf: Wie es war und jetzt

Es war garstig nasskalt am 20. November 1985. Ich hatte drei Sicherheitskontrollen zu passieren. Die erste war von Schweizer Soldaten in den damals lotterigen Kampfanzügen bewacht, an der zweiten standen Genfer Polizisten, an der dritten waren es zivile Sicherheitskräfte. Alle wollten meine Ausweispapiere sehen, kontrollierten meine mehrfarbige Akkreditierungskarte. Zu Fuss hatte ich das Gelände um die Villa Reposoir zu betreten, den Sitz der Genfer Bankiersfamilie Pictet. Rechts vor der Villa war eine Zuschauertribüne für die Weltpresse aufgebaut, auf der sich bereits einige Journalisten und Kameraleute tummelten, sich vor dem Regen schützten, sich einzurichten begannen. Vor der Villa tauchten von Zeit zu Zeit immer wieder Männer auf, ab und zu eine Frau, sportlich elegante, wohl gut gekleidete US-Sicherheitsleute, etwas plumper, eher schlecht gekleidete Männer, wohl aus der damaligen Sowjetunion. Alle harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Alle warteten auf die ganz Grossen dieser Welt, auf Ronald Reagan und Michael Gorbatschow, die sich hier zu ihrem Abschlusstreffen einfinden werden. Etwas unschlüssig stand ich da. An sich hatte ich eine ganz besondere Akkreditierung erhalten; ich durfte die Villa betreten, weil ich zum Abschluss des Treffens mit Bundespräsident Kurt Furgler ein Interview zu führen hatte. Durfte ich jetzt schon oder erst später die Villa betreten? Ein offizieller Presseattaché, wie er sich vorstellte, bemerkte meine Unsicherheit, er kontrollierte meinen Badges und geleitete mich in die Villa, nicht ohne mich darauf aufmerksam zu machen, dass die Journalisten, die in die Villa zugelassen wurden, sich strikt an die jeweils erteilten Weisungen zu halten hätten. Wir wurden im Gang nach dem Foyer verteilt. Vorne vor dem Sitzungszimmer warteten bereits Bundespräsident Kurt Furgler und seine Entourage. Andächtige Stille herrschte. Leise rätselten wir, was hat das historische Treffen hier in Genf wohl wirklich gebracht?

Plötzliche Aufregung. Die beiden Delegationen treffen sich im Foyer. Beschwingt, aufgeräumt begrüssten sich die beiden. Mehrmals hatten sie sich getroffen, bei zwei privaten Dinners hatten sie sich besser kennen gelernt. Irgendwie hatten wir das Gefühl, die beiden mögen sich. Die Delegationen nahmen Platz im Sitzungszimmer. Mit ihnen auch die Schweizer Delegation. Wir durften einen kurzen Augenschein nehmen. Bald darauf verliess auch Bundespräsident Kurt Furgler das Sitzungszimmer. Reagan und Gorbatschow wollten unter sich bleiben. Und wir warteten.

Historisch war das Treffen nicht wegen der Ergebnisse, die erzielt wurden, sondern weil sich zwei Männer kennen lernten und was darauf folgte: die Entspannung zwischen den beiden Supermächten. Die Abrüstungs-Verhandlungen nahmen einen neuen Anlauf. 1989 fiel der eiserne Vorhang. Gorbatschow entliess die DDR aus seinem Machtbereich. Deutschland konnte sich vereinigen. Die Sowjetunion zerfiel. Gorbatschow, der Vater der Perestroika und von Glasnost, fiel in Ungnade, verlor die Macht.

Am 16 .Juni treffen sich Joe Biden und Wladimir Putin in Genf. Sie werden sich nur während  ein paar Stunden und nicht mehrmals während Tagen treffen. Sie werden nicht miteinander dinieren. Und sie werden nicht von einem polyglotten Bundespräsidenten empfangen werden, der während der ganzen Zeit präsent war, einen umsichtigen Gastgeber abgab. Alles wird weit nüchterner ausfallen. Und dennoch ist nicht auszuschliessen, dass sich die beiden ihrer Verantwortung bewusst werden, sich näher kommen und die Themen angehen, welche die Welt friedlicher machen könnten: Bewegung im Nahostkonflikt, ein Ende des Bürgerkriegs in Syrien, der Machtanspruch Chinas durch die neue Seidenstrasse, Putin autoritäres Verhalten nach innen, sein Konflikt mit der Opposition, mit Nawalny, die Corona-Krise und ihre Auswirkungen und nicht zuletzt: der weltweite Klimawandel.

Joe Biden wird einem Mann gegenüber sitzen, den er verachtet, gar einen „Mörder“ nannte, einem Mann, der Russland eine neue, eine starke Rolle in der Weltpolitik verleihen will, von einem starken Eurasien träumt. Wladimir Putin sieht sich einem amerikanischen Präsidenten gegenüber, der höchst selbstbewusst agiert, der selbst Boris Johnson letzte Woche wegen seiner Irland-Politik in die Schranken wies, der Europa wieder voll in das transatlantische Bündnis eingliedern will. Die Balance zwischen den beiden Weltmächten wird neu austariert. Und ganz bestimmt wird das beidseitige Verhältnis zu China eine ganz besondere Bedeutung erlangen. Neigt sich Putin eher Peking zu oder sucht er eine eigene Rolle im Machtspiel der Weltmächte?

Vor 35 Jahren spielten zwei Frauen und ein Mann wichtige Rollen: Raissa Gorbatschowa, die charmante Frau des Sowjetherrschers, und Nancy Reagan, die selbstbewusste Gattin Reagans. Beide hatten sich für das mehrtägige Treffen eingesetzt, es gar im Hintergrund mitlanciert. Und Kurt Furgler, unser damalige Bundespräsident: Er begrüsste die beiden Staatsmänner in Russisch und in Englisch. Er repräsentierte unser Land in bester Laune und  Verfassung. Er war ein begnadeter Gastgeber, der die Rolle unseres Landes, als Ort der Begegnung, als Ort der Humanität, des Internationalen Roten Kreuzes, als Staat, der zu vermitteln weiss, eloquent in den Vordergrund zu rücken verstand, der Weltpresse bewies, zu was unser Land in der Lage ist. Vor dem Interview wischte er den Schweiss von der Stirn und atmete auf: „Es ist geschafft.“

Und Guy Parmelin, wird er an Furglers Rolle anknüpfen können oder eher Kritik entgegennehmen müssen, wegen unserer Steuer-, unsere Europapolitik? Joe Biden ist auch das zuzutrauen. In seiner ersten Rede zur Lage der US-Nation hat er es nicht unterlassen, die Schweiz als eine der Steueroasen zu kritisieren.

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