FrontDigitalKunden zu finden ist sportlicher geworden

Kunden zu finden ist sportlicher geworden

Fünfzehn lange Monate blieben wir zuhause. Haben uns mit Zoom und Teams eingerichtet. Ohne dem Burgfrieden ganz zu trauen, wagen wir uns jetzt nach draussen. Um zu schauen, ob sich die Welt verändert hat. Sie hat sich. Ein Augenschein an der Mobile World Conference 2021 in Barcelona. Und ein paar Feststellungen weiter unten.

Vor 15 Monaten schloss die letzte Mobile World Conference in Barcelona ihre Tore. Letztes Jahr war Sendepause. Dieses Jahr am Eingang der weltgrössten Mobilfunkmesse ein ungewohntes Bild: keine Warteschlangen, kein Gedränge und Gedrücke, keine pfeifenden Polizisten, die versuchen, einen unlenkbaren Verkehr zu lenken, keine Streiks von Mitarbeitern der öffentlichen Dienste, die damit ihre Löhne verbessern wollen und sich dabei den Zorn von Zehntausenden von Gästen holen, die ihnen sicher nicht helfen können, keine genervten Securities, die die Besucher herumjagen, in der hoffnungslosen Absicht, den Menschenfluss zu steuern. Nichts von alledem. Hingegen leere Eingänge, Mitarbeiter, die auf jeden Kongressbesucher warten, sogar Zeit haben, freundlich zu sein. Soweit sich das hinter der Maske erkennen lässt. Diese ist Pflicht, ebenso wie ein aktuelles COVID-Testergebnis.

Viel Mut bewiesen

Den Veranstaltern der MWC21 ist zu gratulieren. Zum Mut, den sie hatten, Kongress und Messe durchzuführen. Sie haben den Anlass, der früher acht und mehr Hallen beanspruchte, auf drei konzentriert. Die Start Up-Messe 4YFN (Four Years From Now) haben sie von einem anderen Standort in die Hauptmesse verlegt. Spanien und die Provinz Katalonien haben vermutlich tief in die Tasche gegriffen, um Aussteller zu finden und eigene Produktionen zu zeigen. Den Besuchern haben die Veranstalter tolle Erlebnisse geboten.

Das wiedergefundene Messegewusel macht Freude.

Der Not gehorchend sind die Hallen sehr locker eingerichtet. Mit den wenigen Besuchern als sonst wirken sie noch leerer. Dafür mit Standmitarbeitern, die interessiert sind, Auskunft zu geben und, so man will, auch Zeit haben dafür. Was auffällt: keine Besucher aus Asien. Und auch weniger asiatische Aussteller. Da und dort bloss ein Stand mit einer Marke, die auf Produkte hinweist, und den QR-Code: „Schaus’ dir an, wenn du magst, und schreibe uns, wenn du willst». Die Chatbox wird den ersten Kontakt herstellen.

Auch an einer kleinen Messe lernt man viel

Die Referatsräume und Auditorien für Vorträge und Panels sind kleiner als sonst und covidgerecht bestuhlt. So sitzen wir weit auseinander. Da viele Sitze unbesetzt bleiben, wirken die Säle leer. Referentinnen und Referenten, die teils vor Ort sind und teils zugeschaltet werden, engagieren sich dafür, als sässen tausende im Saal. Der Funke springt über, auch die Zuschauer sind aufmerksamer. Fast alle bleiben bis zum Schluss der Veranstaltung.


Wer spricht, darf die Maske weglegen. Wer schweigt, trägt auch auf dem Podium Maske.

„Getting back to business, getting back together» lautet ein Motto der Messe. Wir waren brav, lasst uns jetzt wieder zusammenkommen. Und miteinander untersuchen, was sich geändert hat auf der Welt. Hier eine Auswahl.

Menschen bewegen sich leicht im Internet

Erstens: Covid hat die Digitalisierung beschleunigt. Die Menschen verbrachten mehr Zeit am Rechner und wurden vertrauter mit Onlineangeboten. Der Bedarf nach Produkten und Dienstleistungen aus dem Internet ist explosionsartig gestiegen. Für Produkte und Marken sind es taffe Zeiten. Kunden sind geübter und kundiger. Das nächste Angebot ist ein Klick daneben. Wer seine Produkte und Marken nicht klar, eindeutig, nachvollziehbar und relevant positioniert, geht unter. Starke Marken werden in Zukunft stärker, diffuse oder verwässerte schwächer. Oder gehen vergessen und allmählich ganz unter. Die intensive Nutzung des Internets für alle möglichen Dienste, die schon vor Covid zu beobachten war, hat während der Pandemie und der langen Zeit zuhause richtig Fahrt aufgenommen.

Wer hätte das gedacht?

Zweitens: Es geht alles auch von zuhause aus. War eine Umstellung der Gewohnheiten bis Anfang Jahr 2020 völlig undenkbar, hat Covid in wenigen Tagen die Welt, die Menschen und ihre Rituale in Arbeit und Begegnung fundamental verändert. Reisten wir jahrelang zu Sitzungen und geselligen Begegnungen mehrmals wöchentlich nach Berlin, München, Wien oder Paris, war das auf einen Schlag nicht mehr möglich. Und wie sich herausstellte, auch nicht mehr nötig. Die Welt traf sich zuhause am Bildschirm und ging dabei nicht unter. Ja, sie wurde da und dort produktiver. Auch wenn ich zugestehen muss, dass mir die sinnlosen Pausen in den Flughafenlounges allmählich zu fehlen begannen.

Von Privilegien und Hindernissen

Drittens: Privilegiert waren Menschen, die technisch gut ausgerüstet waren, genug Platz hatten und über gute Verbindungen verfügten. Sie fanden sich rasch zurecht. Davon profitierten aber nicht alle. Abgesehen von Familienprogrammen, deren Bewältigung plötzlich anspruchsvoller wurde, gab es in anderen Ländern und Kontinenten Millionen von Menschen, die Covid und Lockdown abgehängt haben. „Digital engagement» ist gut und recht, wenn die Infrastruktur stimmt und die Verbindungen verlässlich und qualitativ gut sind. Sonst droht rasch soziale Vereinsamung.

Kampf gegen digitale Engpässe

Viertens: Die Nutzung von Netflix und anderen Diensten stieg sprunghaft an. Das braucht Bandbreite. Und ist für die Mobilfunkindustrie eine riesige Herausforderung. Kein Wunder dominierten in Barcelona Themen wie 5G, 6G und 7G. Und Applikationen und Geschäftsmodelle dazu. Der Bedarf nach leistungsfähigen Verbindungen nimmt sprunghaft zu. Ohne entsprechende Infrastruktur wird es bald knapp im Netz, auch bei uns. Moratorien hin oder her. Die Industrie wird die Einführung von 5G zeitlich forcieren. Man spricht schon von Mitte dieses Jahrzehnts. Auch wenn die Lockdowns die Standardisierungsarbeiten gebremst haben, die vor der Markteinführung nötig sind. Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten.

Netzwerkneutralität ade

Fünftens: In Zusammenhang mit 5G wurde oft der Begriff des «Slincings» genannt. Das ist so zu verstehen, dass bestimmten Nutzergruppen Teile des Netztes käuflich und exklusiv für sich beanspruchen. Vergleichbar mit dem Stockwerkeigentum. In diesem «Slice» entwickeln sie ihr Geschäftsmodell für und mit ihren Kunden. Auf solche Geschäftsmodelle wartet die Mobilfunkindustrie. Interessenten sind bekannt. Auch die Radio- und TV-Branche gehört dazu. Individuelle, proprietäre Geschäftsmodelle bilden aber auch das Aus für die Netzneutralität. Im Gegenteil: Es kann keine Netzneutralität geben, weil die Geschäftsmodelle sonst gar nicht funktionieren würden.

Wer hütet meine Daten?

Sechstens: Leistungsfähige Verbindungen sind schön und gut. Aber sie nützen wenig, wenn sie gehackt werden. Also wird Cybersicherheit zum zentralen Thema überhaupt. Das zeigte sich an der MWC21 im neuen Cloud Village, wo viele Startups ihre Cloudlösungen zeigten. Was nützt es mir, wenn ich die Daten in meiner Cloud jederzeit von überall her abrufen kann, sie aber gehackt und missbraucht, ja sogar gegen mich verwendet werden können? Im Risk Management von Staat und Unternehmen gehört Cybersicherheit in die obersten Zeilen. Je länger je mehr auch in jenem des privaten Haushalts.

Kreative gehen nie unter

Siebtens: Die Startup-Welt boomt, als ob es kein Covid gegeben hätte. Im abwechslungsreichen Messeteil 4YFN wird vieles gezeigt, worauf die Welt nicht gewartet hat. Das aber Kreativität, Ideen und unternehmerischen Mut beweist. Dafür gehört jedem einzelnen Startup Lob und Respekt. Die Themen sind bekannt: Medizin und Gesundheit, Finanzen und Investieren, Reisen und die Welt kennenlernen, Selbsthilfe aller Art. Bloss: Wo bleibt die Reichweite dieser neuen Angebote? Wo sind die Geschäftsmodelle, wo die Refinanzierung der Idee? Wer sich als Investor ausgab, wurde bald belagert.

Wer Tempo erreicht, gewinnt den Match

Achtens: Covid hat die Welt überrascht und überrumpelt. Noch selten mussten sich so viele Menschen so rasch umstellen. Tempo brauchten auch Anbieter. Eine Agentur hatte im März 2020 eine Kampagne für «Fanta» vorbereitet. Motto: «Triff Deine Freunde, hab Spass mit ihnen und trink Fanta dazu». Dann kam Covid. Die Agentur baute ihre Kampagne über Nacht um. Das Motto lautete nun: «Bleib zuhause, vernetzte Dich mit Deinen Freunden, hab Spass mit ihnen und trink Fanta.» Erfolgreich wird in Zukunft noch mehr sein, wer die Realität rasch erkennt und akzeptiert und Herausforderungen im Nu zu Lösungen umbaut. Die Kluft zwischen Erfolg und Untergang wird grösser, sagte eine Referentin: «There will be big winners and big loosers».

Auch Barcelona findet zurück ins Leben

Noch sind viele Hotels und Restaurants in Barcelona geschlossen. Oder werden nie mehr öffnen. Aber langsam findet die Stadt zurück zum Leben. Wer immer hier lebt, sagt, die Stadt habe noch nicht zu ihrer Form zurückgefunden, die sie vorher hatte. In den Gassen kommt man gut aneinander vorbei, was in anderen Sommern kaum möglich war. Die Strände sind gut belegt, aber vor allem mit Einheimischen. Sogar der Strassenverkehr ist für seine lokalen Verhältnisse nahezu geordnet. Louise Bonenfant, die im Gotischen Viertel im eigenen Atelier wunderschöne Lederwaren entwirft und herstellt, ist zuversichtlich: «Es wird von Woche zu Woche besser, die Menschen kommen zurück, die Stadt lebt wieder».

Titelbild:  Ein Bereich war Cloud-Lösungen gewidmet. Bilder: Jürg Bachmann

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