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Die Stadt als Bühne

Nun begegnet man ihnen wieder, den Nachtwächtern, Edeldamen, Herzögen und Geschichtenerzählerinnen: Szenische Stadtrundgänge mit Schauspielenden sind in allen grösseren Schweizer Städten populär wie nie zuvor.

Die eigene Stadt anhand von Geschichten und konkreten Themen besser kennenlernen: Szenische Stadtführungen sind in den vergangenen Jahren von St.Gallen bis Fribourg, von Basel bis Luzern aus dem Boden geschossen. Tourismusorganisationen, Vereine, Kollektive, aber auch Einzelpersonen bieten die unterschiedlichsten Rundgänge an. Ziel der Anbieter ist es, auf ebenso unkonventionelle, wie unterhaltende Weise aus früheren Zeiten zu berichten.

Oft stecken tiefschürfende historische Recherchen in den Dossiers. Vielerorts werden die Rundgänge von Regisseurinnen und Regisseuren erarbeitet und mit den Spielenden einstudiert. Nicht selten sind auch politische Botschaften in die Angebote verpackt.

Das Konzept der szenischen Stadtführungen stammt ursprünglich aus Deutschland, wo schon in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts entsprechende Veranstaltungen stattfanden. In der Schweiz haben der Soziologe und Dozent Mark Ricklin sowie Selina Ingold ein Grundlagenwerk geschaffen und mit Studierenden der FHS St. Gallen die Stadt Rorschach während vier Jahren (2005-2009) in eine Bühne verwandelt. https://stadt-als-buehne.ch/projekt/ Auch andere Schweizer Städte verwandeln sich im Sommer jeweils in Theaterbühnen.

In Zürich thematisiert die Schauspielerin Margrita Wahrer das Leiden der Anna Göldi, der letzten Hexe der Schweiz, die 1782 hingerichtet wurde. Es geht um Hexenwahn, Aberglaube und den Ablauf des peinlichen Verhörs während der Folter. Der Rundgang liegt voll im Trend, gehört doch die Hexenverfolgung zu den historischen Themen, die in der Schweiz noch einer umfassenden Aufarbeitung harren. http://www.theatertours.eu/pages/annagoeldi.php

Spielende erzählen an der Limmat über berühmte Zürcher Persönlichkeiten. Foto ZVG/Frauenstadtrundgänge.

Ebenfalls in Zürich werden Frauenstadtrundgänge zu den Themen «50 Jahre Frauenstimmrecht», «Fräulein, zahlen bitte», «Von Brot, Krieg und Klassenkampf» u.a. angeboten. Die Führungen sind Entdeckungsreisen in die Geschlechtergeschichte Zürichs. Unscheinbare Orte erhalten überraschend neue Bedeutung, scheinbar Altbekanntes offenbart ungewohnte Seiten. Von zwei Historikerinnen geleitet, lassen Sprecherinnenwechsel, szenische Einlagen, Zitate, Bild- und Anschauungsmaterial das Erzählte lebendig werden. https://www.frauenstadtrundgangzuerich.ch/ Ähnliche Frauenstadtrundgänge gibt es in Luzern, Fribourg, Zug, Winterthur, Aarau und Baden.

Basels starke Frauen stehen im Zentrum der Ausführungen von Bettina Siegrist: Mäzeninnen und Sandfrauen. Foto Basel Tourismus

Am Rheinknie erzählt die Stadtführerin Bettina Siegrist über weibliche Persönlichkeiten der Stadt Basel. Was bewegte die Frauen in alten Zeiten im Gegensatz zu heute? Zu den beeindruckenden Frauen gehörten die Sandfrauen, die bis vor 100 Jahren von Haustür zu Haustür zogen und kiloweise Sand verkauften, damals ein Grundbestandteil von Universalreinigungsmitteln schlechthin. Auf der Führung erfahren die Besuchenden mehr über das ebenso zurückhaltende wie einflussreiche Wirken von Mäzeninnen wie Maja Sacher oder Maja Oeri. Ohne sie hätte sich Basel nicht in gleichem Masse zu einer Kulturstadt entwickelt. http://www.Basel.com/de/stadtfuehrungen

Wer brachte Oberst Alboth um? Noch ist die Akte unter Verschluss. Foto StattLand.

In der Bundesstadt Bern bietet der Verein StattLand eine Vielzahl szenischer Führungen an. «Unter Verschluss» beschäftigt sich mit Gerüchten um die Existenz der Schweizer Geheimarmee «P26». Inmitten der aufgeheizten Stimmung erschüttert ein Mordfall die Bundesstadt. Wer brachte Oberst Alboth um?

Auf einem Dürrenmatt-Rundgang erfährt man im Jubiläumsjahr, weshalb der berühmte Schriftsteller den Bundesrat vor den Kopf stiess. Die Geschichte der Spionage in Bern wird von www.stattland.ch unter dem Titel «TopSecret – von gefährlichen Geheimnissen» thematisiert. Dabei geht es um eine Patrizierin, die für den Sonnenkönig spionierte und dafür verurteilt wurde, sowie um den späteren CIA-Chef Allen Welsh Dulles, der als «Berner Meisterspion» in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs einging.

In der Berner Altstadt gibt es nicht nur Geheimnisvolles zu entdecken, sondern auch Wundersames zu riechen. Zusammen mit dem Bern Duftatelier «art of scent» hat «Bern Welcome» die Sehenswürdigkeiten der Stadt mit Gerüchen verknüpft und einen Rundgang entwickelt, der sprichwörtlich der Nase nach führt. Am Ende der Führung kreieren die Gäste ihren eigenen Bern-Duft.  https://www.bern.com/de/detail/bern-der-nase-nach

Auf den Spuren der Baronin: Franziska Streun in Aktion. Foto ZVG

In Thun erzählt die Journalistin und Autorin Franziska Streun aus ihrem neusten Buch «Die Baronin im Tresor». Die aus der Rothschild-Dynastie stammenden Baronin Betty Lambert floh nach dem Ersten Weltkrieg aus ihrer arrangierten ersten Ehe in die Schweiz und lebte während Jahrzehnten auf dem Bonstettengut in Gwatt. Dort hielt sie Hof, empfing das internationale Geistesleben, half Verfolgten auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus, fungierte als informelle nachrichtendienstliche Anlaufstelle und wurde ihrerseits vom Schweizer Geheimdienst kritisch beobachtet. https://franziskastreun.ch/aktuell/


Marie-Christiane Egger in einer ihrer vielen Rollen in Solothurn. Foto ZVG

Wenn Marie-Christiane Egger als Bettelweib oder Edeldame durch die Stadt Solothurn zieht, staunen höchstens Auswärtige. Die Stadtführerin und ihre unzähligen Kostüme gehören zum Stadtbild. Die 58-Jährige ist ausgebildete Krankenschwester, arbeitet heute tagsüber als Podologin und wäre eigentlich gerne etwas anderes geworden. Seit 30 Jahren bietet sie szenische Führungen an. Egger zeigt historische Figuren und bringt mit Anekdoten die Besuchenden zum Lachen und Nachdenken. https://www.solothurn-stadtfuehrungen.com

Mit der Schauspielerin Judith Michel unterwegs durch die Luzerner Belle Epoque. Foto Elge Kenneweg / Luzern Tourismus

In Luzern lässt sich eine noble Hausdame auf einem Spaziergang anno 1899 begleiten. Gastgeberin ist die Schauspielerin Judith Michel. Während der theatralischen Führung treffen die Besuchenden berühmte Zeitgenossen der Hausdame. An den Table d’hôte geht es zu und her wie im Schlaraffenland, und Luzerns illustre Gäste werden verwöhnt. https://www.luzern.com/de/erleben/fuehrungen/theatrale-entdeckungsreise-in-der-belle-epoque/

Fazit: Der Lockdown ist überwunden. Rundgänge sind wieder möglich. Der Sommer lädt zum Verweilen ein. Weshalb nicht einmal auf einer szenischen Führung mehr über die eigene Stadt, über ein bestimmtes Thema oder vergangene Zeiten erfahren? An Gelegenheiten fehlt es nicht. Bei den hier beschriebenen Rundgänge handelt sich um eine kleine Auswahl. In Schweizer Städten werden weit mehr szenische Führungen öffentlich angeboten und können durch Gruppen privat gebucht werden als hier dargestellt werden. Örtliche Veranstaltungskalender geben einen vollständigeren Überblick.

Titelfoto: Die Schauspielerin Margrita Wahrer als Hexe Anna Göldi in Zürich. Foto ZVG

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