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Reise in die Steinzeit

Letztes Jahr fiel die Reise nach Mittelportugal der Pandemie zum Opfer. Dieses Jahr hatten wir Glück: Im Juni bestanden keine Restriktionen mehr für eine Reise. Den wenig bereisten aber landschaftlich unberührten unteren und oberen Alentejo (Baixo e Alto Alentejo) kennen wenige Touristen. Eines seiner Reichtümer sind Megalithen in unterschiedlichen Formen.

Die Serra de Monfurado ist ein Gebirgszug in Mittelportugal, östlich von Lissabon nahe der spanischen Grenze. Die Landschaft ist Hirtenland und Kornkammer. Leicht gewellt, urtümlich, mit wenig Menschen aber mit einem guten Strassennetz bis auf einzelne kurze Anfahrten zu Megalithen auf Ackerwegen. Neben Kork- und Steineichen, einzeln oder in Gruppen, trifft man auf Ziegen- und Schafherden, ab und zu auch auf die für ihr Fleisch bekannten schwarzen Schweine (porco preto).

Die Bezeichnung „Alentejo“ bedeutet „jenseits des Tejo“, des grössten Flusses in Portugal

Die Gegend zwischen Évora und Montemor-o-Novo ist reich an aussergewöhnlichen archäologischen Stätten. Versetzen wir uns in die Landschaft vor etwa 10’000 Jahren am Ende der letzten Eiszeit. Die iberische Halbinsel war vollständig mit Wald überwachsen und menschenleer. Nomadische Jägerstämme zogen den Hauptflüssen entlang. Im Neolithikum erfolgte ein Umbruch mit dem beginnenden Ackerbau und der Weidewirtschaft (ungefähr 8000 v.Chr.). Die Gegend wurde zu einem wichtigen Zentrum der Megalith-Kultur, zusammen mit Südwest-England, der Bretagne und Malta.

Die Rua do Cano in Évora, der pittoresken Provinzhauptstadt (Unesco-Kulturwelterbe).

Almendres heisst einer der grössten steinzeitlichen Komplexe Europas und eine der ältesten erhaltenen Bauten der Menschheit. Die Anlage liegt etwa 20 Kilometer im Westen von Évora. Mehr als 100 Menhire wurden vor etwa 7500 v.Chr. hier aufgestellt – sie sind tausend bis zweitausend Jahre älter als Stonhenge. Manche sind bis zu drei Meter hoch, teilweise von weither antransportiert, abgerundet und gebaucht. Es muss für die damalige Bauern- und Hirtenkultur ein besonderer Ort gewesen sein.

Almendres – zwei grosse Steinkreise bilden jeweils ein Oval.

Megalithen: Man unterscheidet zwischen einzeln stehenden Stelen (Menhire), Steinkreisen (Cromleques auf Portugiesisch, Crômlechs auf Bretonisch) und Dolmen (aufgestellte Menhire mit einem darüber gelegten Deckstein (Portugiesisch Anta), die, nach den Funden zu schliessen, eindeutig Begräbnisstätten waren.

San Brissos: vier Tragsteine und ein gewaltiger Deckstein wurden im 17. Jahrhundert zu einer Kapelle umfunktioniert.

Die steinzeitlichen Zeugen wurden lange nicht beachtet. Erst in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde ihre Bedeutung erkannt. Die guten Christen hielten sie für heidnische Zeichen. Umgewandelt in eine christliche Baute ist der Dolmen von San Brissos zu einer pittoresken Kapelle geworden. In der Bretagne wurden viele Menhire und Dolmen mit einem Stein- oder Eisenkreuz gekrönt oder es wurden christliche Symbole eingeritzt. Sie wurden also sozusagen getauft.

Einer Riesenechse oder einem Fisch sieht der Castel de Vide Anta de Sobral gleich.

Der Dolmen Anta Grande do Zambujeiro wird wegen seiner Grösse auch „Kathedrale der Steinzeit“ genannt. Er befindet sich südwestlich der Stadt Évora. Er ist heute geschützt durch ein Wellblechdach, leider verrostet, und ohne Einfühlung in den Nimbus des Ortes. Der Kultbau hat einen Gesamt-Durchmesser von 50 Meter und besteht aus einer mehreckigen Kammer und einem langen Gang. Senkrechte Platten bilden einen Kultraum von etwa 5 Meter Durchmesser. Der Anta war mit einem Erdhügel von 6 Meter Höhe und einem Durchmesser von 70 Meter während Jahrtausenden bedeckt. Die Menschen damals hatten offensichtlich die Kraft und den Willen zu einer ausserordentlichen, auch heute beeindruckenden Leistung. Anfang Juni sah man nur ganz wenige Besucher, was der Aura des Ortes zugutekam.

Ein nationales Denkmal ist der Dolmen Zambujeiro. Blick von oben in den Kultraum

Unter den Archäologen gibt es einen alten Streit um die Deutung der Menhire: Phallus-Symbole, oder menschenähnliche, nicht näher bestimmte Figuren? Diese Deutung als anthropomorphe Gestalten wird heute eher unterstützt. Die Bedeutung der Zeichen ist unsicher. Einkerbungen können für Schafhirten stehen, Serpentinenlinien stehen für Wasser und Monde für Fruchtbarkeit. Astronomische Beobachtungen spielten eine Rolle. Steinkreise hatten vermutlich kultische Bedeutungen zur Beobachtung der Gestirne und des Jahreslaufs.

Zum Megalith-Komplex Almendres gehört auch dieser 4.5 m hohe Menhir

Der Cromleque do Xerez in der Nähe des Städtchens Reguengos de Monsaraz steht wieder aufgebaut an einer nicht sehr spektakulären Stelle, da er wegen eines Stausee-Projekts verschoben wurde. Die 55 Menhire sind in der Grösse und in der Herkunft verschieden. Der zentrale Menhir ist fast fünf Meter hoch und über sieben Tonnen schwer. Am Ort des Wiederaufbaus ist auch ein archäologisches Zentrum geplant – noch aber steht kein Stein.

Der Steinkreis von Xerez ist als Ausnahme quadratisch angelegt

Rocha dos Namorados, ebenfalls nahe der Stadt Reguengos de Monsaraz, ist ein riesiger aufgestellter Stein mit einem abgeschrägten Dach. Damit verbunden ist eine Legende, die besagt, dass er der Treffpunkt eines jungen Paares war, dessen Familien sich feindlich waren. Der Vater des jungen Mädchens folgte seiner Tochter und fragte sie, was sie dort mache. Das Mädchen erzählte ihm, dass sie Steine auf den Felsen werfe, um zu erfahren, wie lange sie noch auf ihre Hochzeit warten müsse. Sie lud ihren Vater ein, das Gleiche zu tun, da er Witwer sei. Damit ihr Geliebter, der sich versteckt hielt, dem Zorn des Vaters entgehen konnte, sagte sie ihm, dass es nur funktioniere, wenn er mit dem Rücken zum Felsen stünde und die Steine mit der linken Hand werfe. Der erste Stein blieb auf dem Felsenhut und noch im selben Jahr heiratete er wieder.

Der Rocha dos Namorados – der Stein der Verliebten

Die Tradition besagt, dass junge ledige Frauen am Ostermontag zum Felsen gehen und mit dem Rücken zum Menhir stehend drei Steine mit der linken Hand werfen sollen. Wenn der erste Stein oben liegen bleibt, wird die Frau in diesem Jahr heiraten. Bleibt der zweite Stein liegen, wird sie im folgenden Jahr heiraten und wenn der dritte Stein liegen bleibt, wird sie in zwei Jahren heiraten. Bleibt kein Stein auf der Spitze des Felsens, muss das Mädchen am folgenden Ostermontag zurückkehren.

Das Städtchen Monsaraz mit seinen weiss gekalkten Häusern, Kastell und Wehrmauer

Titelbild: Der Dolmen Ante de Sobral bei Castel de Vide
Fotos: © Inge und Justin Koller

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