FrontKulturKara Walker: Zeichnen - ein politischer Akt

Kara Walker: Zeichnen – ein politischer Akt

Wenige Grossformate und Hunderte von Zeichnungen, Skizzen, Scherenschnitten, Collagen, mit dem Zeichenstift kommentierte Zeitungsausschnitte über Sklaverei fordern im Kunstmuseum Basel das Publikum heraus.

Es ist viel Gewalt in diesen Darstellungen, viel Rassismus und Sexismus, schwer zu ertragende Brutalität und unglaubliche kreative Kraft. Als die Leiterin des Kupferstichkabinetts Anita Haldemann vom Kunstmuseum Basel vor ein paar Jahren bei der US-Künstlerin nachfragte, war für die mit grossformatigen Scherenschnitten bekannt gewordene Schwarze Frau die Zeit gerade richtig, ihr Archiv zu öffnen.

The Right Side, 2018, © Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett

Ein Konvolut von rund 600 Zeichnungen aus fast drei Jahrzehnten fand den Weg nach Basel: Eine Ausstellung mit noch nie gezeigten Papierarbeiten direkt aus dem Atelier, kuratiert von Haldemann unter aktiver Hilfe von Walker selbst, ist nun bis im September ausgestellt. Den kryptischen Titel hat die Künstlerin gesetzt: A Black Hole is Everything a Star Longs to Be (Ein schwarzes Loch ist alles, was ein Stern sein möchte).

A Shocking Declaration of Independence, 2018, © Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett

Zufall oder Fügung: Zu einer Zeit, in der das Thema Rassismus mit Black Lives Matter oder auch der globalen Sklavereigeschichte weltweit stärker ins Bewusstsein drängt, zwingt uns diese Künstlerin zur vertieften Beschäftigung mit ihrer Arbeit, die ohne Engagement und radikale Haltung zur Welt gar nicht machbar wäre.

Kara Walker ist 51jährig, eine Schwarze Künstlerin, deren Werk in einer Linie mit Francisco de Goyas Radierungen und den grossen Zeichnern der Renaissance, die bei den Schrecken und Torturen ihrer Zeit auch genau hinschauten, genannt sein will. Und der andere grosse Ankläger des Rassismus, der südafrikanische Zeichner William Kentridge – ein Weisser – schiebt sich ebenfalls ins Bewusstsein.

Yesterdayness in America Today , 2020, Private Archive Kara Walker © Kara Walker

Zeichnen, auch schreiben mit der Hand, ist der direkteste Weg vom Hirn zum Papier und wieder zurück: Wer malt, berührt den Malgrund selten, wer schreibt, bedient heute vorwiegend eine Tastatur. An den Wänden sind eine Art Riesencollagen aus vielen gerahmten Zeichnungen placiert, die untereinander kommunizieren. Welche Geschichten sie erzählen, erschliesst sich oft erst beim längeren Hinsehen. Da fällt die am Boden angekettete von Peitschenhieben malträtierte Frau ins Auge und ein paar Bilder schräg darüber der Peitschende mit Riesenpenis.

Ausschnitt aus einer Rolle mit Skizzen und Notaten.

Besonders packend jedoch die in einer Vitrine gezeigten Rollbilder. Sie sind mehrere Meter lang, und der sichtbare Abschnitt ist ein sehr intimer Blick in Walkers Gedankenreise von einem zum nächsten – Zeichnung und Schrift sich assoziativ ergänzend. Hier wird der Strom des Bewusstseins ganz direkt erfahrbar, können wir nachvollziehen, wie sich hingekritzelte oder -geschmierte Wörter und schnell gezeichnete Figuren zusammenfügen und beim Entstehungsprozess verändern.

Kara Walker konfrontiert die Betrachter ihrer Ausstellung mit der Bestialität der Sklaverei, und des auf deren Abschaffung folgenden Rassismus. Dieser Rassismus ist keineswegs überwunden, aber weitherum verharmlost worden, bis die Rassendiskriminierung mit Trump und seiner Klientel wieder als das sichtbar wurde, was sie immer war: nämlich tief in der Gesellschaft der USA verankert.

Wer sich diese Ausstellung anschaut, muss sich genug Zeit dafür nehmen. Zeit für Walkers Blätter und Zeit für sich.

Nachdem mit der Wahl von Barack Obama ein Traum wahr wurde, begann auch gleich dessen Demontierung, vorgespurt durch seinen Widersacher: Obama sei kein richtiger Amerikaner, seine Präsidentschaft also verfassungswidrig: «Ich habe an diesen ganzen Mist gedacht, den Obama erdulden musste als ikonische Figur eines Schwarzen männlichen Präsidenten. Als nicht nur seine Legitimität als Präsident, sondern sogar als Mensch in Frage gestellt wurde. All diese rassistischen Vorurteile, die angeblich unter der Oberfläche schlummerten, die waren nämlich immer da, nur wurden sie nicht gehört. Bis sie unter Donald Trump wieder eine große Plattform bekamen.» Sagt Kara Walker.

Drei der vier Obama-Porträts. Foto: Jonas Hänggi

Ihr Thema hat sie mit der Figur von Obama auf dem Hintergrund der abendländischen Malerei durchdekliniert: Vier grossformatige Pastellzeichnungen widmet sie dem Präsidenten, zeigt ihn als Heilsbringer, als afrikanischen Stammesfürsten, als Othello mit dem abgetrennten Kopf von Yago alias Donald auf den Knien und schliesslich frei nach Schongauer als von Monstern gequälten Heiligen Antonius. Auch diese und die andern Riesenzeichnungen der Ausstellung sind Notizen aus dem Schwarzbuch der Sklaverei, des Rassismus und des Sexismus. Letztere findet Kara Walker übrigens auch hierzulande ganz nebenbei: Wer kennt die Sexinserate zur erotischen Schoko-Haut und ähnlichem nicht.

Kara Walker im Künstlergespräch über ihre Obama-Porträts sprechend. Bildschirmfoto

Kara Walker wurde 1969 in Kalifornien geboren und zog mit ihrer Familie nach Atlanta, Georgia, als sie dreizehn war. Sie hat dort und später an der Rhode Island School of Design ihre Kunstausbildung machen können und wurde seither oft ausgezeichnet. 2019 wurde sie von der Royal Academy of Arts in London zum Ehrenmitglied ernannt. Bekannt wurde sie mit ihren lebensgrossen Scherenschnitten in den 90er Jahren, deren Schreckenspotential sich oft erst auf den zweiten Blick eröffnet. In der Tate Modern hat sie 2019 die strahlend weisse Riesenplastik Fons Americanus – Sklaverei und Kolonialismus als Heldendenkmal (frei nach jenem der Queen Victoria) – gezeigt.

Ausbeutung, Unterdrückung, Erniedrigung bis zum grauslichen Tod – alles wegen der Hautfarbe. Deutlich sind die Zeichnungen, aber Walker arbeitet auch mit Worten, denen nichts mehr hinzuzufügen ist: This Painting does not exist as Real Speach / as Lynching does not exist as Real Justice (Dieses Gemälde existiert nicht als echte Rede / so wie das Lynchen nicht als echte Gerechtigkeit existiert).

Fealty as Feint (a drawing exercise), 2019, Fredriksen Family Collection, Oslo © Kara Walker. 

Walker blickt hinter die gängigen Mythen und thematisiert damit die Entstehung von kollektiver sowie der eigenen Identität. Einerseits schmerzt die Auseinandersetzung mit diesen Zeichnungen, andererseits stecken eine unbändige Kraft, ein Lebenswille, auch Witz und Ironie darin. Und vor allem ist Walker als Zeichnerin bei der künstlerischen Umsetzung ihrer Ideen absolut überzeugend.

Titelbild: Ausschnitt aus einer Wandinstallation mit Zeichnungen und Gouachen. Foto: ec.

Kunstmuseum Basel bis 26.9.
Hier finden Sie Informationen für den Besuch der Ausstellung

Zur Ausstellung (die später in der Schirn Kunsthalle Frankfurt und im De Pont Museum Tilburg gezeigt wird) ist ein umfangreicher Katalog erschienen. Darin ein Essay von Kara Walker zum Ausstellungstitel. ISBN (dt. Version): 978-3-03764-558-1

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