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Quo Vadis, Aida?

Eine Frau zwischen den Fronten: Die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanić schildert im Spielfilm «Quo Vadis, Aida?» aus Sicht einer Frau den Genozid von Srebrenica und macht daraus ein grossartiges filmisches «Requiem».

Bosnien, 11. Juli 1995. Aida ist eine Übersetzerin für die Vereinten Nationen in Srebrenica. Als die serbische Armee ihre Stadt belagert, gehört ihre Familie zu den Tausenden von Zivilisten, die in einem UN-Lager Schutz suchen. Aida erhält bei den Verhandlungen Zugang zu entscheidenden Informationen. Viele, um hinsichtlich der kritischen Situation im Land gleichgültig zu bleiben. Privat versucht sie alles, um ihren Mann und ihre zwei Söhne zu beschützen, engagiert sich aber gleichzeitig für die Übrigen, um diese vor dem Tod zu retten.

«Dieser Film handelt von einer Frau, die in einem von Männern dominierten Krieg zwischen die Fronten geraten ist. Es geht um Mut, Liebe und Widerstandskraft und auch darum, was passiert, wenn wir nicht rechtzeitig auf Warnsignale reagieren. Ich habe den Krieg in Bosnien überlebt. An einem Tag hat man alles, und am nächsten existiert fast nichts mehr davon. Nur weil wir bestimmte Dinge für unvorstellbar halten, heisst das nicht, dass sie nicht geschehen können», sagt die Regisseurin zu ihrem Film «Quo Vadis, Aida?».


Mit dem Megafon vermittelt Aida Kommunikation

Die Regisseurin und ihr Team

Jasmila Žbanić wurde 1974 in Sarajevo geboren, wo sie ihr Studium in Film- und Theaterregie an der Hochschule der Künste abschloss. Bevor sie begann, Filme zu drehen, arbeitete sie unter anderem als Puppenspielerin und als Clown. Ihr Debütfilm «Grbavica» erzählt von den Vergewaltigungen während des Bosnien-Krieges. 2006 wurde er mit dem Goldenen Bären, dem Friedenspreis der Heinrich-Böll-Stiftung und zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet. Ihr zweiter Film, «Na Putu», handelt von der Liebe im Krieg und feierte 2010 seine Premiere ebenfalls an der Berlinale. 2014 folgte die feine, humorvolle und kluge Liebeskomödie «Love Island». Für ihr noch junges Gesamtwerk wurde sie im gleichen Jahr mit dem Kairos-Preis für herausragende kulturelle Leistungen geehrt. Ihr neuer Film, «Quo Vadis, Aida?», ist eine Hommage an alle Überlebenden kriegerischer Konflikte, die mit Widerstand und Liebe auf eine bessere Zukunft hinarbeiten.

Mit den Führern der Blauhelme an der Front

Anknüpfend an «Grbavica» liefert die Drehbuchautorin und Regisseurin Jasmila Žbanić mit «Quo Vadis, Aida?» einen weiteren essenziellen Beitrag zur Verarbeitung des Bosnien-Krieges und betont dabei den auch heute notwendigen Schutzauftrag an die Staatengemeinschaft gegenüber geflüchteten Menschen aus Kriegsgebieten weltweit. Der neue Film zeigt eine weibliche Perspektive auf den männlich dominierten Krieg.

Die Rolle der Aida wird grossartig verkörpert von Jasna Durićić, ihre Söhne Hamdija und Nihad werden von Boris Ler und Izudin Bajrović, Radko Mladic von Boris Isaković gespielt. Das Ensemble wird unterstützt durch die eindrückliche Kamera von Christine A. Meier und eine kluge Montage von Jaroslaw Kaminski, dessen Arbeit aus «Cold War» bekannt ist.

Überfordert von den Menschen ihres Volkes

Der Hintergrund

«Quo Vadis, Aida?» erzählt von wenigen dramatischen Tagen im Leben einer Frau, deren Schicksal für das einer ganzen Generation von Frauen steht, welche den Krieg in Bosnien überlebt haben. Denn mehr als 8372, fast ausschliesslich männliche Zivilisten wurden bei dem als Genozid eingestuften Massaker von Srebrenica von der bosnisch-serbischen Armee ermordet und in Massengräbern verscharrt. Es gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Neben den grausamen Taten der Armee von General Ratko Mladić wurde im Zusammenhang damit auch die Rolle der Vereinten Nationen kritisiert. Zum 25. Mal jährte sich das Massaker im Juli 2020. Bis heute erscheint es unbegreiflich, dass es vor den Augen der Staatengemeinschaft, mitten in Europa, zu einer solchen Katastrophe kommen konnte. Am 22. November 2017 wurde Mladić des Völkermords und weiteren zehn von elf Anklagepunkten für schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Am 8. Juni 2021 bestätigte die Berufungsinstanz am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien das Urteil.

Die andere Wirklichkeit

Der Film basiert auf Ereignissen und Erfahrungen, ist aber keine wissenschaftliche Aufarbeitung des Bosnienkriegs; ich bin auch kein Historiker, der den Ablauf kompetent beurteilen kann.

Schönheitswettbewerb serbischer Frauen

General Mladić und seine Armee bereiten mit Versprechungen, Lüge und angesichts des kläglichen Versagens der UN mit ihren holländischen Blauhelmen das vor, was als das Massaker von Srebrenica enden wird. Stellvertretend für ähnliche Ereignisse, vielleicht auch ein bisschen in Erinnerung an «Love Island» zeigt Jasmila Žbanić einen Schönheitswettbewerb. In einem Theatersaal bewerben sich bei folkloristischer Musik und nationalistischen Gesängen vierzehn Frauen in eleganten Kleidern und viel Make-up vor trinkenden, essenden und singenden Männern um den Preis.

Diese Episode, ein «Fremdkörper» im Kriegsgeschehen, eine Deutung: Eine erste meint, dass die Szene als Rückblende gedacht ist in eine Zeit, in der die Menschen sich noch miteinander vergnügt haben. Eine zweite, dass diese Szene die Gesellschaften zeigt, die als politische, wirtschaftliche, militärische Elite von den unzähligen Kriegen des Nach-Tito-Jugoslawien profitierten. Es gibt einige Filme, die diese Situationen ausleuchten, so zum Beispiel «A Good Wife» von Milena Karanović, «An Episode in the Life of an Iron Picker» von Danis Tanoviċ und «Das Fräulein» von Andrea Staka.

Die Antwort auf die Frage: «Wohin gehst du, Aida?»

Der Filmtitel beinhaltet, was man leicht übersieht, eine Frage, die in den letzten zwanzig Minuten des Films beantwortet wird. Denn wie so oft sind es die Schlussbilder, welche die Aussagen machen, hier die Antwort geben. Aida, gealtert, verhärmt und traurig, klingelt an der Tür ihrer ehemaligen Wohnung; die Bevölkerung schaut zu bei Ausgrabungen der Getöteten und Verscharrten; Frauen suchen in der Leichenhalle nach den Überresten ihrer Söhne, Partner oder Väter; Aida betrachtet Fotos ihrer Familie. Bald danach geht sie zu ihrer ehemaligen Schule, im Klassenzimmer schreibt sie an die Wandtafel, Kinder spielen und lernen, und sie besucht eine Schüleraufführung. Hier macht der Film seine essenzielle Aussage: Nicht mit Kriegen werden Kriege beendet, nicht mit Töten wird Leben gerettet, nicht mit Waffen Frieden gestiftet. Aussagen, die die Generäle dieser Welt wohl nie begreifen können oder wollen. Eine neue, friedliche Welt gibt es nur durch Bildung. Wenn irgendeine Institution, dann ist es die Schule, die wirkliches Umdenken ermöglichen und einleiten kann. Diese schwierige, herausfordernde, mutige Antwort gibt der Film.

Was «Quo Vadis, Aida?» von den meisten Kriegsfilmen unterscheidet, ist der Blickwinkel, den er auf den Krieg einnimmt. Die meisten Kriegsfilme werden bekanntlich von Männern gedreht, meist in einer Form, bei der es unklar ist, ob sie den Krieg ablehnen oder verherrlichen. Bei «Quo Vadis, Aida?» ist es klar. Er ist ja auch von einer Frau geschaffen. Und Frauen sind bekanntlich die Menschen, die am meisten unter den Kriegen leiden, die die Kinder gebären, welche die Männer in den Kriegen töten oder töten lassen. In diesem Film sind es zwei Frauen: Jasmila Žbanić, die das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, und Aida, die nicht nur eine Person darstellt, sondern die ganze Unmenschlichkeit dieses Krieges und aller Kriege zeigt und entlarvt. Wie sie überleben und, trotz der Tristesse und Hoffnungslosigkeit, einen zarten Lichtschimmer aufscheinen lassen, überzeugt und lässt auch uns aufatmen.

«Quo Vadis, Aida?» ist ein spannender, engagierter, menschlich berührender Thriller, der am Schluss, nach dem Massaker von Srebrenica, zum grossartigen und tröstlichen «Requiem» wird für die in diesem und in allen andern Kriegen Getöteten.

Titelbild: Als Übersetzerin steht Aida zwischen den Fronten

Regie: Jasmila Žbanić, Produktion: 2020, Länge: 102 min, Verleih: Cineworx

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