FrontKolumnenDie Frau wird fehlen

Die Frau wird fehlen

Dramatische Entwicklung in Afghanistan. Die Taliban rücken auf Kabul vor. Es soll zu einer friedlichen Machtübergabe kommen. Dennoch: Afghanistans Frauen bangen um ihre Rechte, um ihre Zukunft schlechthin. In Griechenland, in der Türkei brennen an den Küsten die Wälder, in Kalifornien ebenso wie in Sibirien. Dazu kommen die Konflikte in der Ostukraine, in afrikanischen Staaten, im Nahen Osten, selbst im Mittelmeer, wo es um mögliche Ölvorkommen geht, zwischen Griechenland und der Türkei, dazwischen Frankreich, mit seinen Interessen dort wie in Libyen und erst recht im leidgeprüften Libanon. Deutschland erholt sich von den Flutkatastrophen und torkelt in einen seltsamen, nicht inspirierenden Wahlkampf. Und über all dem lassen uns die weltweite Covid-19-Pandemie sowie die virtuelle Auseinandersetzung um den globalen Führungsanspruch zwischen den USA und China, scharf beobachtet von Putin in Moskau, nicht in Ruhe. Im Gegenteil.

Während 16 Jahren war –  und ist sie ja noch – bei all den Konflikten, bei all diesen Auseinandersetzungen mit von der Partie: Angela Merkel, die CDU-Frau, geschieden, evangelisch, ohne Kinder, Ostdeutsche, studierte und promovierte Physikerin, kein typisches CDU-Mitglied. Eine Wissenschaftlerin, die analysieren, abwägen, beurteilen und auch entscheiden kann, ohne Eitelkeit, bescheiden, nicht auf euphorische Begeisterung aus. Sie tritt nicht mehr an, überlässt das Feld einer andern Person, womöglich einer anderen Partei. Viele in Deutschland rätseln, weshalb es passieren konnte, dass um die Nachfolge nicht die Besten kämpfen, dass die Nachfolge aus der zweiten Reihe heraus beansprucht wird. Vorab bei der CDU/CSU, den bis jetzt staatstragenden Parteien in Deutschland, setzten die Parteigremien bei der Auswahl auf Armin Laschet, den Ministerpräsidenten aus Nordrhein-Westfalen, auf eine wuselige Frohnatur ohne Fortüne, ohne internationale Reputation, statt auf Markus Söder, den kräftigen, zupackenden Ministerpräsidenten Bayerns, der von den Parteimitgliedern ins Amt gewünscht wird.

Bei den Grünen vermasselte Annalena Baerbock eine durchaus mögliche Kanzlerschaft gerade selbst. Ihre Fehler – nicht gemeldete Einnahmen, ein Buch mit abgeschriebenen Elementen und ein geschönter Lebenslauf – genügten, Männer auf den Plan zu rufen, die eine Frau verhindern wollen, und animierten die Medien, damit den lahmen Wahlkampf aufzumotzen, Annalena Baerbock abzustrafen, ihre Chancen runterzuschreiben. Hätte sie grosszügig und noch rechtzeitig auf die Kanzlerkandidatur verzichtet, hätte sie ihrem Co-Parteipräsidenten Robert Habeck den Weg zum Spitzenplatz frei gemacht, wäre eine Bundesregierung unter der Führung der Grünen wahrscheinlicher geworden. Habeck hat die Voraussetzungen für die Kanzlerschaft: hohe Umfragewerte, Regierungserfahrung und die Weitsicht eines Philosophen, der die dramatische Situation voll erkennt, wie sie der Weltklimarat vergangene Woche zur beklemmenden Gewissheit verkündete: Es ist fünf nach Zwölf.

Jetzt könnte es passieren, dass Olaf Scholz, der amtierende SPD-Finanzminister, das schier Unmögliche gar noch schafft, die SPD an den Grünen vorbei zur zweiten Kraft zu führen. Und das alles, obwohl er an zwei Finanzskandalen, die Deutschland erschüttern, die Wirecard-Geschichte und die Cum-Ex-Steueraffäre, nicht unbeteiligt war, somit keine reine Weste trägt.

Eines zeichnet sich schon jetzt ab: Die Regierungsbildung in Deutschland wird nach dem Wahltag am 26. September nicht einfach werden. Ein Trost bliebe damit: Angela Merkel würde noch einige Zeit regieren, in der aktuell so schwierigen Lage noch Zeichen setzen können. Deutschland, die stärkste Wirtschaftskraft in Europa, ist nach der verheerenden Geschichte der Nazizeit oder gerade deshalb heute ein Garant für eine rechtsstaatliche, liberale Demokratie, für einen Staat, der sich bewusst zurückhält, der das transatlantische Bündnis hoch hält, jetzt zu den USA unter Präsident Joe Biden steht. Das ist auch für unser Land Schweiz nicht unerheblich, als neutraler Staat mitten in Europa, der weder in Frankreich mit seinen traditionellen vermeintlichen Grossmacht-Interessen, noch in China mit seinen globalen Ansprüchen, noch in Russland mit seinen Eurasien-Träumen verlässliche Partner finden wird. Die Adresse heisst Europa in Kooperation mit den USA. Basta. Angela Merkel hat die Balance moderiert. Sie wird fehlen.

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