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Meine Schiff- und Bahnfahrten

Heute erfuhr ich eine kleine, aber wegweisende Abfuhr. Die Frau, die meine Kolumnen gegenliest und ihnen oft noch den letzten Schliff verleiht, lehnte einen Entwurf ab. Ich hatte aus dem Stand heraus über das Sommerwetter geschrieben. Sie fand, es fehle dem Text die Originalität. Ich müsste der Kolumne etwas mehr Kraft und Saft geben. Ich lehnte die Empfehlung ab. Nachbessern bringe nicht viel. Wie sollte ich aber bis Mittwochabend ein neues Thema finden und es zu ihrer Zufriedenheit bearbeiten? Im Zug heimwärts beschäftigte mich die Rückweisung des Entwurfs. Da fiel mir ein, dass von Peter Bichsel gesagt wird, er habe viele gute Kolumnen bei Zugfahrten geschrieben. Auch er selbst hat, wenn ich mich nicht irre, erzählt, wie ihm im Zug Glossen einfallen. Mein Freund, der Zuger Schriftsteller und Poet Max Huwyler, erzählte mir, dass er gerne auf einer Schifffahrt an seinen Texten arbeite. Die Fahrt inspiriere ihn. Da sagte ich mir, du fährst doch regelmässig mit dem Zug und mit dem Schiff, greife doch dieses Thema auf und so begann es in meinem Hirn zu schreiben.

Als ich einmal am Bahnhof in Zug ausstieg, stiess ich mit einem Freund zusammen. Ich trug den Rucksack auf dem Buckel. Neugierig fragte er, wohin ich gegangen sei, aber doch nicht allein? «Nein», antwortete ich, «mit Hans Kunz!» «Mit Hans Kunz?» Er schaute mich mit grossen Augen an, was so viel bedeutete, wer denn dieser Hans sei. Nun spielte ich ein wenig und sagte. Ich hätte mit ihm über die Grenzen des psychologischen Erkennens diskutiert. Seine Lebensphilosophie gefalle mir. Das Buch, das ich gerade lese, handle vom empfangenden Wahrnehmen und vom erkennenden Verstehen. Es prange das gewaltsame Vorgehen der Menschen mit der Natur an. Mein Freund war sehr erstaunt und fragte, wo denn dieser Hans Kunz* wohne. «Ach, mein Lieber, Hans Kunz ist schon lange gestorben. Er war mein Lehrer auf der Universität Basel und nun lese ich seine Schriften ein zweites Mal. Ich verstehe sie besser als in jungen Jahren. Von ihm hätte ich gelernt, die eigene Meinung nach sachlicher Plausibilität zu überprüfen und wörtlich: «Vieles, was behauptet wird, ist ja nicht plausibel. Darum haben Betrüger heute leichtes Spiel.» Als der Bekannte mich so reden hörte, lachte er: «Du bist ein Schlawiner! Also gehst Du alleine auf Deine Fahrten.» «Nein eben nicht. Ich habe mich gerade mit Kunz bestens unterhalten. Je nachdem gelingt mir auch die Auseinandersetzung mit einem Roman.»

Auf meinen Lesefahrten beobachte ich oft auch Menschen oder schaue vom Buch auf in die Berge. Es öffnen sich wunderbare, abwechselnd fesselnde Bilder. Im Zug flitzen sie vorbei, auf dem Schiff geschieht jenes empfangende Schauen, das Kunz schildert. Da übe ich mich in Gelassenheit und Ruhe. Heute blickte ich vom Schiff auf die Berggipfel, die in Nebel eingebettet sind. Auf dem Schiff kam ein leichter Wind auf. Er wurde stärker, riss die Wolkendecke auf und durch das Wolkenfenster leuchtete der blaue Himmel. Das Licht, das auf den See fiel, schimmerte im Wasser und die Strahlen löschten den leichten Dunst, sodass die grünen und kantigen Abhänge scharf hervortraten. Bei solchen Augenblicken lege ich das Buch weg und gebe mich dem Schauspiel hin. Nach einer Weile nehme ich den Faden des Textes wieder auf, schaue aber intermittierend auf die Landschaft.

Als das Schiff in Brunnen anlegte, fiel mir überraschend Clemens Mettler ein, der in Ibach aufwuchs. Bei meiner nächsten Fahrt, die mich vielleicht nach Appenzell oder an den Genfersee führt, nehme ich dessen grossartigen Roman «Der Glasberg» mit und lese ihn nochmals. Die verzweifelte Suche seines Protagonisten nach einer Annäherung zu einer Frau, die er im Tram traf, faszinierte mich wegen des verschlungenen Stils. Clemens Mettler begegnete ich, als er das Gymnasium in Schwyz besuchte. Er war ein aussergewöhnlicher Sprachkünstler. Als sich der Dampfer mit lautem Sirenenschrei Richtung Treib absetzte, erhob ich das Weinglas. Keiner, der vielleicht meine Geste beobachtete, konnte erahnen, dass ich mit Mettler anstiess und sagte: «Zum Wohl Clemens**, schade, dass Du lautlos von uns gegangen bist!»

* Professor Hans Kunz lebte von 1904-1982
** Clemens Mettler (1936-2020) Roman: Der Glasberg. Pro Libro

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