FrontKulturEinblicke in die Künstliche Intelligenz

Einblicke in die Künstliche Intelligenz

Forschungen der Künstlichen Intelligenz (KI) mit dem Ziel, das Funktionieren des menschlichen Gehirns zu verstehen, führen zu spektakulären Ergebnissen, lösen aber auch Angst aus. Jean-Stéphane Bron stellt uns in seinem eindrücklichen Film «The Brain – Cinq Nouvelles du Cerveau» solche vor. Ab 26. August im Kino

Mit Beginn des 21. Jahrhunderts hat Science-Fiction (SciFi) in den Forschungslabors Einzug gehalten: Ist es möglich, das menschliche Gehirn mit Computern nachzubilden? Es an Maschinen anzuschliessen? Mit Robotern das Weltall zu besiedeln? Der Dokumentarfilm «The Brain – Cinq Nouvelles du Cerveau» porträtiert fünf Personen, die zum Kern aktuellster wissenschaftlicher Fragen vordringen, fünf Ansätze vorstellen, die faszinieren, aber auch erschrecken können.

Aude Billard konstruiert mit KI eine funktionierende Hand.

Der Film beginnt mit dem Austausch zwischen einem Vater und seinem Sohn: Alexandre Pouget, Neurobiologe in Genf, ist der Überzeugung, die Intelligenz und das Bewusstsein könnten künstlich nachgebildet werden; sein Sohn Hadrien, KI-Forscher in Oxford, betont ihm gegenüber die negativen Auswirkungen solcher Projekte. In Seattle versucht Neurowissenschaftler Christof Koch, das Geheimnis des Bewusstseins zu lüften, während sein Hund im Sterben liegt. In München und Venedig tritt Niels Birbaumer mittels Gehirn-Computer-Interaktionen in Kontakt mit dem Bewusstsein vollständig gelähmter Patienten. In Genf träumt der junge Forscher und werdende Vater David Rudrauf davon, Maschinen durch die Entwicklung eines künstlichen Bewusstseins Leben einzuhauchen. Am Ufer des Genfersees versucht die Robotik-Ingenieurin Aude Billard, eine menschliche Hand nachzubilden, was Chancen, aber auch Gefahren birgt.

Roboter von David Rudrauf, die miteinander kommunizieren.

Der Regisseur …

Jean-Stéphane Bron, 1969 in Lausanne geboren, Absolvent der École Cantonale d’Art de Lausanne, hat diesen faszinierenden und kompetenten Dokumentarfilm geschaffen. Bei uns ist Bron vor allem bekannt durch seine klugen Dokumentarfilme: unter anderen 2003 «Mais im Bundeshuus», 2010 «Cleveland vs. Wall Street, 2013 «L’Expérience Blocher», «2017 «L’Opéra de Paris» und jetzt «The Brain – Cinq Nouvelles du Cerveau». Mit dramaturgischen Mitteln, die wir vom Spielfilm kennen, verleiht er seinen Dokumentarfilmen eine besondere Note. Wie in seinen früheren Filmen zeigt er auch im neuen grosse Themen der Gesellschaft und Zeitgeschichte auf.

 Fabio, ein vollständig gelähmter Patient, kann mit Niels Birbaumer kommunizieren.

… und sein Film

Der Inhalt, das zeigen die kurze Inhaltsangabe und das lange Interview (im Anhang), ist hoch komplex und gleichzeitig politisch, ja philosophisch. Und doch erlebt man «The Brain», was erstaunen mag, als ein schönes Filmerlebnis. Das gelingt Bron, indem seine schwierigen Inhalte nicht doziert, sondern von den Forschern in Gesprächen mit Laien behandeln lässt, also in Dialogen vorlegt. Verständlich macht er die Forscher auch, indem er sie im Alltag zeigt.

Formal überzeugt der Film durch seinen Rhythmus, der uns die 103 Minuten zu einem abwechslungsreichen, spannenden und erbaulichen Erlebnis macht; weiter durch die einfühlsame Bildgestaltung (Éponine Momenceau), Tongestaltung (Étienne Curchod und Jérôme Cuendet) und den Schnitt (Julie Lena), die einem zum Verweilen und Nachdenken einladen. Die referierten Theorien verstehen wir kaum in allen Details, sondern wohl eher in groben Zügen.

Ansätze einer Mensch-Roboter-Kommunikation

Erkenntnis aus dem Staunen

Immer wieder enden die wissenschaftlichen Aussagen im Staunen, was vielleicht auch an den Satz von Aristoteles erinnert, nachdem «im Staunen der Anfang des Philosophierens» sei. Szenen im Film erinnern vielleicht auch an Augenblicke, in denen wir nachts unter dem Sternenhimmel standen und staunten. Im Gegensatz zum Naturerlebnis, bei welchem oft religiöse Gefühle entstehen, ist es hier eher ein Staunen vor dem Humanum: Zu was ist das menschliche Denken fähig! – Den Film ein zweites Mal anschauen, kann zu einem weiteren Vergnügen und besseren Verstehen beitragen.

Interview mit Jean-Stéphane Bron von Serge Kaganski

Titelbild: Vater Alexandre Pouget mit Sohn Hadrien

Regie: Jean-Stéphane Bron, Produktion: 2020, Länge: 103 min, Verleih: Präsens-Film

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