FrontKulturJunges Musikfestival in alter Chemiefabrik

Junges Musikfestival in alter Chemiefabrik

Das kleine und feine Al(t)Chemiefestival mit vielfältigen Konzerten – von Neuer Musik über traditionelle Folklore bis zu Jazz und Beethoven – findet von morgen Freitag bis Sonntag in Uetikon am See zum zweiten Mal statt.

Majestätisch liegt die gigantische Anlage der stillgelegten Chemiefabrik fast im Dornröschenschlaf. Ein paar Kleinunternehmen haben die öffentlichen Besitzer der Industriebrache, wo dereinst ein Gymnasium, Kultur-, Werk- und Wohnräume sowie ein Park am Seeufer entstehen werden, für eine Zwischennutzung gewinnen können. Eins dieser KMU ist das Atelier Klang und Raum, wo Bühnenbilder für Theater entstehen, Klangkörper wie das Zürcher Kammerorchester ihre CDs produzieren lassen und wo auch professionelle akustische Beratungen im Angebot sind.

Die riesige Chemiefabrik vom See aus betrachtet. Foto: Wikipedia

Ab und zu wurden Konzerte veranstaltet, und letztes Jahr am 1. Juli, dem allerersten Tag nach dem Lockdown startete das erste Al(t)chemiefestival mit so grossem Erfolg bei Musikerinnen, Sängern und Publikum, dass es gar keine Frage war, übers Jahr weiterzufahren.

Das Projekt ist Ausdruck einer langjährigen Freundschaft zwischen der Musikerin Tamriko Kordzaia, sowie Sophie Krayer und Marcel Babazadeh vom Atelier Klang und Raum. Die Pianistin ist ab und zu mit ihrem Mondrian-Quartett in Uetikon aufgetreten, auch beim Festival wird sie spielen. Alle drei verbindet die Liebe zur Musik, die sie dank des Festivals mit befreundeten Musikern und Künstlerinnen sowie dem Publikum teilen wollen.

Uetikon ist für Marcel Babazadeh «der ideale Ort für ein Festival, weil bewohnte Häuser weit weg hinter dem Hügel liegen und weil das Ambiente der Industriebrache unglaublich malerisch» sei. Das Programm sei ohne Mühe entstanden, denn nach der ersten Ausgabe 2020 wurde der Auftrittsort für viele Gruppen und Einzelkünstler zum Wunschort für eine Darbietung: «Wir würden locker zehn Festivaltage programmieren können,» meint er.

Eins der Instrumente aus Steinen, die im Konzert der Gruppe The Stone Alphabet gespielt werden. © The Stone Alphabet

Mit The Stone Alphabet, die an allen drei Festivaltagen Konzerte und Workshops geben, ist erstmals ein «Ensemble in Residence» dabei. Auf den Steininstrumenten entwickelt die Gruppe ungewöhnliche Klangbilder in Kompositionen, die im Kollektiv entstehen. Am Samstagabend gibt es eine CD-Taufe: Vera Kappeler (p) und Peter Conradin Zumthor (dr) stellen ihr Werk HERD vor.

Daniel Fueter begleitet den Bassbariton Niklaus Kost am Piano. Ihre Musik: Kompositionen zu Gedichten von C.F. Meyer und Eichendorff. Geradezu in eine völlig andere musikalische Welt geht es mit dem Duo Kordz und Dro, Elektroniker und Rapper aus der Alternativszene von Tiflis in Georgien. Aber auch die Volksmusik des Kaukasus ist vertreten. Die vier Sänger des Ensembles Anchiskhati widmen sich der traditionellen Polyphonie. Die komplexe, georgische Gesangstradition wurde in das immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen.

Dro und Kordz aus der georgischen Hauptstadt Tiflis. © Kordzmusic

Georgisch ist auch das Catering: «Wir haben auch Köche in Residence,» witzelt Babazadeh, statt des an Festivals üblichen Catering kocht hier die Organisation selbst – eben mit den Freunden aus einem Tifliser Restaurant. So kann man auf die Küche ebenso gespannt sein wie auf die in jeder Beziehung grenzüberschreitende Musik. Es sei der grosse Sündenfall des Radios in den 60er und 70er Jahren gewesen, die Musik in Sparten, in U- oder E-Musik einzuteilen: «Die interessanteste Musik ist häufig die, die sich so gar nicht einordnen lässt. Auch Mozart benutzte Volksmusik. Und was ist eigentlich Jazz?,» fragt Babazadeh und weist auf das Kammermusikprojekt des Jazzposaunisten Nils Wogram hin.

Das Trio Catch (Klarinette, Klavier, Cello) wird unter anderem ein Stück der bekannten Komponistin Isabel Mundry aufführen. Foto: © Lennard Rühle

Also einfach Ohren, Hirn und Herz weit öffnen. Auch an ein Familienkonzert hat die Festivalleitung gedacht: zu bester Stunde am Sonntag um elf sind Frächdächs bereit, für alle Alter ohne Grenzen zu performen. Weil dieses kleine Festival ein so breites Angebot an Musiken programmiert hat, könnte es das geeignete Heilmittel sein, Musik nicht länger in Schubladen zu klassifizieren, sondern als grenzenlos und vielfältig wahrzunehmen.

Titelbild: Leonhard Dering und-Kirill Zvegintsov spielen vierhändig am Klavier Musik von Richard Wagner und Ludwig van Beethoven.

Hier geht es zum Programm im Einzelnen, zu weiteren Informationen und zum Online Ticketshop. Ein Konzert kostet 15 Franken, ein Festivaltag 50 Franken, der dreitägige Pass 130 Franken.

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