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Wozu noch Journalismus?

Er ist ein sehr angenehmer Zeitgenosse, Journalist und Fernsehmoderator, der ohne Starallüren unaufgeregt und gelassen Präsident Putin aus der Fassung brachte und Bundeskanzler Kurz nach einem Interview fassungslos zurückliess: Armin Wolf, 55 Jahre alt, smart, dennoch eine unauffällige Erscheinung, stellvertretender Chefredaktor des österreichischen Fernsehens ORF. Dass er in unserem Nachbarland sowohl überschwänglich gelobt, als auch massiv kritisiert, aber immer respektiert wird, ist sein Markenzeichen. Und wenn er nun, wie am „SwissMediaForum“ in Luzern, die Frage stellt «Wozu noch Journalismus?», ist seine Antwort so klar wie unmissverständlich: Ja, unbedingt, gerade jetzt und in Zukunft, weil die sozialen Medien immer bedeutender werden, gar den Anschein erwecken oder sich anschicken, die traditionellen Medien zu verdrängen.

War der Journalismus in den demokratisch verfassten Staaten bislang das berühmte Salz in der Suppe, der Sauerteig in der demokratischen Entscheidungsfindung in den Regierungen, in Parlamenten oder wie in der Schweiz letztlich beim Volk, erwachsen ihm jetzt ernsthafte Konkurrenten. Jeder Einzelne, Frau oder Mann, jung oder alt, oder gerade Regierungen, Unternehmen und Organisationen können ihre Informationen, ihre Meinungen, gar ihre Fake News, ihre Täuschungsmanöver jederzeit via den sozialen Medien verbreiten, gerade so, dass es gar keine Medien mehr braucht. Doch Armin Wolf fragt unbeirrt nach: „Reicht die reine Information, um unsere immer komplexer werdende Welt zu verstehen? Wer prüft die Fakten? Wer liefert Einordnungen? Wer orientiert sachkundig, unabhängig, verständlich und verlässlich?» Und noch weiter gedacht meint er: „Wie verständigen wir uns, wie können wir sachliche Debatten führen und wie gemeinsam Lösungen erarbeiten? Was wir als Gesellschaft und als liberale Demokratien mehr denn je brauchen, ist ein Journalismus, der jene Fakten bereitstellt, die unser Gemeinwesen für eine sinnvolle öffentliche Debatte benötigt. Ohne eine gemeinsame Faktenbasis, auf die wir uns alle beziehen, können wir nämlich nicht sinnvoll miteinander diskutieren und nicht politisch streiten, sondern letztlich nur fürchterlich und immer aggressiver aneinander vorbeiagitieren.”

Aber wer sichert das Überleben der Medien, auch der neuen Medien, wie seniorweb.ch? Mit einem umfassenden Massnahmenpaket will jetzt Bundesbern dem Mediensterben entgegen wirken, die Rahmenbedingung für die Medien verbessern, die Medienvielfalt stärken und die digitale Transformation der Branche unterstützen. In der Branche wird die Vorlage mehrheitlich begrüsst, für das Funktionieren der direkten Demokratie gar als dringlich bezeichnet. Rechtsbürgerliche Kreise um alt Nationalrat Peter Weigelt (FDP, St. Gallen), haben bereits erfolgreich das Referendum ergriffen. Im Vordergrund der gegnerischen Kampagne steht der Satz «Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.» Staatsfinanzierte Medien könnten ihre Funktion als vierte Macht im Staat nicht erfüllen und würden die Demokratie schädigen, wenn Geld zu den Verlagshäusern flössse? 30 Mio. Franken sind für abonnierte Online-Medien vorgesehen. Ein zu kleiner Betrag für die Rolle, die sie in der Zukunft haben werden?

Marc Walder, Chef des Ringier-Hauses, setzte sich am «SwissmediaForum» vehement für das Medienpaket ein, welches das Parlament erst nach einem langen Hin und Her in diesem Sommer doch noch verabschiedet hatte. Er legte dar, dass die beiden Familien Conninx (Tagesanzeiger) und Ringier (Blick) nicht nur Profiteure seien. Im Gegenteil: Die Familien hatten gar Milliarden-Beträge in den Erhalt und die Zukunft ihrer breiten Medienpaletten investiert und würden weiter investieren. Und wenn der Staat nun eingreife, die Medien unterstütze, sei dies nur eine Folge des starken Engagements der Medienfamilien und das Geld käme je vor allem den kleinen und mittleren Medienunternehmen zugute.

Die Gegner lassen nicht locker. Sie legen dar, dass diese reichen Medienkonzerne selbst in Corona-Zeiten fette Gewinne gemacht hätten und deshalb nicht noch Geld vom Bund (jährlich 178 Mio. Franken) bekommen dürften. Sie weisen darauf hin, dass die privaten Medien die Steuerzahler jedes Jahr rund 400 Mio. Franken kosten würden. Zusammen mit den SRG-Gebühren würde das jährlich 1,7 Milliarden ausmachen! Die Gegner bezeichnen diesen Betrag als «unverschämt». Ist er das oder ist er gerechtfertigt?

Sicher ist eines: Wir sind alle, in unserer direkten Demokratie insbesondere, auf unabhängige Medien angewiesen. Es braucht einen Journalismus, der sich durch Kompetenz, Glaubwürdigkeit und Sachlichkeit auszeichnet, der in Konkurrenz zu den Akteuren in den sozialen Medien dazu beiträgt, eine gemeinsame Faktenbasis zu schaffen. Eine Faktenbasis, auf die wir uns alle beziehen können, damit wir sinnvoll miteinander diskutieren und politisch streiten können, statt immer aggressiver aneinander vorbei zu agitieren, eben auch sinnlos zu streiten, um des Streitens willens. Armin Wolf lässt grüssen.

Und nicht zu vergessen: Wir sind ein kleines Land, haben vier Landessprachen zu versorgen. Die Einheit des Landes ist mehr wert als die 1,7 Milliarden Franken. Das müssten vor allem die zu Kenntnis nehmen, die unserem Land die Unabhängigkeit mit allen Mitteln sichern wollen, die SVP, die sich gerade anschickt, zumindest nach Thomas Matter überlegt die Partei sich das, mit einer Initiative der SRG beinahe die Hälfte der Einnahmen zu streichen, in dem die Gebühren von 335 auf 200 Franken zu senken wären.

1 Kommentar

  1. Wir werden nicht darum herumkommen die neue digitalisierte Medienwelt zu regulieren, sonst wird sie uns überrollen und unsere Demokratie ernsthaft in Gefahr bringen. In den USA sind wir bereits so weit! Anfangen müssen wir dringend bei den (a)sozialen Medienplattformen. Diese globale Machtkonzentration in weniger als einer Hand voll Finger müssen die westlichen Demokratien dringend gemeinsam rechtlich regulieren. Diese muss eine lokale Besteuerung der amerikanischen Monopolgiganten, rechtlich verifizierbare Konten, der Löschung von Fake News uvm. enthalten. Bei uns sollten wir nicht das Pferd am Schwanz aufzäumen… und eben nicht Medienkonzerne subventionieren. Ein besserer Ansatz wäre z.B. Gratiszeitungen zu verbieten. Reflektierte, recherchierte News müssen etwas kosten, sonst sind sie reiner Copy Paste News Agency Journalismus, was wir jetzt mehrheitlich angeboten bekommen. Alles was einen qualitativen Wert hat, kostet etwas und gibt es nicht gratis. Das sage ich als Liberaler, der sich bewusst ist, was uns allen blühen wird, wenn wir nicht handeln und dieser täglichen Lawine an nichtssagenden Copy Paste News, millionenfacher Zurschaustellung menschlich herabwürdigender Kommentare auf Social Media (milde ausgedrückt..) , dem systematischen Missbrauch durch Verschwörungsplattformen, autoritärer Politpropaganda mit Fake News, Trollfarmen usw. Einhalt gebieten!

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