FrontGesellschaftAuf der Suche nach Glück und Wohlstand

Auf der Suche nach Glück und Wohlstand

Das neu eröffnete Auswanderungsmuseum «Reisebüro Linth» in Kaltbrunn (SG)  erzählt Geschichten von Menschen, die in der neuen Welt Glück und Wohlstand suchten. Inspirator für die Sammlung war der in den USA lebende Auswanderer-Professor Leo Schelbert.

Jährlich kehren rund 30’000 Schweizerinnen und Schweizer ihrer Heimat den Rücken. Frankreich, Deutschland, Grossbritannien und Italien sind beliebte Auswanderungsziele. Auch die USA und Kanada stehen ganz oben auf der Liste. Das war schon vor 200 Jahren so: Zwischen 1800 und 1850 verliessen Hunderttausende von Landsleuten in drei grossen Wellen die Schweiz in Richtung Nordamerika. Hauptgrund war für die meisten die wirtschaftlich miserable Situation in der Heimat. Viele Städte und Gemeinden förderten die Auswanderung mit finanziellen Beiträgen an das Reisebudget. Die Linth-Region zwischen dem Walen- und dem Zürichsee gehörte von je her zu den Auswandererschwerpunkten.

Das neue «Museum für Auswanderung und Einwanderung».

Am vergangenen Samstag wurde in Kaltbrunn (Kanton St.Gallen) unter der sinnigen Bezeichnung «Reisebüro Linth» ein Museum eingeweiht, das Auswanderung und Einwanderung zum Thema hat. Die Sammlung ist in einem alten Gebäude aus dem Jahr 1568 an der Gasterstrasse 39 untergebracht, das der Gemeinde jahrelang als Mehr-Themen-Ortsmuseum diente. Im Jahr 2000 entschied sich der Gemeinderat in Zusammenarbeit mit der Kulturkommission für eine strategische Neuausrichtung und die Schaffung eines Mono-Themen-Hauses. Der Besuch des in Kaltbrunn geborenen Auswanderungsexperten, Professor Leo Schelbert, wirkte 2012 wie ein Funken bei der Themenwahl.

92jähriger Initiator aus den USA geehrt

Schelbert gilt als grösster Kenner zum Thema Auswanderung. In der Schweiz geboren, wanderte er in jungen Jahren in die USA aus, promovierte und dozierte während 22 Jahren an der Universität Illinois in Chicago zum Spezialgebiet «Einwanderung in die USA». Schelbert ist Herausgeber zahlreicher Bücher zum Thema «Migration Schweiz-USA». Er lebt 92-Jährig in Evanston, Illinois. Ihm ist im Museum eine eigene Tafel (Foto) gewidmet. Laut dem Präsidenten der Kulturkommission und Initianten der neuen Kulturinstitution, Peter Brunner, will man in Kaltbrunn anhand regionaler Biografien zeigen, was «Weggehen aus der Heimat mit den ausgewanderten Menschen gemacht hat».

Das Haus konnte durch den regionalen Museumsverbund gekauft werden. Die Institution wurde finanziert durch den St.Galler Lotteriefonds / Swisslos und die regionale Kulturförderung «ZürichseeLinth». Die Gemeinde bezahlt fortan einen Teil der Betriebskosten. Während die finanziellen Mittel eher bescheiden anmuten, war der persönliche Einsatz von Freiwilligen riesig: Mit Unterstützung der Bevölkerung stellte das Team um Peter Brunner eine Dauerausstellung auf die Beine, während sich der druck- sowie grafikerfahrene Präsident persönlich um die Tafeln und Illustrationen kümmerte.

Das Bild des Malers Hans Bachmann aus dem Jahr 1911 thematisierte den Schmerz der Daheimgebliebenen, nachdem Familienangehörige in die Neue Welt aufgebrochen sind.

Die Dauerausstellung enthält zahlreiche Originalzeugnisse zum Thema Auswanderung: Auf einer alten Schreibmaschine wurden Briefe geschrieben und in die Heimat geschickt. Sie erzählen von Glück, Freude, aber auch von Nöten und persönlichen Schicksalen. Plakate von Agenturen sowie Schiffsgesellschaften machen deutlich, dass die Reiseorganisation und Begleitung von Auswanderungswilligen ein Geschäftsmodell war, mit dem sich viel Geld verdienen liess. Fotoalben, Koffer, Handwerks- und Haushaltsgegenstände, die mit auf die Reise kamen, ergänzen die Dauerausstellung. Die Präsentationen sowie Tabellen mit statistischen Angaben sind interaktiv, informativ, unterhaltsam, ja überraschend. Als nützlich erweist sich die Verwendung von QR-Codes, die auf dem Mobilgerät weitere Informationen sichtbar machen.

Ausgewanderter Schweizer Zeichner verschollen

In einer Wechselausstellung werden im Dachgeschoss persönliche Auswandererbiografien gezeigt. Die erste gilt dem Kaltbrunner Ferdinand Arnold Bader (1833-1901), der 1870 allein in die USA auswanderte und ab 1879 in Pennsylvania lebte. Dort und später in Ohio fertigte er bis 1895 rund 600 Zeichnungen von Häusern und Menschen an. Nach dem Tod seines Bruders machte er sich 1896 auf die Rückreise in die Schweiz, wo er aber nie ankam. 1901 wurde Bader für verschollen erklärt. Erhalten geblieben ist sein künstlerisches Schaffen, das nun im Dachstock des neuen Museums besichtigt werden kann. Den Lebenslauf geschrieben hat kein geringerer als Professor Leo Schelbert.

In seiner Eröffnungsrede versicherte Museumsgründer Peter Brunner, mit den Wechselausstellungen verfolge das Begegnungszentrum eine langfristige Strategie. Er rief u.a. Gruppen und Schulklassen auf, das Museum zu besuchen und sich dort zum Thema «Aus- und Einwanderung» das nötige Anschauungsmaterial zu besorgen. Mit einem Blick auf die Einwanderungs- und Asylproblematik wies er darauf hin, dass der Wohlstand in der Schweiz nicht nur von der eigenen Bevölkerung, sondern auch von Einwanderern, von Fremden, geschaffen wurde. Dieser Thematik will das «Reisebüro Linth» in Zukunft ebenfalls Beachtung schenken.

Anstoss zur Erforschung der Familiengeschichte

Einer der Besucher, der das Thema Aus- und Rückwanderung aus der eigenen Familie kennt, ist der Landschaftsplaner und Gärtner Toni Raymann (Foto) aus Dübendorf. Er kam am Samstag extra zur Museumseröffnung nach Kaltbrunn. Raymanns Grossvater Anton, geboren 1871, war nach Denver (Colorado) ausgewandert und hatte dort Gemüse, unter anderem Kabis, angepflanzt. Später kehrte er in die Schweiz zurück, wo er 1953 verstarb. Mit Hilfe des Internets und Datenbanken möchte Raymann inskünftig mehr über die Erlebnisse seines Grossvaters im fernen Colorado erfahren. Das Auswanderungsmuseum ist für ihn und seinen Bruder Anstoss, die eigene Familiengeschichte zu erforschen.

Internationale Gäste mit von der Partie

v.l.n.r. Beth Zurbuchen, Peter Brunner und Susann Bosshard-Kälin vor dem neuen Begegnungszentrum.

Mit von der Partie waren am Samstag in Kaltbrunn die bekannte Journalistin und Buchautorin Susann Bosshard-Kälin, die zum Thema «Einsiedeln anderswo», unter anderem in Kentucky, geforscht, gefilmt, ein Buch und eine Ausstellung konzipiert hat. Sie wurde begleitet von Beth Zurbuchen, einer Schweiz-Amerikanerin, die in New Glarus (Wisconsin) den «Swiss Center of North America», das grösste und wertvollste Schweizer Archiv in den USA, leitet. Das Zentrum birgt seinerseits eine riesige Sammlung an Trachten, Kuhglocken, Fotos, Büchern und Auswandererutensilien, die im 19. Jahrhundert von Schweizerinnen und Schweizern in die USA gebracht wurden.

«Ein Geschenk an künftige Generationen»

In einem persönlichen Brief zur Eröffnung des Hauses gab Professor Leo Schelbert seiner Freude über die Museumseröffnung Ausdruck: «Möge das Haus viele vor uns ehren und vielen nach uns mit Informationen dienen,» schrieb er. Nach seinen Worten ist das «Reisebüro Linth» ein «Geschenk an künftige Generationen.»

Titelfoto: Alte Schreibmaschine, auf der Auswanderer Briefe aus der neuen Welt schrieben. (Fotos: Peter Schibli)

Adresse und Öffnungszeiten auf der Homepage: http://www.reisebuero-linth.ch

1 Kommentar

  1. Grandiose Sache und Gratulation zu diesem Museum um die Geschichte der Schweizer Auswanderer und ein grosser Dank gilt dem Initiant Leo Schelbert und all den Personen die dieses längst überfällige Museum ermöglichten.

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