FrontGesellschaftKeine Ausgrenzung, sondern volle Wertschätzung

Keine Ausgrenzung, sondern volle Wertschätzung

Im Rahmen des 20-jährigen Gründungsjubiläums des Schweizerischen Seniorenrates (SSR) moderierte Stephan Klapproth ein Podiumsgespräch zum Thema «Möglichkeiten, Seniorinnen und Senioren im sozialen und generationenübergreifenden Gefüge zu halten».

Am Gespräch beteiligten sich die Genfer Ständerätin Lisa Mazzone, Walter Schmid (Dozent an der Hochschule Luzern für soziale Arbeit), Lukas Bäumle (Vorstandsmitglied des SSR) und Eveline Widmer-Schlumpf (Bundesrätin von 2008- 2015, seit 2017 Präsidentin von Pro Senectute Schweiz). In einer «Gesellschaft des langen Lebens» steht in der Schweiz ungefähr ein Viertel der Bevölkerung im AHV-Alter. Deshalb stellt sich die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion der Älteren mit zunehmender Intensität. Seniorweb fragt nach bei Eveline Widmer-Schlumpf.

Seniorweb: Sie haben sich auf dem Podium vehement gegen die «Altersguillotine» mit 65 gewehrt und für eine differenzierte Betrachtung der Lebenszeit von 65 bis 100 plädiert. Was schlagen Sie vor, damit diese «Guillotine» nicht bei den Alten selbst, bei den Mittelalterlichen und bei den Jungen angewendet wird?

Eveline Widmer-Schlumpf: Fakt ist, dass jede Person individuell altert, andere körperliche und geistige wie auch materielle Voraussetzungen mitbringt. Dieser Tatsache muss stets Rechnung getragen und der Mensch individuell betrachtet werden. Was aber generalisiert gesagt werden kann, ist: Den Menschen stehen heute fast 13 gesunde und aktive Jahre mehr im Pensionsalter bevor als noch vor 20 Jahren. Zudem hatten Seniorinnen und Senioren im Schnitt noch nie so viel Rente zur Verfügung wie heute. Natürlich dürfen wir aber nicht vergessen, dass nach wie vor jede achte Person im Pensionsalter unter Armut leidet.

Sie plädieren für eine wertschätzende Grundhaltung im Umgang untereinander, so dass alle, ob jung oder alt, erfolgreich oder «gescheitert», fit oder beeinträchtigt, sich gegenseitig achten und annehmen, wie sie sind. Wie kann Wertschätzung gelingen, wenn pensionierte Menschen nicht mehr Wertschätzung im Beruf erfahren und wenn sie alt und gebrechlich werden, Mühe haben, sich selbst wertzuschätzen?

Wertschätzung kann viele Quellen haben. Diese einzig aus dem beruflichen Alltag zu generieren, wird spätestens mit dem Übertritt in die Pension problematisch. Zentral ist doch, dass auch Menschen, die nicht mehr ins Berufsleben eingebunden sind, eine wichtige Rolle in der und für die Gesellschaft haben – in der Betreuung von Enkeln und Angehörigen, mit ihrem Wissen, das sie weitergeben können, in Vereinen und als ehrenamtlich tätige Freiwillige. So darf Pro Senectute selbst auf mehr als 18’000 Freiwillige zählen, die mehrheitlich selbst im Pensionsalter sind und sich mit uns tatkräftig zum Wohl der älteren Bevölkerung engagieren. Beruflich bedingte Wertschätzung ist in der Regel an Leistung gebunden. Das Ziel von uns allen – ob berufstätig oder in Pension – muss es sein, anderen unabhängig von Leistung Wertschätzung entgegenzubringen. Denn wer wertschätzend ist, wird auch Wertschätzung erfahren.

 Am Schluss des Podiumsgesprächs haben Sie als ehemalige Bundesrätin Lisa Mazzone einen «Auftrag» mitgegeben und sagten: Sorgen Sie für ein gutes Finanzierungssystem von Betreuung und Pflege! Und schalkhaft haben Sie dann noch hinzugefügt, Sie würden gelegentlich kontrollieren, ob der «Auftrag» erfüllt worden sei. Können Sie Lisa Mazzone nicht ein paar Tipps mit auf den Weg geben, damit dieser «Auftrag» leichter erfüllt werden kann?

 Wir sind überzeugt, dass die Politik den Handlungsbedarf erkannt hat. Wir gehen auch davon aus, dass sich alle einig sind, dass das Alter nicht als Krankheit betrachtet werden sollte. Fakt ist aber, dass gemäss unserer Studie über 660’000 Personen im Alter über 63 Jahren mindestens eine Betreuungsleistung benötigen. Viele können sich diese aber nicht leisten. Denn im Gegensatz zur medizinisch verordneten Pflege, die über das KVG finanziert ist, werden Betreuungsleistungen nur in Ausnahmefällen gedeckt. Betrachtet man also die Finanzierung von Betreuungsangeboten für ältere Menschen, die zu Hause leben, stellt man schnell fest, dass es hier neue Ansätze braucht. Hier ist die Politik gefordert.

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