FrontKolumnenIch will nicht mein Glück …

Ich will nicht mein Glück …

Mit 19 Jahren las ich Friedrichs Nietzsches Zarathustra. Seine rauschhafte Sprache zog mich in Bann. Beeindruckt hatte mich das Wort: «Ich will nicht mein Glück, ich will mein Werk». Es begleitete mich durch mein ganzes Leben. Auch ich wollte ein Werk schaffen, zumindest wollte ich aus dem, was mir zuwuchs, mit dem, was in mir war, etwas erarbeiten. Auf dem längeren Umweg meiner Tätigkeit erkannte ich, dass Nietzsches Alternative ins Unglück führen müsste. An falschem Ehrgeiz hätte ich scheitern können. Selbst Nietzsche endete im Wahnsinn. Als er in Turin ein vom Kutscher geschlagenes Pferd umarmte und es nicht losliess, bis er zu Boden fiel, begann seine Umnachtung. So die Historie!

Mir wurde also bewusst, dass das Werk nicht das alleinige Ziel des Lebens sein kann, sondern das Sowohl-als-auch. Es galt dem Werk wie auch dem Glück Raum zu geben. Ich erinnere mich, dass ich das Buch von Barbara Tuchmann «Die Torheit der Regierenden» las. Es zeigte auf über fünfhundert Seiten auf, wie Regierende durch Irrtum und Machtstreben, durch Verbissenheit und Dummheit scheiterten.

Julius Cäsar, der nördlich der Alpen grosse Gebiete erobert hatte und in diesen Provinzen unangreifbarer Herrscher geworden war, sah sein Lebenswerk erst erfüllt, als er der oberste Herrscher über das römische Riesenreich geworden war. Er marschierte mit seinem Heer nach Rom und eroberte die Lorbeerkrone. Er stachelte durch seine Selbstherrlichkeit und Willkür den Neid der Gegner an. Er schlug die Warnung, dass eine Intrige gegen ihn geplant sei, aus. Aber Mitte März 44 v. Chr. wurde er ermordet. Blind und stur geworden durch seine Machtfülle, glaubte er, der unangreifbare Gott auf dem Thron zu sein.

Vor unseren Augen stürzte gerade der österreichische Kanzler Sebastian Kurz, der ehemalige Politstar, das politische Wunderkind, wie er gern genannt wurde. Nun fiel er als Intrigant entlarvt von seinem Thron. Bereits, vielleicht zu früh, wird Bilanz gezogen. Kurz habe als Kanzler nichts Grosses geleistet. Er hinterlasse ein abstossendes Sittenbild und eine Machtclique, die korrupt war.

Schauen wir einmal in die Augen von Erdogan und hören wir ihm zu. Da sitzt einer auf dem Sessel in seinem Riesenschloss, das er in seiner Machtfülle bauen liess, und verfolgt seine Gegner. Er spürt kaum, dass sein Werk inzwischen der Inflation seiner Macht, ähnlich der türkischen Lira zusehends an Wert verliert. Er brüstet sich, Feldherr in Syrien und Libyen und anderen Nachbarstaaten zu sein. Und Putin? Er hockt immer verlorener und schrumpfender in seinem «Weltmachtbüro» und kann nicht lächeln. Er erntet Misstrauen, fälscht die Wahlen, stellt Machtansprüche an die Ukraine und in Weissrussland, unterstützt den Syrischen Wüstling, der gegen das eigene Volk einen zehnjährigen Bürgerkrieg führt. Er hat inzwischen so viel Vertrauen verloren, dass die Russen lieber an Covid sterben als sich mit Sputnik V zu impfen. Das Werk, das er dem Glück vorgezogen hat, beginnt in den Augen des Volkes zu zerbröseln. Wie war dies mit Hitler und Mussolini und in ihrer Reihe mit zahlreichen Machttypen und Tyrannen, die nicht auf das Glück ihres Volkes schauten.

Was ist denn Glück? Es lässt sich nicht definieren. Glück ist, etwas poetisch ausgedrückt, ein Moment der Vermählung mit Zufriedenheit. Ohne Zufriedenheit im Leben glückt kein Glück! Vielleicht ist es auch eine Art Schrebergartenglück, eine Frucht aus dem Garten, den man gepflegt hat. Das Bild zählt sowohl im Kleinen wie im Grossen, auf allen Ebenen des Staates, der Wirtschaft und der Kultur und auch im persönlichen Leben. Das Werk allein genügt nicht, es muss auch glücken.

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