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Liebeserklärung an Zürich

Hans Peter Treichler war ein begeisterter Zürcher. Im Nachlass des 2019 verstorbenen Germanisten und Historikers fand sich das Manuskript für ein Porträt seiner Stadt, das nun posthum publiziert vorliegt: «Zürich – ein historisches Porträt».

Es ist keine klassische Stadtgeschichte, sondern eine Alltagsgeschichte Zürichs, an der Treichler über Jahrzehnte gearbeitet hat. Sie entstand als Nebenprodukt vieler anderer Recherchen und Publikationen zu Themen wie Brücken, Verkehr, Essen, Presse, Licht oder Theater. Treichlers Zürich ist das Alte Zürich mit Wurzeln im Mittelalter, und immer wieder mit Bezügen zur Neuzeit.

Die siebzehn Kapitel sind in sich schlüssig und müssen nicht in der Reihenfolge gelesen werden. Mich hat das Kapitel «Das weibliche Prinzip – Marktfrauen, Dienstmägde, adlige Damen» zuerst angesprungen. Meine Grossmutter kam 1904 vom deutschen Kempten nach Zürich und arbeitete bei einer reichen Familie als Dienstmädchen. Sie hatte als 16-Jährige den Mut, allein aus der Armut auszubrechen und ein Leben in der Fremde zu wagen. Natürlich erscheint sie, wie die vielen namenlosen Dienstmädchen damals, in keinem historischen Archiv, oder nur wenn sie straffällig wurden. Bildliche Zeugnisse von Küchenmägden, Marktfrauen oder Wäscherinnen existierten bis ins 19. Jahrhundert kaum.

Passantinnen an der Bahnhofstrasse, vermutlich in den 1890er-Jahren. Im Hintergrund das «Haus zur Trülle», wo die Stadt bis in die frühe Neuzeit Missetäterinnen und Delinquenten öffentlich bestrafte.

Der Autor beginnt das Kapitel mit der Verehrung edler Frauen, dem Minnedienst im Mittelalter. Den ältesten gereimten Liebesbrief in deutscher Sprache aus der Zeit um 1300 fand man in Zürich. Das kleine Pergamentstück war im Dachgebälk eines Hauses am Rennweg versteckt. Die «Manessische Liederhandschrift» ist vom Titel her allgemein bekannt und Hans Peter Treichler zitiert einzelne Verse daraus. Sie handeln nicht nur von Liebe, sondern auch in saftigen Reimen von einer verzweifelten Gattin, die vor der leeren Speisekammer über Hunger klagt. Diese Verse sollte man wieder einmal lesen, nehme ich mir vor.

Treichler geht auch auf die vielfältigen Lebensweisen der Frauen im frühen Zürich ein, wie das Leben der Beginen, geistlicher Frauen, die in Wohngemeinschaften im Predigerquartier lebten und ihren Lebensunterhalt mit Leinwandweben verdienten, bettelten oder mit ihren Dienstmägden zusammenwohnten. Schwieriger war es für bürgerliche Ehefrauen, wenn sie sich scheiden lassen wollten. Schläge vom Ehemann wurden vom Ehegericht als Züchtigungsrecht gedeckt. Interveniert wurde erst, wenn Lebensgefahr vorlag oder keine Kinder zur Welt kamen.

Die ehemalige Franziskanerkirche des Barfüsserklosters an den Unteren Zäunen wird 1834 als Aktientheater und erstes Zürcher Stadttheater eröffnet. Zehn Jahre erlebt es unter der Leitung von Charlotte Birch-Pfeiffer eine Blütezeit. In der Neujahrsnacht 1890 brennt das Gebäude aufgrund einer defekten Gaslampe komplett aus.

Noch in den 1890er Jahren sitzt das Publikum im neuerbauten Volkstheater am Pfauen an langen Tischen und lässt sich während der kurzen Vorstellungen bewirten. Der Autor beleuchtet im Kapitel «Vorhang auf – Theater im 18. Jahrhundert» die Entwicklung des Theaters in Zürich, das bis zur Reformation grosses Spektakel auf den Märkten mit Zauberkünstlern, Seiltänzern oder der Schau missgestalteter Menschen war.

Einen Nachweis zu den frühesten ernsthaften Zürcher Aufführungen mit einer Bühne und Zuschauersitzen fand Treichler erst 1758. Eine deutsche Theatertruppe aus Königsberg – es soll ein richtiges Starensemble gewesen sein – war aufgrund der Wirren des Siebenjährigen Kriegs zu einer mehrmonatigen Tournee gezwungen und machte Zürich mit hervorragender Bühnenkunst vertraut. Eine Situation, die sich 200 Jahre später auf ähnliche Weise wiederholte, als deutsche und vor allem jüdische Emigrantinnen und Emigranten das Pfauentheater in den 1930er- und 1940er Jahren zu einer der führenden deutschen Bühnen machten.

Das Zürcher Transportwesen hat zahlreiche Umbrüche erlebt, etwa verdrängten elektrisch betriebene Trams die traditionellen Pferdefuhrwerke. 1910 verkehrten sie am Bellevueplatz noch gemeinsam.

Die «Verkehrsmisere – Enge und steile Gassen» gab seit vorreformatorischer Zeit Anlass zu Klagen. So sollten die anreisenden Fuhrwerke ihre Getreideladungen in einem anderen Stadtteil ausladen und nicht direkt auf dem Marktplatz mit den engen Zufahrtsgassen. Im 19. Jahrhundert beanstandete ein Zeitgenosse die zu schmalen Trottoirs, auf denen die Fussgänger befürchten mussten, durch Fuhrwerke erdrückt zu werden. Die Diskussion um ein friedliches Nebeneinander von Fussgängern und Fahrzeugen geht bis heute weiter.

Coverbild: Blick vom Hotel Bellevue auf die Zürcher Altstadt, um 1890

Zum Motorfahrzeug-Verkehr im frühen 20. Jahrhundert fand Treichler reiches Quellenmaterial. Die Menschen klagten über die «stinkenden Auspuffgase» und die Lärmbelästigung. Rücksichtsloses Fahren war 1908 grosses Thema im Leitartikel der Neuen Zürcher Zeitung, und als es die ersten Todesopfer gab, sprach man von den «fahrenden Guillotinen». In den Tageszeitungen bekam die Sparte «Verkehrsunfälle» ihren festen Platz. Als Folge wurden erste Verkehrsregelungen an den Knotenpunkten am Central und Paradeplatz eingeführt, später die gelbbemalten Fussgängerstreifen sowie das Ampelsystem, wie wir sie heute kennen.

Hans Peter Treichler (1941-2019) wurde bekannt als Journalist und Buchautor, aber auch als Chansonnier. Er war Mitarbeiter von Radio DRS und gestaltete zahlreiche Ausstellungen im Landesmuseum Zürich mit.

Bilder: Die Fotos sind dem Buch entnommen

Hans Peter Treichler, «Zürich – ein historisches Porträt», mit historischen Aufnahmen aus dem Baugeschichtlichen Archiv Zürich, Verlag Hier und Jetzt, Zürich 2021
ISBN 978-3-03919-536-7

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2 Kommentare

  1. Danke Frau Vuillemier für die treffende Rezension – ja, ein wunderschönes liebevolles Buch. Ich bin auch so ein Züri-Liebhaber, die Löwenstadt gibt mir/uns so viel. Darf ich die Gelegenheit wahrnehmen, auf ein anderes Buch, das auch eine Liebeserklärung für die Limmatstadt ist, in Erinnerung zu rufen: «Alles in Allem» von Kurt Guggenheim. Eines der schönsten Bücher (auch die Personen betreffend), das ich kenne. Es beschreibt ein Teilbereich (1898-1945) des Buches von Hans Peter Treichler. Die beiden ergänzen sich gegenseitig perfekt.

  2. Danke Danke wunderbar geschrieben so elegante Damen und Herren es ist eine Freude das zu lesen und sehen. Das Buch werde ich kaufen.

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